Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 34 (5.9.1890)
- Date
- 1890-09-05
- Page
- Seite 444 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227860--47322-3268837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
444 yid)tc strahlen iverde Ivie die Sonne, >md daß die Sonne die Licht-! stärke Rer Schöpfungswoche wieder erhalten werde, welche Gott derj mindert hat, weil er einsah, daß die sündige Welt dieses kostbaren 1 Lichtes nicht würdig sei. (Jesaja 80. 26. nnd die Midraschstellen.) Solche Dinge stehen sogar inr Gebetbuch und werden noch heutzutage! von Hunderttausenden allmonatlich mit voller Inbrunst wiederholt.! Wir dürfen nnsere Ansicht keineswegs von dem Volke regieren lassen, j sondern wir müssen im Gcgentheil trachten, die Wahrheit in solcher Weise zu verbreiten, daß sie bei dem Einen nicht Anstoß errege und! bei dem Anderen nicht mit allzugefährlicher Erschütterung wirke. Was aber von Allem das Wichtigste ist: wir können der! Wissenschaft nicht Unrecht geben, denn es muß uns selbst daran gelegen sein, für »ns die Wahrheit zu erkennen. Ein richtiges Ver- : ständniß der Bibel ist heutzutage nicht möglich, wenn wir sie nicht mit freier litterarischer Kritik behandeln. Im ersten Buche Samuel wird uns einmal erzählt, daß Saul David erst kennen lernte, als dieser den Riesen Goliath besiegte (17. 25. f.), ivährend kurz vorher : gesagt wird, daß David zuerst als Harfenspieler an den Hof Sauls gekommen, sei und noch in demselben Kapitel vor dem Berichte über j den Kampf mit Goliath angegeben wird, daß David hin und wieder! von Sauls Hofe nach Hause zurlicktehrte. Das wäre unverständlich, wenn wir nicht der Meinung Raum geben, daß hier zwei verschiedene Berichte über die Art, wie David ans einem schlichten Hirten zum berühmten Feldherr» wurde, vorliegen. Thun wir das nicht, so > müssen wir mir ebenso wie der Talmud und nach ihm Raschi glauben, 1 daß Saul bei den Worten: „Wessen Sohn ist der Knabe", die er an j Almer richtete, die talmudische Streitfrage, ob der Nachkomme einer . Moabiterin vollberechtigter Israelit sei, erörtern wollte, oder endlich, wir müßten wie Meier Obornit in seinem Binr annehmen, daß der König den David nicht erkannte, weil er ihn sonst nur in aufgeregten Zeiten . zu sehen Pflegte. Das wäre allerdings unumgänglich nöthig, wenn I wir die traditionelle Annahme, daß der Prophet Samuel selbst der Verfasser des nach ihm benannten Buches gewesen sei, acceptiren wollten. : Nicht anders geht es uns mit der Thora. Wenn es im zweiten! Buche Moses (21. 6.) heißt, daß ein Sklave, welcher über das siebente j Jahr hinaus freiwillig bei seinem Herrn bleibt, ewig dienen muß, und wenn es im dritten Buche (25. 10.) heißt, daß im Jobeljahre ein jeder zu seiner Familie und zu seinem Erbe zurückkehren solle, ohne daß wieder von dem Freiwerden in dem Sabbathjahre die Rede ist, so kann man wohl mit gutem Gewissen sich nicht dadurch helfen, daß man sagt, das Wort „ewig" bedeute in dem einen Falle nicht lebenslänglich, sonder» bis zum Jobeljahre und in dem anderen Falle sei das Freiwerden im Sabbathjahre stillschweigend vorausgesetzt. Auch wo keine Widersprüche vorhanden sind, sondern bloß Wiederholungen desselben Gesetzes oder stilistische Unterschiede derselben Erzählung, dürfen wir darin nicht mehr eine Absicht des Autors, sondern wir müssen darin zwei Rezensionen sehen, denn wir tonnen doch nicht mehr behaupten wollen, daß bei Verkündigung des vierten Gebotes die Worte „gedenke und beobachte" in einem Athem gesprochen wurden, sonst kommen >vir dahin, wo die alten Tarschanim standen, wir kommen dahin, wie Ephraim Lenchez, Verfasser des "ip’ ips Gründe dafür auffinden zu wollen, warum Gott zu MoseS sagte: „ziehe deine Schuhe von deinen Füßen", während der Engel zu Josua sprach: „ziehe deinen Schuh von deinem Fuße". Wir müssen, dürfen und können nicht gleich dem Vogel Strauß den Kopf in den Busch stecken, um das nicht zu bemerken, was unser Leben bedroht. Wir dürfen und können und müssen uns nach den Worten des weisen Königs (Spr. 28. 