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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-29 · Heft 33 (29.8.1890) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 33 (29.8.1890)
Date
1890-08-29
Page
Seite 440 (sequence 12)
Language
German
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440 hatten, und die er nie gesehen hatte. Die Herzen öffneten sich ihm nicht, die Gemiither zeigten sich ihm säst mißtrauisch; seine Gegenwart war die eines Fremden. Chonja suchte einen Trost inmitten jener alten Gesetzesgelchrten,! unter denen er sehr berühmt war. Und als er sich für den, der er war, zu erkennen geben wollte, der er war, als sein Name noch mit großer Ehre genannt wurde, sahen sie ihn mit Ueberraschung an und stießen ihn mit Unwillen zurück, indem sic sagten: „Chonja ist seit langer Zeit tobt, Ihr seid es nicht." So von Allen zuriickgestoßen, irrte er lange allein, blos in Gesellschaft seiner trüben Gedanken umher, und vergeblich rief er mit der Verzweiflung der Leidenschaft einen Verwandten, einen Freund an. Denn er konnte sich in der Gesellschaft nicht vorstellen ohne einen Namen, und wenn er sich mit seinem Namen vorstellte, wurde er als Lügner zurückgewiesen. Eines Tages kam er auf den Gedanken, in die Akademie der Gelehrten zu gehen, in welcher er einst mit so viel Ehren aufgcnoinmen zu werden Pflegte. Aus Furcht, als Betrüger zurückgewicseu zu werden, sprach er weder von sich, noch von seinem Namen, sondern hörte aufmerksam die gelehrten Diskussionen an. Jeden Augenblick wurden von den Weisen die Grundsätze des Chonja, die Meinungen des Chonja, das Beispiel des Chonja, wie das einer schon lange gestorbenen Person, angeführt. Und der lebendige Chonja hörte zu > und wagte nicht, ein Wort zu sprechen, nur die Thränen benetzten! ihm das Gesicht.! Er verließ die Akademie mit einer unaussprechlichen Empfindung : des Schmerzes, indem er sich zur Erde niederwarf, und die nassen Augen zum Himmel wendend, betete er also: „Mein Gott, mein Gott! i entweder die Gesellschaft, oder den Tod; ich bin allein auf der Erde; ach, rufe niich zu Dir ab." Und der Herr hatte Mitleid mit ihm, und nach wenigen Tagen verschied er. U An den West. Von Jehuda Halevi, deutsch von Bernhard Lvwensteiii.') Sei mir gegrüßt, o holder West, Ter mich zur Heimath ziehen läßt! Mir trieft's von deinem Blüthenhaar Wie Balsamperlenthau fürwahr. Du bist, o leiser, frommer Wind. Bon würz'gen Blumen schcint's ein Kind, Bist nicht den andern Winden gleich, Und stammst wohl nicht aus ihrem Reich. Du ziehst wie Schwalben durch die Luft, Und überbrückst mir Meereskluft, Dein Odem ist getränkt mit Duft, Dein Säuseln mich zur Freiheit ruft. Ich bin ein Sohn in Liebesgluth Des Voltes, das mit festem Muth (bewandert kühn durch Meercsfluth, Trotz Wogendrang und Stnrmeswuth. Um dann durch Wüstengraus und Sand Zu ziehen in das Heimathland; Verlaß darum mein Schifflein nicht! O steh' ihm bei im Sonnenlicht, ') Aus dem Nachlasse des vortrefflichen Leniberger Predigers, der I vor nunmehr Jahresfrist heimgegangen.! Und schließ' im Dunkel -auch der Nacht Die Augen nicht als treue Wacht. Und kommt der Sturm, so wehe ihm! O wehre seinem Ungestüm. Daß er die Hand an's Meer nicht legt Und nicht der Wogen Wuth erregt. Vor einem Hauch von deinem Thron. Beugt sich des Sturmes wilder Hohn. Des Abgrunds Spiegel glätte mir, Bezähm' des Meeres wilden Sinn Und trage mich zum Lustrevier, Zu Palästinas Bergen hin! So bet' ich denn zu dir, mein Hort, Du schufst ja beide, West und Sturm, An meines schwanken Schiffes Bord Bleibst du mir, Gott, ein Felsenthurm. Doch sind die Winde nicht gebannt Durch meines Gottes Allmachthand Er fesselt, er befreiet sie, Sie trotzen seinem Willen nie! U Litterarische Mittheilungen. Stunden der Andacht. Gebetbuch für Mädchen und junge Frauen israelitischen Glaubens. Von Fanny Neu da, geb. Schmiedl. Neue Folge. Dritte verbesserte Auflage. Breslau, Wilhelm Köbner, 1890. Das Bedürfniß nach Andacht und Erbauung ist beim weiblichen Geschlecht im Allgemeinen ein tieferes als bei dem männlichen, und schon seit der Väter Zeit ist die hebräische Gebetordnung, der Siddur, zur Stillung dieses Bedürfnisses nicht für genügend erachtet worden. Was in der i Synagoge die Reform erst nach heftigen Kämpfen zu erringen vermochte,! das Gebet in der Landessprache, im Hause herrscht es seit Jahrhunderten, j Mit dem Fortschritt der Kultur und des deutschen Wissens unter den : Juden haben auch diese Andachtsbücher ihre Gestalt gewechselt, itnb au; die Stelle des einstigen Iwri-teutscli ist das reine Hochdeutsch getreteni Unter den „Techinotli“ nehmen die „Stunden der Andacht", welche Fanny Neuda seit 1854 in stets verbesserter Form herausgiebt, einen hervorragenden Platz ein, einmal, weil es eine Frau ist, die hier aus ihrer Kenntniß des weiblichen Gemüthes heraus ihren-Schwestern die Andachtsworte in den Mund legt, sodann aber, weil die Verfasserin durch Adel der Sprache und durch Innigkeit der Gedanken dem für Frömmigkeit empfänglichen Sinn der Frauen willkommene Gaben bietet. Gläubigkeit und Gottvertrauen spiegeln sich in jedem der fast alle Lebenslagen berücksichtigenden Gebete wieder. Möge auch dieser neuen : Auflage der verdiente Kreis von Leserinnen nicht fehlen! B. O Gabriel Rießer, ein Kämpfer für Recht und Freiheit. Von Dr. M. Silberstein, Stadt- und Bezirksrabbiner in Wiesbaden (Frankfurt a. M.). — Der Vortrag, welchen unser geschützter Mitarbeiter über Rietzer, den Helden des Emanzipationskampfes, im Beginn dieses Jahres zu Bochum gehalten und später in den „Populär-wissenschaftlichen Monatsblättern" veröffentlicht hat, liegt jetzt als Broschüre vor. In; einer Zeit, in der dieser Kampf täglich aufs Neue ausznfechten ist, in der uns aber die Männer, die jenem Vorkämpfer glichen, fehlen, soll wenigstens die Erinnerung an ihn nicht verblassen, und schon aus diesem Grunde ist das interessante Schriftchen von Silberstein zur eifrigsten Lektüre zu empfehlen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwitz in Berlin.

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