Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 33 (29.8.1890)
- Date
- 1890-08-29
- Page
- Seite 435 (sequence 7)
- Language
- German
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435 lten. Es r Vortrag bei Nacht Lehrhalis almudisch > zu ver- -Haus aflc Für diese idisten ein der Rab rragenden uchen, sie sende Be gkeit ent vie Theilnicht, ah die Thorc mit Mai füge, ß* enquartier welche Hin neu staatlen suchte. ') und die lderbarsteu leinde an uiß es für die Juden jändel zn verwenden gräßlicher um nur ngen anlden- und m ruinirt i, daß die Dazu kam leislich ein; in Berlin Zellen auch Leuten des kaimonidcs gewanderte von ihnen in die Ge^ e verstand' [utoritäten, kittelaltem, e christlictie Philosoph innert levchre klingt Philosoph iaimonides »emüht sich etzuilg von rteu Rand' aber gleichwohl, die Offenbarung, die Opferlehre u. a. auf Grund der ihm eigenen philosophischen Anschauungen zu erklären und geht namentlich mit jedem Wahn- und Aberglauben streng und scharf ins Gericht. Die Stocktalmudisten sahen darum zu jeder Zeit scheel auf dieses Buch und dessen Studium und mißtrauten der religiösen Gesinnungstüchtigkeit all derer, die sich tiefer darauf eingelassen hatten. Besonders aber in den letzten zwei Jahrhunderten, da allerlei tabbalistisch mystische Vorstellungen in das jüdische Volksbewußtsein immer mehr eingesickert waren, erblickte man in der Lektüre des Moreli, dessen schwere Verständlichkeit leicht zum Mißverständniß des Autors Anlaß geben konnte, eine ernste Gefahr für die strenge Rechtgläubigkeit. Die besorgten Väter im Posener Ghetto trugen also Bedenken, das verfängliche Experiment eines solchen Studiums an ihren eigenen Söhnen zu erproben, und bei aller Duldsamkeit gegen Maimon untersagten sie die Vorträge über den Moreh. Maimon nahm darauf eine Hofmeisterstelle bei dem Schwager seines Wirthes an, dem reichsten Manne der Gemeinde, um dessen einzigen Sohn zu erziehen. Er blieb in dieser Stellung ungefähr ]\m Jahre, welche er die glücklichste Zeit seines Lebens nennt. Man behandelte ihn mit der größten Ehrerbietung, ja man wollte ihn sogar durchaus zu einem Propheten stempeln. Obwohl nämlich sein Schüler höchstens fünfzehn Jahre zählen konnte, war er bereits mit einem Mädchen von ungefähr zwölf Jahren aus einer benachbarten Stadt oerlobt. Die Braut kam, wie gewöhnlich, zu den Feiertagen zum Besuch ihrer Schwiegereltern nach Posen. Maimoit hatte sie aufinerksam beobachtet und wahrgenommen, daß dieselbe hektisch und der Schwindsucht verfallen sei. Er verfehlte nicht, die Verwandten seines Zöglings darauf hinzuweisen; indeß begegnete man seinen Warnungen mit Unglauben, bis das Mädchen kurze Zeit darauf wirklich starb. Run bewunderte man seinen Zukünftsblick, und er bemühte sich vergebens, den einfachen und natürlichen Zusammenhang seiner Voraussagung aufzuklären, der Nimbus eines höheren Wesens blieb ihm. Tas mochte wohl den Neid erwecken, und da Maimon überdies seine icharfe Zunge spielen ließ, um allerlei Köhlerglauben schonungslos;u geißeln, wurde er atlmälig durch verdrießliche Friktionen aus ieinem traumhaften Behagen aufgestört. In irgend einem Hanse wurde am Freitag das für den Sabbath übliche Fischgericht zubereitet; ein Karpfen seufzte dabei in dem Augenblick, als er vom Leben zum Tode befördert wurde, tief und schwer auf, ja man wollte wirkliche menschliche Laute vernommen haben. Das ganze Küchenpersonal fuhr erschrocken zuammen. Der bedenkliche Fall wurde einem der offiziellen Schriftgelehrten zur Entscheidung vorgelegt, derselbe entschied, daß man den sprachbegabten Karpfen in ein Leichengewand hülle und mit allen Ehren auf dem Friedhof bestatte, was denn auch sogleich mit der gebührenden Feierlichkeit geschah.') Auch in der Familie, in der Maimon lebte, geriet!) die Unterhaltung auf die aufregende Begebenheit, er jedoch lachte darüber und äußerte: „Wenn man den -Karpfen, anstatt zu begraben, lieber mir zugeschickt hätte, so würde ich den Versuch gemacht haben, wie ein solcher begeisterter Karpfen doch schmecken müsse." Die sarkastische Aeußerung wurde weiter ge- ') Maimon findet den Grund des Verfahrens „in der Meinung, als wäre der Karpfen von einem Geiste besessen". Dieser Geist kann kein Dämon, sondern nur ein Mensch gewesen sein, weil sonst der Fisch nicht in