Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 33 (29.8.1890)
- Date
- 1890-08-29
- Page
- Seite 436 (sequence 8)
- Language
- German
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436 gerieth ob des kühnen Spottes und des schmählichen Fiaskos, durch welches der wunderwirkende Hirschtopf für immer kompromittirt war, in Harnisch, und Maimon mußte allerlei Gehässigkeiten Uber sich ergehen lassen. Der Aufenthalt in Posen ward ihm dadurch verleidet, und wiewohl der Vater seines Schülers ihn zurückzuhnlten suchte und ihn seines kräftigsten Schutzes versicherte, so trieb ihn doch wohl eben so sehr sein unstetes Naturell, wie die Sehnsucht nach Berlin, „um sich dort in die Weisheit zu vertiefen", wieder fort. Er verlangte seinen Abschied und belegte einen Platz auf der Frankfurter Post. Ter Berliner Vorstand konnte seinen Einzug in die preußische Hauptstadt nicht mehr beanstanden, denn die preußische Post hat ihn dahin gebracht. Posen hat Maimon nie wiedergesehen, aber bis in die jüngste Zeit hinein sind daselbst Erinnerungen an den jungen Gelehrten haften geblieben, der niemals um eine Antwort auf eine talmudische Frage verlegen war, der auch den schwierigsten Knoten durch die Schürfe seines Witzes zu durchschneiden vermochte, und der gewiß als rabbinische Leuchte geglänzt hätte, wenn er nicht unter die Philosophen gegangen wäre. Die Aufzeichnungen Maimons gestatten wohl folgende Behauptungen: Wie früher stets, so ist auch im vorigen Jahrhundert trotz der schweren finanziellen Bedrnngmß die Mildthätigkeit im Posener Ghetto eifrigst geübt worden. Auch eine 'gewisse Duldsamkeit tritt trotz der mancherlei mittelalterlichen Wahnvorstellungen unverkennbar hervor; der Morgenwind einer neuen Zeit beginnt bereits durch das Judenquartier zu streichen. Und noch ein Anderes! Obgleich Friedrich der Große seinen jüdischen Unterthanen nicht geneigt gewesen und unverhohlen erklärte, daß er „vor die Juden überhaupt nicht portiret sei", so muß doch anerkannt werden, daß er die Juden innerhalb ihres Bereichs zri Berlin frei schalten und walten ließ, und selbst einen Zuzug, so lange keine polizeilichen Rücksichten und richterlichen Gründe dagegen sprachen, nicht beschränkte. So wenig er deutsche Sprache und Litteratur würdigte und seine Hauptstadt möglichst „gallisirte", so ist doch unter seiner Herrschaft Berlin der Sainmelpunkt der besten, erlesensten Geister Deutschlands geworden. Er hat sicherlich seinen Antheil daran, wenn von seiner Hauptstadt ein solcher Glanz von solcher Helligkeit ausging, daß ein Reflex davon auch die Seele eines Talmudjüngers in einem weltverlorenen Winkel des fernen Lithauen streifte und ihn veranlaßte, an dem frischen, unerschöpflichen Sprudel deutscher Wissenschaft und deutschen Geistes seinen Wissensdurst zu stillen. * Feuilleton. Hnl)da Geist. Eine Vision. Von Ottilie Bach. Es ist Mitternacht; von der Thurmuhr des Rathhauses hat es soeben zwölf geschlagen, — die Stunde, in welcher es den abgeschiedenen Geistern, wie es die Sage verkündet, vergönnt ist, einen Blick hineinzuwerfen in die Welt, welcher sie einstmals angehört, in welcher sie gelebt, geliebt, geduldet haben. Die zarte Frauengestalt, welche in Nebel gehüllt, den Menschen unsichtbar, durch die jetzt ziemlich verödeten Straßen der Residenz schwebt, hat von jenem Rechte Gebrauch gemacht. Es zieht sie mit magnetischer Kraft hinab auf jene Stelle der Mutter Erde, auf welcher sie nicht nur glücklich gewesen ist, sondern auf welcher sie auch glücklich gemacht hat. Ihr ganzes Sein, Fühlen und Denken war ja verwebt mit Berlin, o, und sie weiß, daß auch noch Viele ihren Namen kennen, lieben und Preisen. Die Erinnerung an sie ist nicht todt, nur verblaßt; es drängt sie dazu, einen Blick hineinzuwerfen in das Treiben der Neuzeit; die Menschen kennen zu