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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-05 · Heft 34 (5.9.1890) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 34 (5.9.1890)
Date
1890-09-05
Page
Seite 443 (sequence 3)
Language
German
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Erst wenn wir zu einem selbstständigen und unabhängigen ilrlheil über die heilige Schrift gekommen sind, können wir den geschichtl jchen Gang unserer Theologie verstehen und würdigen. Das Judenthum hat seit Zunz' bahnbrechendem Wirken eine wissenschaftliche Theologie sich geschaffen, indem ds anfing, den Endzweck aller Studie» nicht ausschließlich in der Feststellung des Erlaubten und Verbotenen zu sehen. So rühmenswert!) es ist, daß man die mittelalterliche Litteratur :literarisch und geschichtlich würdigte, so muß auf der andern Seile wohl in der Hingabe an dieses Fach der theologischen Wissenschaft der Grund gesucht werden, warum die Arbeit auf dem Gebiete der Bibelexegese zurückgegangen oder doch weit hinter den Leistungen christlicher Forscher zurückgeblieben ist. Freilich ist dieser Rückgang noch immer ein Aufschwung gegenüber dem letzten und besonders gegenüber dem vorigen Jahrhundert, aber wenn man bedenkt, daß bis zum 15. Jahrhundert die Juden die einzigen Bewahrer einer richtigen Methode der Schrifterklärungen waren, daß die Werke eines hbn Esra und David Kimchi noch heutzutage verwendbar und schätzenswert!) sind, so muß es uns befremden, daß die Juden an diese Arbeiten sich weniger angeschlossen haben als die christlichen Forscher. . Der Grund für diese unleugbare Thatsache scheint mir nur in v-er zaghaften Stellung zu den Ergebnissen einer wissenschaftlichen Uritik zu liegen. Man fürchtet, durch die Beschäftigung mit der viblischeu Wiffenschaft zu Resultaten zu gelangen, welche, so unumstößlich sie auch sein mögen, dennoch in unfern Gemeinden oder bei dem Meine» Theile derselben, der für die Wissenschaft noch einiges Interesse bot, Anstoß erregen, weil sie sich zu den herkömmlichen Ansichten in Widerspruch stellen. Man bleibt ruhig bei der Meinung stehen, daß »des biblische Buch, so wie es vor uns liegt, aus der Hand seines wirtlichen oder vermeintlichen Verfassers hervorgegangen ist, man bleibt offiziell wenigstens dabei, daß die Thora vom ersten bis zum eilten Wort von Moses eigenhändig uiedergeschrieben wurde, man >leicht alle Widersprüche zwischen einzelnen geschichtlichen Berichten wer Gesetzen dadurch aus, daß man von der Annahme ausgeht, ein Autor habe mit voller Absicht diese Widersprüche sich zu schulden »mimen lassen, nur um den Lesern für alle Zeit unentwirrbare Aäthsel aufzugeben, und man fährt fort, den Sinn der Bibel durch Deutungen zu entstellen, welche vom wissenschaftlichen Standpunkte nicht riier sind als Christologie. Dem gegenüber wollen wir die Frage aufmerfen: müssen, dürfen und können wir die kritische Exegese ignoriren? Die erste Frage lautet natürlich, ob wir die Ergebnisse einer »Bischen Betrachtung der heiligen Schrift negiren müssen, denn »eim wir das wirklich müßten, daun wäre.es auch kein Zweifel, baß wir es sollten. Was ist denn bequemer, als sich den hergebrachten Meinungen ohne Weiteres anzuschließen? Was ist beniemer, als die natürlichen Empfindungen unserer Gemeindemitglieder, welche die Göttlichkeit der heiligen Schrift von den Worten und den Buchstaben verstehen, als die einzig berechtigte religiöse Anschauung anSzugeben und sich so auf die Seite unserer natürlichen Verbündeten zu stellen? In den Anschauungen unserer Geineindeinitglieder giebt es ja im Grunde nur zweierlei Denkweisen: die eine, welche das Herkömmliche ohne jede Kritik sich zu eigen macht, die andere, welche es völlig negirt und sich auf den Standpunkt stellt, daß die heiligen Schriften der Feder herrschsiichtiger Priester entstammen, welche die Seelenangst des Volles für ihre Zwecke ansbeuteten. Stellt man sich nun auf den