ein Leichentuch gehüllt und begraben, sondern schliehtweg vergraben oder verbrannt worden wäre. Uebrigens weiß eine genauere Ueberlieferung davon zu berichten, daß der Fisch in seinen letzten Augenblicken das Schema Jisroel n. s. w. gerufen habe, was durch andere derartige Sagen auch bestätigt wird. Merkwürdig ist's, daß Maimon auf die Seelenwnnderung gar nicht zn sprechen kommt. tragen, und sie machte im Ghetto viel böses Blut. Ter Wahn, daß hinter der Fischgestalt ein menschliches Wesen sich bergen könne, daß überhaupt ein Mensch sich in ein Thier zn wandeln vermag, war ehedem allgemein verbreitet und floß aus zwei verschiedenen Anschauungen hervor. Tie eine Anschauung ist die Zoanthropie, welche annimmt, daß es manchem Menschen gegeben sei, sich nach Belieben in ein bestimmtes Thier zn verwandeln. Griechen, Römer, Slaven und Deutsche glaubten, daß gewisse Menschen, so oft sie wollten, die Gestalt und Gewohnheiten eines Wolfes annehmen könnten. In Deutschland heißt bekanntlich ein solcher Mensch Werwolf, und Sagen i vom Werwolf haben sich bis heute in Pommern unter dem Landvolke erhalten. Bei den Abyssiniern ist es die Hyäne, in deren Gestalt! ein Mensch zuweilen schlüpfen konnte, und in Japan der Fuchs, i Dem mittelalterlichen Judenthum dagegen war eine derartige An- ' schaumig völlig fremd, nirgends ist auch nur eine Spur davon zu entdecken; jedoch war eine andere während der letzten Jahrhunderte als Volksglaube unter den Juden aufgekommen, und zwar die aus der Metempsychose, der Seelenwanderung, hervorgegangene. Nach dieser Lehre kann es Vorkommen, daß der Geist eines Menschen nach; dessen Tod zur Strafe seiner Sünden oder zu seiner Läuterung in! einen anderen Menschen oder auch in ein Thier übergehe und in , solcher Gestalt eines neues Leben auf Erden führe. Obwohl ein j hervorragender Synagogenlehrer, Saadiah, der den Reigen der jüdischj mittelalterlichen Philosophen beginnt, dem Eindringen dieser Lehre! ins Judenthum energisch entgegentritt, sie als unjüdisch verwirft und ■ verurtheilt und die bedeutendsten jüdischen Philosophen sich ihm an-; geschlossen haben, war es doch der Mystik der Kabbalah, die immer j festeren Fuß tut religiösen Leben der Ghettos faßte, im vorigen Jahrj hundert gelungen, die Lehre von der Seelenwandertmg, dem liilgul,; den Gemüthern zu insinniren und sie als Volksglaube populär zu machen. Selbst die besonnenen Elemente hielten mit ihrem Urtheil darüber zurück und getränten sich nicht, eine derartige Möglichkeit völlig auszuschließen. Mainions Sarkasmus wttrde daher in der Posener Judengasse als eilte pietätlose Frivolität empfunden und zog ihm die Feindschaft der Fanatiker zu, ohne daß es ihnen jedoch glückte, das Haus, in dessen Brod er stand, gegen ihn einzunehmen. Daraufhin wttrde er kühner und zeigte sich in der Beobachtung synagogaler Observanzen immer nachlässiger, was ihm überaus übel vermerkt wttrde. Tie höhnische Verspottung einer lokalen Kuriosität, in welcher naive Scheu eine Art Ghettoheiligthum erblickte, gab ihm schließlich den letzten Rest. Im Turehgangshaus zur Synagoge befand sich nämlich im Hausflur des ersten Stocks neben der Rabbinatswohnung an einem hölzernen, hübsch geschnitzten Kopf ein Hirschgeweih an der Wand befestigt. Keiner wußte mehr, wie es dahin gekommen war. Doch galt es als ein Talisman gegen Feuersbrunst. Es wurde jedem Fremden als besondere Merkwürdigkeit gezeigt, und es hieß, daß Niemand den Hirschtopf berühren könne, ohne auf der Stelle zu sterben. Maimon ging eines Tages mit einigen Bekannten hier vorüber, und die Letzteren wußten für diese wunderbare Thatsache vielerlei schaurige Beispiele anzuführen. Da überkam Maimon die Spottlust, und ehe es noch Jemand hindern konnte, streckte er die Hand nach dem Hirschkopfe aus, hantirte an demselben in wenig respektvoller Weise herum und sprach: „Ihr Posener Narren, die Ihr glaubt, daß derjenige, der dies Horn berühre, auf der Stelle sterben müsse; seht, ich wage es, dasselbe ztl berühren." Damit trollte er sich lachend davon. Seine Begleiter waren zunächst sprachlos, der Schreck über die entsetzlichen Folgen einer solchen That hatte sie fast gelähmt; da aber nichts erfolgte, machte sie die ausgestandene Angst und Beschänmng ztt seinen erbitterten Feinden. Das ganze Judenquartier 1