28. > richten: „Die Wahrheit erwirb und gieb sie nie Preis." d Nathan der Weise. Von Professor Dr. H. Steinthal. Es ist zwar die unmittelbare Wirkung eines Kunstwerkes, daß man sich daran erfreut, ohne an den Urheber zu denken. Bei näherer Betrachtung desselben jedoch, und besonders wenn man es voll zu verstehen, zu begreifen und zu würdigen oder gar gegen Angriffe z» vertheidigen versucht, wird man nothwendig und unausweichlich am den Geist des Urhebers hingewiesen. So habe ich z. B. schon einmal bemerkt: wie erhaben auch die Worte unserer Propheten sind, si, selber, die Urheber dieser Reden, sind in ihrer Person noch erhabener. Ein ganz analoges Urtheil möchte ich über den Nathan und dessen Dichter Lessing fällen. Welch eine Fülle von Unglück und Hau ist über das Leben dieses Mannes gegossen! welch einen vielseitige» Kampf gegen thörichte und gegen böswillige Angriffe hatte er z» bestehen! Und doch, gerade gegen Ende seines bedrängten Lebens, seines, wie es schien, wenig belohnten, wenig gelungenen Wirken-:, tritt er mit seinem Nathan in Engels-Ruhe und -Heiterkeit, in Engels Rüstung auf und liefert ein Bild des einstigen Gottes-Reiches! Da giebt es keinen Zorn gegen die Menschheit, auch keine Trauer und kein Mitleid über sie und keine Furcht vor irgend etwas; lächelnd wie aus seligen Höhen blickt er auf uns herab und überläßt um. den Lebenden, den Strebenden, den Zorn und die Trauer und die mitleidsvolle Arbeit, hinterläßt uns die Fortsetzung des Kampfe:, dem er nun entrückt ist. Diese Gedanken waren mir gekommen, nachdem ich in der Sonntags-Beilage der Bossischen Zeitung Nr. 23, 25—27 dieses Jahre: einen Artikel über „Lessings Nathan" gelesen hatte. Der Verfasser dieses Artikels nennt sich Karl Werder. Das ist der Prof. Werde:. dessen ich in diesen Blättern schon einmal (S. 238 a) gedacht habe, der intime Freund von Veit und Sachs. In anschauliche,; Deutlichkeil zeigt er uns die Vorgänge und Szenen und die Charaktere der mir tretenden Personen nnd entwickelt die Harmonie zwischen beiden Alles in hinreißender Begeisterung nnd doch mit dem Stempel drr Zuverlässigkeit. Ich möchte hier nur wenig hinzufügen, was »n: als Juden besonders angeht. Wir müssen ja naturgemäß Lessiiw: Kampf aufnehmen; und wenn wir dies unmöglich in Nathans Ru!» thnn können, so müssen wir doch stets auf diese Höhe mit ihre:» ungetrübt heitern Aether hinaufblicken, um uns immer wieder zu kräftigen, aber auch zu reinigen. Die ästhetische Betrachtung der dramatischen Form geht uns zwar nichts an; indessen lebt doch bei Meisterwerken, wie der Nathan, Form nnd Inhalt so in einaude daß wir gut thnn werden, auch die Form ins Auge zu fassen. Daß Schiller wie Bischer mit einer falschen Theorie, mit eine»: . ästhetischen „Vorurtheil" (das ihnen Werder vorwicft) an de»! Nathan getreten sind, ist unzweifelhaft. Warum wurden sie ab»! durch dieses Gedicht nicht von ihrem Jrrthum befreit? Sie haben j dasselbe so gar nicht verstanden, daß man kurzweg sagen muß: »e j hatten kein Organ, keinen Sinn für den Nathan. Und warum di,:! nicht? was fehlte ihnen denn? Sie waren doch sonst nicht unfähig.! echt Poetisches zu erfassen? Oder fehlte es ihnen an „reiner Hum»' | nität", und war ihr „Vorurtheil" nicht blos ästhetische „Orthodoxie »! wie ihnen Werder vorwirft, sondern auch (man scheut sich, es ■» i sagen, es zu denken) ethisches Vorurtheil? j. Nun, so arg wird es ja wohl nicht gewesen sein. Aber es schei»! mir in der That, als wären die beiden Schwaben Schiller und Bisch» auf dem Standpunkte stehen geblieben, auf welchem ihr alter Land-» mann, der Tempelherr, steht, wenn das Drama beginnt, und aü : hätten sie die Entwicklung und Reinigung nicht durchgemacht, duräi I welche dieser im Gange des Dramas geführt wird.