Standpunkt, daß die heiligen Schriften nur nach ihrem Ideengehalt heilig sind, daß sie aber in ihrer schriftstellerischen Form blos Menschenwerke seien und ihre Entstehung daher ebenso wie ein anderes Erzeugniß der Litteratur betrachtet werden müsse, so haben wir wegen des Letzteren die Frommen zu Feinden, und wegen des Ersteren werden wir von den Freigeistern als Pfaffen verschrieen. Was wäre also natürlicher, als daß wir uns der herkömmlichen Ansicht auschließen, wodurch der Tadel der Gegner, welche in dem Glauben eine Standespflicht sehen, gemildert und der Tadel der Freunde vermieden wird. Wenn wir also nicht anders müßten, dann würden wir ebenso gut wie Jehuda Haler» in der Treue der geschichtlichen Ueberlieferuug die Hauptstütze der religiösen Wahrheit sehen und würden ebenso, wie es noch Moses Mendelssohn gethan hat, dabei bleiben, daß die Thora vom ersten bis zum letzten Worte von Moses so niedergeschrieben wurde, wie wir sie heute besitzen, daß das erste Exemplar der Thora dieselben Schriftzeichen, dieselben Absätze und sogar dieselben Vokalzeichen, Accente und Raudnoten besaß, welche unsere gedruckten Ausgaben von heute ausweisen. Wir müssen aber nicht, denn, so verbreitet auch die eben geschilderte Ansicht war, eine allgemeine ist sie nicht gewesen. Im Talmud (Laim Imtlira 15 a) wird schon die Ansicht ausgesprochen, daß die letzten Worte der Thora nicht von Moses selbst geschrieben, sondern von Josua hinzugefügt worden seien. Diese Ansicht wird wohl von einem andern Lehrer bekämpft, aber nicht deswegen, weil sie mit der religiösen Anschauung des Judenthinns unvereinbar wäre, sondern weil man meinte, aus der Thora das Gegentheil beweisen zu können. Im Mittelalter hat der Gaon Jsak Israeli die Behauptung ausgestellt, daß die edomitische Königsreihe int ersten Buche Moses (Kap. 36) erst zur Zeit Josaphats niedergeschrieben worden sei, Jbn Esra, der ihn deswegen auf das Härteste angreift, hat selber einzelne Stellen der Thora und besonders das Schlußkapitel der nachmosaischen Zeit zugewiesen. Es liegt daher kein Grund vor, daß wir heutzutage gegen unsere bessere Ueberzeugung in dieser Frage einen Standpunkt einnehmen müßten, welcher jeder Wissenschaft diametral entgegengesetzt ist und sich durchaus nicht halten läßt, denn was R. Simon (Halm Imtlira a. a. O.) über die Autorschaft Moses' sagt, ist doch nicht die Ansicht Moses' selbst, sondern die Ansicht eines Mannes, der wissenschaftlich mindestens nicht schwerer ins Gewicht fällt, wie Jbn Esra, Richard Simon oder Ferdinand Hitzig. Wir müssen also durchaus nicht ans religiösen Gründen im absoluten Gegensatz zu der wissenschaftlichen Ausfaffung von der Bibel verharren, aber was mehr sagen will, wir dürfen es nicht. Wir dürfen es schon deswegen nicht, weil dann die Wissenschaft über uns zur Tagesordnung übergeht, und zwar mit demselben Rechte, mit welchem sie über die christologischen Schriftauslegungen der kirchlichen Exegeten von Hieronymus bis auf Hengstenberg und Keil zur Tagesordnung übergegangen ist. Wir dürfen es auch nicht, weil wir unter allen Umständen der Wahrheit die Ehre geben müssen, ob sie für uns angenehm oder unangenehm, nützlich oder schädlich ist. Damit, daß eine wissenschaftliche Anschauung uns Verlegenheiten bereitet, ist sie nicht einmal bekämpft, noch weniger aber aus der Welt geschafft. Wir dürfen uns nicht zurückziehen, um, wie Rapaport es seiner Zeit gethan hat, die Massora als einen Beweis für die Unmöglichkeit, eine Textschwierigkeit durch Konjektur zu beheben, anzuführen. Wir dürfen auch nicht einmal, wie S. D. Luzzatto, der Tradition zu Liebe die einheitliche Abfassung des Pentateuchs unbedingt vertheidigen. Solche vermeintliche religiöse Gründe sind zu allerletzt nur noch leere Behauptungen, und auf dieselbe Weise könnte man auch noch heute nicht davon abgehen, daß einmal der Mond mit einem so starken i t

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