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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-29 · Heft 33 (29.8.1890) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 33 (29.8.1890)
Date
1890-08-29
Page
Seite 437 (sequence 9)
Language
German
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437 nur ver- Treiben und an l sind. Mühe in den um- NN Lichtim einer Die mit : anders.; die Zeit um für Ueberall hüllt gcwohnheit ic lebend obwoh! : größere lücklichen, hlten jetzt welche in ten? die Seele an ihnen ieten der genialsten öandlunn die blub tzt würde lstreichsten von dein die einst )atten ge einstigen Verkünder n Fähig Stufe der l Christen von dein rau, dar; wo der tllen alle!' mbus der Zeiblichken nter dein es, welche bestrahlen Bann zn Beelen ge ntwicklung ige folgen. > Christen , von ei» ander lernen; der künstlich genährte Haß mußte sich in Liebe verwandeln. Rahel blieb inmitten ihrer Wanderung stehen. Aus einem glänzend erleuchteten Lokale drang ihr wüster Lärm entgegen; in den mit Tabaksdampf erfüllten Räumen herrschte ein wildes Durcheinander; Schreien und Gejohle — welches wie ein Schlachtruf das Ohr der Lichtgestalt traf, zerstörte all' ihre Illusionen. Sie hatte die Bekanntschaft der Antisemiten gemacht, — das! Wort mußte ein Produkt der Neuzeit sein — als sie lebte, hatte > sic es nie gehört, selbst bei den größten Anfeindungen der Juden i nicht. — Was bedeutete jene finstere Bewegung, welche so abscheulich! gegen den Geist des Fortschritts, der Menschenliebe, der Gleichberechtigung der Nationen, ja gegen die Prinzipien des Christenthums i sprach, welches Rahel ja durch den von ihr erwählten Gatten kennen und lieben gelernt hatte? Sie verhüllte ihr Antlitz, — aber ein banges, zweifelndes Empfinden war dennoch durch die heftigen Anklagen, welche die Feinde der Juden gegen diese schleuderten, in ihr erweckt worden. Sie fühlte sich au den Boden gefesselt; — sie vermochte mit dieser bittern Erfahrung nicht sogleich wieder in die reinen Regionen zurückzukehren, wohin ja jene bösen Verirrungen menschlicher Leidenschaften nicht hinzudringen vermögen; sie wollte, ehe sie sich wieder j mit den seligen Geistern, denen sie angehörte, vereinigte, den Gründen! nachsorschen, welche es möglich gemacht, jene Bewegung hervorzurufen.; Sie mußte die ihr verliehene seherische Kraft dazu benutzen, um! einen Blick in das gesellschaftliche Treiben Berlins zu werfen, welches! ia zu ihren Lebzeiten gerade in jüdischen Kreisen so anregend! gewirkt hatte; damals hatten sich die bedeutendsten Männer aller Kreise lim die schönen geistreichen Jüdinnen geschaart, um ihre Gedanken mit ihnen auszutauschen, — um für ihr Fühlen und Denken neue Nahrung aus dem Umgang mit geistig hochstehenden Fraueil zu schöpfen. Wie waren die Frauen der Neuzeit beschaffen? In welcher Beziehung standen Männer, wie Varnhagen von Ense, Ludwig Börne, Tieck, Schlegel, Gentz und Heinrich Heine, zu ihnen? Fand die beranwachsende weibliche Jugend auch noch ihren größten Stolz, ihre reinste Freude an dem Umgang mit bedeutenden Männern und Frauen; ihr Glück in einem flüchtigen Briefwechsel mit einem berühmten Manne, wie einst „das Kind" Bettina mit Goethe? Konnten denn erleuchtete Geister, wie sie doch Berlin, die Millionenstadt, in überwiegender Mehrzahl aufweisen konnte, nicht gegen die vorhin ausgesprochenen Behauptungen auftreten und den Beweis liefern, daß Alles, Alles Lüge und die Kinder Israels, treu den heiligen Traditionen, sich fern von jeder Schuld zu halten gesucht; wie sie beweisen konnten, daß die Juden die ihnen gebührenden und auch eingerälnuten Rechte lediglich zum Wähle ihrer Mitbürger benutzten und als minderzühlig einen klugen, mäßigen Gebrauch davon machten? Waren sie denn im Laufe der Zeit nicht zu dem zur Vorsicht mahnenden Bewußtsein gelangt, daß die Juden solidarisch verpflichtet : sind, edel und gut zu sein, weil das Vergehen Einzelner sich gleich! an dem ganzen Stamme rächt?! Der reine, schöne Gottesgedanke, — der Glaube an ein Fortleben, mußte