Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-29 · Heft 33 (29.8.1890) · p. Seite 438

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 33 (29.8.1890)
Date
1890-08-29
Page
Seite 438 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227859--47311-3268825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

438 Jetzt wurden die Stühle bei Seite geschoben, — hier wie dort; — jetzt, jetzt kam der Moment, wo den kulinarischen Genüssen, an denen nichts auszusetzen war, die geistigen folgen mußten; die geselligen Freuden der Jugend; — für die Aelteren der Austausch der Meinungen, die Unterhaltung zwischen Männern und Frauen, welche gleiche ideale Interessen verfolgten und nun die günstige Stunde benutzen wollten, um Propaganda für ihre Ideen zu machen. Rahel's Seele jauchzte, — sie hoffte sich und ihre Freundinnen verjüngt, nur in einem eleganteren Rahmen, wiederzufinden. — Die Frauen von heute mußten nach ihrer Meinung einen bedeutenderen Einfluß auf die Männer auszuüben vermögen als die Zeitgenossinnen Rahel's, denn es gab ja der brennenden Fragen so viele. Tie sozialen Verhältnisse übten ja auch auf die Frauen einen so mächtigen Einfluß aus, daß es ihre Pflicht war, an den geistigen Interessen der Männer Theil zu nehmen, sich von ihnen unterrichten zu lassen, ihr Urtheil, welches nicht nur von dem kalten, grübelnden Verstände, sondern auch vom Herzen diktirt wurde, abzugeben. Also die Stühle waren gerückt, — die Herren schüttelten den Damen so flüchtig als möglich die Hand, dann eilten sie liberhastig in ein anderes, hell erleuchtetes Zimmer, um Karten zu spielen. Rahel kannte die hochwichtige Bedeutung des Skats nicht, sonst hätte sie sich llicht so sehr gewundert, — die Damen nahmen in einem dritten Zinnner Platz, um dort von ihren höchsten und heiligsten Interessen zu sprechen. Es war von einer Akademie die Rede. Rahel athmete auf, — um gleich darauf spurlos zu verschwinden, denn die akademischen Fragen, über welche die Damen verhandelten, — waren nur Fragen der Schneider-Akademie. „Arnres Berlin," seufzte Rahel, indem sie ein Wort eines ihr befreundet gewesenen Dichters citirte, „'s ist Alles groß — auch gar nichts klein, es müßte denn die Art zu denken sein." Sie setzte ihren Flug fort — oft, oft — Gott Lob aber nicht überall — fand sie dasselbe Bild. Pracht und Glanz, übertriebener Luxus lind Genußsucht; ein Hasten und Treiben nach den vergänglichsten Gütern der Erde, ohne ein Verlangen nach idealen, nach geistigen Schätzen. Selbst die Jugend fand sie von dem Roste der Selbstsucht benagt; selbst das Weib schien verlernt zu haben, durch welch' wundervolle Aufgabe Gott es gewürdigt und zur Trägerin des Menschengeschlechtes gemacht hat; in dem weiblichen Gemüth wuchert das Unkraut des Skeptizismus fort und läßt die duftigen Blüthen des Herzens und des Geistes nicht mehr zur vollen, beglückenden Frucht reifen. Was sollte daraus werden, wenn die Macht des Weibes nur auf dem Reiz der Sinne beruht, — wenn die Frau es nicht versteht oder, was schlimmer ist, nicht verstehen will, auf den Geist des Mannes zu wirken? Wenn sie nicht die Hüterin unb Trägerin des idealen Gedankens bleibt und einen seelischen Einfluß auf den Mann auszuübeu. vermag? Das kommende Geschlecht muß tiefer und tiefer versinken, und inan hat nicht nöthig, sich über die Auswüchse unseres sozialen wie politischen Lebens zu wundern. Rahel weinte. Wie anders, wie so ganz anders hatte sie sich das Leben in der Residenz des neuen deutschen Kaisers gedacht! Lag der Schlüssel zu dem ihr gestern unlösbar erscheinenden Räthsel vielleicht in dein ihr so fremden Leben und