Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 34 (5.9.1890)
- Date
- 1890-09-05
- Page
- Seite 448 (sequence 8)
- Language
- German
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448 Die späteren Midrasche verkörperten in Salomo die praktische Lebensweisheit. An seinen Hof kamen Jünglinge aus aller Herren Lander, um von ihm Weisheit zu lernen. Ter Midrasch weiß von solchen drei Geschwistern zu erzählen, welche 18 Jahre am Hose des Königs waren. Als sie von ihm weggingen, gab er Jedem von ihnen 800 Gulden als Lohn, aber der jüngste Zögling brachte das Geld | zurück und begehrte Weisheit. Hieraus gab der König dem Jüngling! drei Rathschläge: Sobald der Morgenstern aufgehe, soll er sein i Zelt aufstellen und am Abend noch vor dem Sonnenuntergang sein j Lager ausrichten; zweitens soll er über keinen anschwellenden Fluß! gehen, und schließlich einem Weibe nie ein Geheimniß anvertrauen,! auch seiner eigenen Frau nicht. Der Midrasch führt dieses Gleichnis; j noch aus und erzählt, daß der Jüngling einst mit seinen Brüdern j zusammen: reifte; als sie an eine Stelle kamen, welche sich zun: Lagern j eignete, meinte der Jüngste: „Hier laßt uns Hütten bauen, beim j hier flieht es Wasser und Holz, sowie Gras, womit wir unsere Pferde i füttern können; wir wollen hier übernachten und morgen früh weiter! ziehen." Seine Brüder verlachten ihn jedoch und verließen ihn. (fr j spaltete Holz, machte Feuer, und nachdem er seine Pferde gefüttert,! schlief er die Nacht hindurch. Seine beiden Brüder irrten noch bei! Tagesanbruch planlos umher, ohne daß sie einen Baum oder eine Weide gefunden hätten. Tie große Kälte nahm sie so sehr mit, daß sie der Jüngste tobt fand. Weinend stürzte er sich über sie, nahm ihnen das Geld ab, beerdigte sie und ging weiter. Unterwegs fand er wieder Gelegenheit, den zweiten Punkt des! Rathes zu bethätigen. Ten Tritten jedoch beherzigte er nicht: nachdem er lange gequält wurde, entdeckte er seiner Frau das Geheimniß seines Reichthums. Er hatte das bald zu bedauern, denn sein Weib sagte zu ihm! im Zanke: „Ist es nicht genug, daß Tn Deine beiden Brüder ermordet hast: willst Tu mich jetzt auch tobten Als die Gattinnen j seiner Brüder dies hörten, verklagten sie ihn beim Könige; dieser ließ! ihn zum Tode verurtheilen. Bevor er hiugerichtet wurde, ließ ihn! der König zu sich kommen. Ta flehte der Delinquent: „Ich bin der Jüngste von den drei Brüdern, der Dir das Geld zurückgab, damit Du mich Weisheit lehrtest." Der König erkannte sofort die Wahrheit : und sagte: „Fürchte Dich nicht, das Vermögen Deiner Brüder soll ' Dir gehören und die erworbene Weisheit beschützt Dich vor dem; Tode. Gehe und freue Dich Deines Lebens." Zn jener Stunde fügte der König noch hinzu: „Erwirb Weisheit, das ist besser wie ' Gold." (Spr. Sal. KJ. 10.) Im Grunde bildet dieser Vers die Pointe der Erzählung und-' ist wahrscheinlich deswegen verfaßt worden. P -----E Feuilleton. >*»•"- Sünder und Sünden. Vvn Nathan Samuel;;. „C, daß die Sünden vvn der Erde verschwinden!" Diese Psalmcnstclle pflegte mein gottseliger Pater sehr oft zu zittiren und dabei immer den freisinnigen Satz des Talmud hinzufügen: Die Sünden, aber nicht die Sünder. Diese Psalmenstelle war es auch, die mein Pater einmal als sehr wirksame Waffe ins Feld führte gegen einen wüthenden Feind unseres! Stammes, von deni ich hier erzählen will.! In unserer Nachbarschaft wohnte ein Staatsbeamter, dem man sonst nichts Schlechtes nachzusagen hätte, höchstens, daß er ein verhetzter Judenfeind war, so daß schon der Anblick