doch veredelnd wirken;, die freiere Luftströmung des Jahrhunderts den Gifthauch, welcher Rahels Geist bedrückte, schnell U'icder verwehen lassen. Sie hatte den folgenden Tag geruht; die Seele war in Folge der häßlichen Eindrücke müde geworden, — aber der Wille, welcher j den tobten Körper belebte, war übermächtig; sie begann ihre Wänder»»g am nächsten Tage vor Mitternacht. Dort, wo sie oft mit der schönen Henriette Herz ihre Gedanken ausgetauscht, war an Stelle des unscheinbaren Hauses, in welchem der Liebling der holden Königin Luise gewohnt hatte, der Prachtbau des neuen Museums emporgediehen. Rahel schwebte vorüber; sie berührte die Straße, in welcher Mendelssohn gelebt und dem Dichter des unsterblichen Werkes „Nathan der Weise" seine erhabene Seele eingehaucht hatte. Sie dachte der beiden Humboldts und freute sich, als sie an der Universität vorübereilte, der Bildwerke, welche das Andenken der großen Brüder ehren. Aus den Palästen Unter den Linden, in der Behrenstraße, in den von köstlichen Gärten umgebenen Villen der Bellevue- und Thiergartenstraße, aus den breiten Fenstern jener Prachtbauten, welche einen ganz neuen Stadttheil bildeten, den Rahel nur als einen recht verwilderten Theil des Thiergartens gekannt, glänzte und flimmerte es. Gas- und elektrische Flammen warfen ihre Lichtstrahlen auf die Straßen hinab. Die Saison der Gesellschaften, der Bälle, der Theater war gekommen. Berlin unterhielt sich nach seinem jetzigen Geschmack. Rahels Geist irrte zuerst in jene Theater, welche man zu ihrer Zeit »och nicht gekannt. Sie wollte die Epigonen der Geistesheroen ihrer Zeit bewundern. Was war das? Muse, verhülle dein Haupt. Dein Name wird beschinutzt, besudelt durch den Hauch, welcher in vielen jener modernen Theater weht, die es dennoch wagen, sich Tempel der Kunst zu nennen. Junge, emporblühende Mädchen, denen jedes unlautere Wort, jeder unschöne Gedanke fern gehalten werden muß, lauschten hier den Tiraden moderner Hetären, welche sich nicht entblöden, ihre Schande laut zu bekunden. Männer, welchen man die Prädikate gebildet, geistreich, berühmt nicht vorenthalten darf, scheuten sich nicht, den nackten, häßlichen Naturalismus, — den frivolsten Materialismus zu vertheidigen und dem überreizten, verdorbenen Geschmack des Publikums nicht nur zu schmeicheln, sondern ihm, in eignen Schöpfungen, Rechiumg zu tragen. Vorüber, — rasch vorüber, — in reinere Atmosphäre! Sie wollte jetzt hören, wie die Frauen sprachen, wie die Männer dachten, — wie die Jugend fühlte. Der märchenhafte Luxus, welcher in den Gesellschaftsrüumen herrschte, befremdete sie nicht. Es freute sie, denn die Industrie kann nur durch den Luxus der Reichen wachsen und gedeihen. Allerdings erinnerten die mit köstlichen Speisen und Getränken besetzten Tafeln, welche von Gold, Silber und Krystall funkelten, in dieser Beziehung nicht mehr an die einfach bescheidene Bewirthung bei den ästhetischen Theeabendeu der damaligen Zeit, wo als Ersatz aber die Unterhaltung gewürzt wurde durch die Geistesfunken, welche hin und herflogen, — durch den zündenden Witz der Gäste wie der Gastgeber; durch die Uebereinstimmung der Seelen, welche in einandertauchten, um das Große zu denken, das Gute zu wollen, das Edle auszuüben. Schöne, blühende, lachende Frauengesichter fand man jetzt wie damals; die anmuthigen Gestalten zeigten sich in anderen, kostbareren Gewändern, deren Schnitt sonderbar erschien — aber was bedeuteten derlei Aeußerlichkeiten? Der Geist, die Seele, das Gemüth ist ja unabhängig von der Tyrannin Mode, welcher sich die Neuzeit allzuwillig unterwirft. Rahel war ganz Auge, ganz Ohr, — denn sie sah sich inmitten jener gesellschaftlichen Kreise, welche zu ihrer Zeit tonangebend gewesen waren. Während der Tafel hörte sie Toaste ausbringen, lachen, schwatzen. Von Zeit zu Zeit flüsterten auch Zwei zusammen, und das Erröthen der Dame bewies, daß der Herr ihr eine Schmeichelei — vielleicht auch etwas Anderes — zngeraunt hatte. :3 | 1 i

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