Treiben der modernen Menschen? War es nicht gerade für die Juden doppelt gefährlich, in jene Bahnen einzulenken, welche den Feinden willkounneue Gelegenheit boten, sie zu verurtheilen und den Haß gegen sie gewisserinaßen zu motiviren? Durften die Fuden und Jüdinnen, welche sich so gern! das auserwählte Volk nennen, dem Strome folgen, welcher sie in das! Meer des Unglaubens zieht und sie in Zwiespalt bringt mit sich und! den heiligen Traditionen ihrer Religion?! Ist es nicht für die Juden doppelte Pflicht, die ihnen gewährten! Rechte, welche man ihnen Jahrtausende lang entzogeii, dadurch zu 1 verdienen, daß sie das Banner des Idealismus hoch halten, anstatt - nur für das irdische Dasein mit seinen vergänglichen, oft so problej matischen Genüssen zu kämpfen und 31t streiten? : Sollten nicht die von der Natur mit reichen Geisteskräften allsgestatteten jüdischen Frauen und Mädchen mit all' ihrem Können und Wollen dahin streben, daß ihnen wie ehemals die Krone der Weiblichkeit und Sittlichkeit zuerkannt werde und hochstrebende, be-; deutende Männer, wie zu Rahels Zeiten, es sich zur Ehre rechnen, : sich die Freunde edler Frauen nennen zu dürfen? Die jüdische Frau, welche, zu ihrer Ehre sei es gesagt, sich für die materiellen Sorgen und Leiden ihrer Mitmenschen interessirt unb j sich gern und willig in den Dienst der darbenden Mitwelt stellt, soll! und muß wieder lebhafteren Antheil nehmen an der politischen und! sozialen Entwickelung ihres Landes; sie, die Erzieherin der Söhne i und Töchter ihres Volkes, muß versuchen, den Mämlern ebenbürtig zu werden. Rahel nahm traurig Abschied voll der Erde. Wann wird sich ihr Geist von Neuem über ihre Mitschwcstern! ergießen? Der siebzigjährige Schlaf. ) Von Albert Katz. In Gedanken berfunfeit lustwandelte der fromme Rabbi Chonja j in den nahe seiner Geburtsstadt gelegenen Gärten und Feldern und! stellte im Stillen Betrachtungen an über die großen von Gott voll-; brachten Wunder, die nach ewigen Gesetzen sich in der Natur offen-! baren. Und mit diesen Gotteswundern und ewigen Naturgesetzen j die Prinzipien der bürgerlichen Ordnung vergleichend, kamen ihlli die menschlichen Gesetze und Gebräuche fllrchtbar kleinlich und lächerz lich vor. Inmitten dieser seiner nachdenklichen Wanderung blieb; sein Blick an einem für ihn sonderbaren, unerklärlichen Schauspiel j haften. Ein armer Greis, der in bem Gesicht und in der ganzen Person das Gepräge langer mühevoller Jahre trug, stand gebückt und keuchend, die Erde umgrabend und pflanzte einen Johannisbrodbaum. Und in der geschäftigen Unruhe des Greises waren jene Hingebung unb jene Liebe zu gewahren, die man einer, Hoffnungen und gute Allssichten versprechenden Arbeit widmet. Chonja unter bricht sein Nachdenken und bleibt stehen voll Erstaunen, das voll einem gewissen Spotte nicht frei war. Er betrachtet mit einer gewissen Verachtung das ängstliche Sichabmühen des Landmannes und redet ihn endlich also an: „Armer Greis! Welch sonderbare Täuschung treibt Dich zu sc großer Anstrenglmg und giebt Dir die Kraft dazu? Schon so vorgerückt in Jahren, mühst Du Dich ab, uni einen Johannisbrodbaum zu bearbeiten, der seine Früchte erst nach fiebenzig Jahren tragen wird? Hoffst Du vielleicht, Dein Leben so weit zu verlängernd Hoffst Du vielleicht, davon zu genießen?" „Meister!" antwortete unbefangen der Landmann; „als ich geboren wurde, fmtb ich in den Feldern Johannisbrodbüume, die schon mit Früchten beladen waren; meine Väter haben solche für mich gepflallzt, und ich Pflanze für meine Kinder."! Talmud Taanilh j>. 28 a. n. b.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.