eines Juden genügte, ihn außer alle Fassung zu bringen. Wie zum Trotze war er im Hause von lauter Inden umgeben, von kleinen, großen, armen, reichen, von Männern, Frauen und Kindern, kurz, in allen nur beliebigen Sorten. Wie aber auch immer die armen Juden sich ihm gegenüber betrugen und was auch immer ihre Beschäftigung war — seinem Tadel und giftigem Hohn entgingen sie nicht. Zog einer vor ihm den Hut, dann ärgerte er sich über das kriecherische Judenvolk mit dem ewigen Katzenbuckeln — ging wieder einer achtungslos an ihm vorüber, dann schäumte er gegen jüdische Arroganz und Nascweishcit — brachte es einer in dem Geschäft zu einem Bermögen, dann hatte er nicht genug Worte des Tadels gegen jüdische Geldgier und Gewinnslicht. — Ging einer beschäftigungslos, dann waren alle Juden ein Polt vvn Schmarotzern und Müsfiggängern. — Lebte einer karg und eingczogen, dann belustigte er sich über jüdischen Geiz, — lebte einer auf breitem Fuße, dann eiferte er gegen jüdische Aufschneiderei und Verschlvcildnngsslicht. Kurz, lvas die Juden auch immer thatcn, war schlecht, und zwar traf sein Tadel nie den Einzelnen, sondern immer das ganze Jndenvolt, dessen Tugenden selbst in seinen Augen lauter Laster waren. Sein Töchtercheu jedoch, die kleine Muschu, — ein reizendes Blvndköpfchen von sechs Jahren — konnte sich mit den Anschauungen ihres Paters nicht befreunden. Wohl an die zwanzig Mal am Tage hüpfte sic zu uns wie ein lustiges Vögelchen herein, und trotz aller Abneigung ihres Paters gegen Alles, was jüdisch ist, fand sie den jüdischen Lebkuchen, den ihr meine Mutter gab, über alle Maßen gut und schmackhaft. Kam sie zu uns ins Ziminer, dann griff sie sofort llach dem Schlüsselbunde an der Schürze der Mutter und klingelte mit diesem so lange herum, bis die Mutter sich daran criinrerte, daß unter den Schlüsseln einer vorhanden sei, der den Spciscschrank öffnet, und daß in diesem Speiseschrank eben der Lebkuchen liege, den die kleine Muschu sich so gut schmecken läßt. Bekam sie das Gewünschte, dann biß sie so frisch hinein, daß an dem Angcbissenen die Spuren aller ihrer Perlenzühne zu sehen waren, »vorauf das Schnicichelkätzchen sich der Mutter auf den Schoos; setzte, die ihr das seidenweiche Haar so lange strich und glättete, bis sie in ihren Armen cinschlief — aber da ließ sich schon die Stimme des Dienstboten in der Küche vernehmen: „Muschu, Muschu! der Vater hat schon, zweimal nach Dir gerufen!" Und das Kind mußte das weiche Lager verlassen, ivo es so lieb eingcschluinmcrt lvar. Daz;> gab cs noch zu Hause Schcltworte vom Vater: „Schon wieder bei der Judenfamilie! Wie oft muß ich Dir sagen, daß das mir nicht recht ist?!" „Aber Papachen," wehrte das Kind, „wenn Du wüßtest wie die Nachbarsleute zu mir gut und lieb sind, würdest Du mir selber sagen: Geh nur oft zu den lieben Leuten hin!" Da half kein Reden — dem kleinen Trvtzköpfchen war es nicht beizubringen, daß jüdische Leute nicht gut und lieb sein können, und da war immer das Ende vom Her- und Hinreden, daß Papa nicht ohne lachende Miene der Mama sagte: „Ich sage, die jüdischen Nachbarsleute haben uns unser Kind behext!" Und richtig, bevor man sich versah, lvar sie schon bei uns und saß der „Coeeia", wie sie die Mutter nannte, auf dem Schooß, oder machte sich, wenn diese nicht zu Hanse war, an den „Wujein"'), wie sie meinen Vater hieß, der sich gern dem amnnthigen Geschwätz des Kindes überließ... Aber der Vater dieses Kindes glaubte genug Grund und Ursache zu haben, gegen Alles, was von Juden kommt, sich tief abgeneigt ') Outet.