lernen, welche an ihre und an die Stelle ihrer einstigen Freunde und Gefährtinnen getreten sind. Wie ist Berlin gewachsen! Sie vermag sich nur mit Mühe in dem Häusermeer zurechtzufinden. Dort, wo kleine, mit Reben umsponnene Häuschen gestanden, sind Paläste emporgewachsen; ein Lichtmeer durchfluthet die herrlichen Straßen, in denen das Leben einer mächtigen, die Welt beherrschenden Großstadt pulsirt. Die mit Bildwerken gezierten Plätze sehen sie fremd an; — es ist anders, schöner geworden in Berlin; — sie muß es anerkennen, daß die Zeit nicht still gestanden; Kunst und Natur haben sich vereinigt, uni für den Kaiser der Deutschen eine würdige Residenz zu schaffen. Ueberal! glänzt und gleißt es von Marmor und Gold; die unverhüllt gebliebenen Schaufenster in den Hauptstraßen verrathen zur Gewohnheit gewordene luxuriöse Bedürfnisse, welche man damals, als sie lebend unter den Menschen weilte, kaum dem Namen nach kannte, obwoht sie zu den Glücklicheren gehörte, welche stets und immer größere Ansprüche an das Leben erheben dürfen, als die Minderglücklichen, Berlin war schön, — aber wie lebten, dachten und fühlten jetzt seine Bewohner! Welcher Geist beherrschte die Menschen, welche i» den herrlichen, von Meisterhand geschaffenen Palästen wohnten? Waren auch sie so hoch emporgewachsen? Hatte sich die Seel, erweitert, — schlugen die Herzen größer? Durfte man auch an ihnen den Fortschritt bewundern, welcher sich auf allen Gebieten der Industrie, des Wissens kundgab? Hatte sich bei dem genialsten Kunstwerke des Schöpfers, bei dem Menschen, auch eine Wandluna vollzogen, welche verdiente, bewundert zu werden? Langsam glitt das Frauenbild zur Erde nieder, lieber die blutleeren Lippen der holden Frau huschte ein leises Lächeln. Jetzt würdr man sie, wenn sie lebte, wohl nicht mehr als eine der geistreichsten ihres Geschlechts bewundern. Jetzt, wo Alles so groß, so schön, so durchleuchtet war von dein rasch vorwärts schreitenden Geiste der Zeit, jetzt würde sie, die einst mit Recht gefeierte R ahe l Lew in, von Vielen in den Schatten ge stellt werden. Es zog sie vor allen Dingen in die Häuser ihrer einstigen Glaubensgenossen. Die Juden, die Träger des göttlichen Gedankens, die Verkünder des reinsten Glaubens, mußten bei den ihnen verliehenen Fähig leiten, in Folge der ihnen eingeräumten Rechte, die höchste Stufe der Kultur erreicht haben. Rahel dachte jener Zeit, in welcher die Jüdinnen den Christen interessant und doppelt begehrenswerth erschienen, weil sie von dein Duft der Romantik umhüllt gewesen, und die jüdische Frau, dar jüdische Mädchen nur von ferne betrachtet werden konnte; wo der Haß der Andersglaubenden sich nur in den seltensten Fällen aucl> gegen die Jüdinnen gerichtet hatte, weil sie von dem Nimbus der Reinheit, der Güte, der Unnahbarkeit und der edelsten Weiblichkeit umstrahlt waren. Wie wundervoll mußten sie sich entfaltet haben unter dein wärmenden Hauche der Freiheit, unter der Sonne des Glückes, welche endlich nach Jahrtausenden der Finsternis; auch die Juden bestrahlen: und ihr Dasein erhellen konnte. Während früher es nur Einzelne vermocht hatten, den Bann zu brechen, der sich wie ein vernichtender Mehlthau auf ihre Seelen gelegt, weil der Druck, der auf ihnen lastete, jede freie Entwicklung hemmte, konnten sie ja jetzt ungehindert dem idealen Schwünge folgen. Die Schranke, welche trennend zwischen Juden und Christen gestanden, war gefallen, sie konnten sich gegenseitig ergänzen, von ei» ander verwa 3 zend < mit 5 ciiumt Ohr t <s Wort sie es nicht, gegen berecht sprach, und li <s pfinde der I dieser zurückschäfte mit de nachfo <L einen m z» gewirl Kreise dankei neue >u sch Bezieh Tieck, heran! reinste Fraue rühmt 5 Millic gegen Bewei den l sucht; und l benutz davon 2 mahn sind, an de leben. Jahrl Wiede <5 der h den t rnug