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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-29 · Heft 33 (29.8.1890) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 33 (29.8.1890)
Date
1890-08-29
Page
Seite 430 (sequence 2)
Language
German
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430 Delegirten eine Anzahl hervorragender Rechtsvcrständiger und praktisch! erfahrener Männer in der Gemeindeverwaltlnrg besitzt, die vorbereitenden j Schritte einzuleiten, um der nächsten General-Persammlung einen Ge-! setzeutwurf zu unterbreiten, für besten Verwirklichung alle aufrichtigen! Bekenner des Judenthums, gleichviel, welcher religiösen Richtung sie j auch angehören mögen, ctntretcn können, weil eben durch denselben bem nicht abzuleugnenden Siechthum — sit venia verbo - der jüdischen Verhältnisse in Preußen ein Damm gesetzt werden würde. Die Anstellnny jüdischer Lehrer an den höheren Lehranstalten. Von Dr. Carl Pin n. Wohl über keinen Gegenstand haben in der Presse aller Parteien in den letzten Jahren öfters Erörterungen stattgefunden, als über die Ueberfüllung in den akademischen Berufsarten. Namentlich in einem Fache haben sich ganz besondere Uebelstünde herausgestellt: auf dem Gebiete des höhern Schulwesens. Sind nun schon die christlichen Schulamtskandidaten keineswegs auf Rosen gebettet, so führen ihre jüdischen Kollegen geradezu ein klägliches Dasein. Ohne feste An- - stellung und ohne Aussicht auf eine solche, meist auch ohne regelrechte; Beschäftigung — denn selbst Privatstunden sind, abgesehen davon,! daß sie in der Regel schlecht bezahlt werden, nicht leicht zu erlangen - haben sie außer dein Schaden noch den Spott ihrer vorn Glück mehr begünstigten Studienkollegen, Juristen lind Mediziner, 311 erdulden. Noch niederdrückender ab) der Spott ist für die jüdischen Kandidaten das Mitgefühl anderer wohlwollender Glaubensgenossen, ein Mitgefühl, welches gewöhnlich in der Frage zum Ausdruck gelangt: „Wie konnten Sie als Jude nur auf die Idee kommen, Philologie zu studiren?" In der That war und ist es in unserm Rechtsstaate, wo die Gleichberechtigung der Konfessionen gleichwohl nur auf dem Papier durchgeführt ist, ein mehr als gewagter Entschluß, sich einem Berufe zu widmen, wo so viel oder vielmehr Alles von dem Belieben der Schulbehörde abhängt. Ganz deutlich ist dieser Rechtszustand in den beiden Ministerialverfügungen ausgeprägt, welche sich überhaupt mit den jüdischen Schulamtskandidaten befassen. Tie erste, von Herrn v. Mühler seligen Angedenken) herrührend, besagt, daß jüdische Kandidaten des höhern Lehramt) zwar zum Examen zuzulassen, ihnen aber vor demselben von dem Vorsitzenden der Prüfungskommission zu eröffnen sei, daß ihnen aus der bestandenen Prüfung keinerlei Ansprüche auf Anstellung erwachsen. Dr. Falk ließ die eben genannte Bestimnmng in Wegfall kommen mit der Begründung, daß überhaupt keinem Kandidaten aus der bestandenen Prüfung eine Anstelllingsberechtigung zustehe. In Wirklichkeit wurde unter Falk') Regime die Sache so gehandhabt, daß die wenigen Juden, welche sich dem Lehrerfache widmeten, da damals gerade Lehrerinangel herrschte, verhältnißmäßig schnell eine Anstellung fanden. Tie Sachlage änderte sich mit einem Schlage, als die „liberale Aera" ein jähes Ende fand und Herr v. Putt kam er ans Ruder kam. Während der kurzen Zeit, wo er im Kultusministerium thronte, ereignete sich der eklatante Fall, daß einem jüdischen Lehrer, der vom Presbyterium des Friedrichsgymnasium) in Breslau einftimmig in eine ordentliche Lehrerstelle berufen worden war, die Bestätigung versagt wurde, weil zwar statutenmäßig an der betreffenden Anstalt Lehrer aller Konfessionen; wirken sollten, damit aber offenbar nur die christlichen Konfessionen gemeint feien, da das Judenthum keine Konfession, sondern nur > eine — Religionsgenossenschaft sei. Als der Nichtbestätigte, beiläufig > bemerkt, die Charakterlosigkeit besaß, den Glauben seiner Väter alu zuschwören, erhielt er augenblicklich besagte Stellung. Nicht viel günstiger gestalteten sich die Verhältnisse unter der Leitung des gegenwärtigen Kultusministers, des Herrn v. Goßler. Wohl wurde in den ersten Jahren seiner Amtsthütigkeik vereinzell hier und da einer unserer Glaubensgenossen angestellt, aber erst nachdem er Jahre lang gewartet und unsägliche Schwierigkeiten überwunden hatte; in den letzten Jahren haben selbst diese Fülle, wenn man von den hiesigen höheren Bürgerschulen absieht, völlig cmfgehört. In dem Maße, als die Verstaatlichung der höheren Lehranstalten um sich gegriffen hat, hat sich auch für die jüdischen Philologen die Aussicht auf Anstellung verringert, und auch auf die wenigen noch bestehenden städtischen höheren Lehranstalten ist wenig Hoffnung zu setzen. Denn selbst wenn die Bürgerschaft aufgeklärt genug ist, sich an der jüdischen Konfession des Kandidaten nicht zu stoßen, vermeide; sie doch gern einen Konflikt mit der Staatsbehörde. Ein solcher is! aber im Falle der Wahl eines jüdischen Lehrers stets zu befürchten. So ist uns ein Fall bekannt, wo ein Provinzial-Schulkollegium die von den Stadtverordneten einer größern Provinzialstadt getroffene Wahl eines jüdischen Mathematikers zu einer ordentlichen Lehrerstelle, welche der Betreffende bereits mehrere Jahre lang als unbesoldeter Hilfslehrer ausgefüllt hatte, zwar bestätigte, dabei aber nicht umhin konnte, anzufragen, ob denn gar kein anderer Bewerber um die Stelle, als „gerade ein Jude", gewesen wäre. Um so bedauerlicher ist es, daß jüdische Kuratorien an Anstalten, wo ihnen statutengemäß das Recht der Wahl eines jüdischen Lehrer) zusteht, so am Philantropin in Frankfurt a. M., an der Jacobson schule in Seesen, an der Samsonschule in Wolfenbüttel, von dieser Befugniß in der letzten Zeit nicht innner Gebrauch gemacht, sondern wiederholt christliche Lehrer an diese von jüdischen Stiftungen unter haltenen Anstalten berufen haben. Unter den obwaltenden Umständen können wir daher an die jenigen unserer Glaubensgenossen, welche eine Vorliebe für das höhere Lehrfach hegen, nur die wohlgemeinte Warnung richten, diese Neigung nach Möglichkeit 311 unterdrücken, keineswegs aber das Studium der alten und modernen Sprachen, Geschichte, Mathematik, Naturwiffenschaften u. s. w. sich zum Brodstudium zu wählen. Denn da auch der Au)weg der akademischen Karriere den jüdischen jungen Gelehrten so gut wie abgeschnitten ist, wofür wir in der Lage sind, einschlägige Fälle als Beweise anzuführen, so würden sie diesen Idealismus in der Wahl des Berufs im später» Leben schwer büßen müssen. K Horaz und die Juden. Eine philologische Plauderei von Ludwig Behrendt. Judaeus Apella — Cydaenus Apila. Horaz, der bekannte römische Dichter, begleitete einst seinen Gönner und Freund Maeeenas, dessen Name drirch ihn für alle Gönner von Dichtern und Künstlern sprichwörtlich geworden, auf einer Reise von Rom nach Brundisium, dem heutigen Brindisi. Die Reisegesellschaft bestand aus acht Theilnehmern und fand sich auf vorherige Verabredung irach und nach unterwegs zusammen. Die Hauptpersonen waren einerseits, als Abgesandte Octavian's, Maecenas und Coccejus, andererseits, als Vertreter des Antonius, Fontejus Capito; diese Drei sollten, wie es scheint, mit noch anderen Bevollmächtigten in Brundisium eine diplomatische Konferenz abhalten. Ihnen schlossen sich au die Dickster Horaz, Virgilius, Plotius, Varius und der Grieche Hcliodoros, bekannt als Lehrer der Beredtsamkeit. Man brauchte zu

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