Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 32 (22.8.1890)
- Date
- 1890-08-22
- Page
- Seite 428 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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428 „Das ist schlimm;" sprach Efraim weiter, seine niedere Stirn in Furchen ziehend, „Deine Kinder sind hungrig, Dein Mann ist ruhig und Du bist hungrig." Chase schluchzte schmerzlich auf. In der That, sic war immer ausgehungert, sic merkte sogar nicht, ob sic je satt war. „Scha, scha," zischte wieder Efraim gedehnt, „Tn brauchst jetzt nicht zu weinen, sondern mich anzuhörcu. Deine Kinder sind zerlumpt, Dein Mann ist zerlumpt, und Du selbst bist auch abgerissen." breitete sich ein erfrischender Duft von gemühtem Heu. Leib Rabi- Chajc schluchzte laut auf. Ach, ach, wie lauge hatte sie schon auf ihren vor Anstrengung geschwollenen Füßen keine ganzen Schuhe gehabt. Wie lange schon hat Abramcheu kein Hemd am Rücken und Hudes hat sich den ganzen Winter ohne Jacke abplagcn müssen. „Scha, scha," zischte Efraim zum dritten Male. „Deine Kinder haben keine eigene Stube, Tein Mann hat keine eigene Stube und Tu hast auch keine eigene Stube." Chase brach in ein heftiges Weinen aus, den Papierrubel in der Hand zusanimenpreffend, der der beredteste Beweis war, wie ivahr die Worte des Bruders sind. „Scha, scha," besänftigte sie Efraim mit einem gedehnten Zischen; und als sie sich beruhigte, sagte er weiter: „Du hast gesehen, wie ich Dich um die Hälfte des Platzes, um die Hälfte der Fundamente, von jenen zwei Pfählen bis zu diesen zwei Pfühle», herumgeführt habe. Das halbe Haus, welches hier auf dieser Hälfte des Platzes und der Fundamente entsteht, wird Tein und das Deiner Kinder sein. Ich will es so." Er richtete seinen großen rothen Kopf empor und blähte Lippen und Wangen leicht auf. Chajc stürzte wie ohne Sinne zu Boden, des Bruders Füße und Knie küssend. In schweren Tropfen rannen die Zähren über ihr abgehärmtes Gesicht, Acchzen und Lachen machten ihren Busen erbebe»/ und ihre abgemagerten Hände umarmten konvulsivisch den an ihrer Brust hängenden Säugling. Sie war dem Wahnsinn nahe. Ihr Haus! Ihr Haus! Ihr eigenes Haus, ihres Mannes und ihrer Kinder.. . Sie sprang empor und rannte nach ihrer Stube, unterwegs auf nichts achtgebend. An einer Straßcnbicgung rannte sic auf einen Aeeiswächter, er versetzte ihr eins in den Nacken, sie aber fühlte nichts. Ihr Haus, sie, sic sollte ein Haus zu eigen haben . . . Efraim schritt schnaufend, bis in die Nacht hinein, auf dem Bauplätze einher. Jetzt wurde der Bau mit verdoppelter Eile fortgesetzt. Ter rvthe Schneider verließ jeden Augenblick seine Arbeit, schritt ernst unb schweigend auf den Bauplatz hinaus, blieb da stehen, glättete seinen Bart und schaute auf sein Haus, welches über das Niveau der Fundamente empor zu ragen begann. Bom Handwerker wurde er hier zum Bürger der Stadt. Und als er von dem mit eingekanften Ochsen hcimkehrcndcn Schleifmann sein Geld zurückverlangte, legte dieser vor dem Rabbiner einen feierlichen Eid ab, daß er nichts in Deposit genommen, sondern sein Geschäft mit eigenem Geldc führe. In der Nacht darauf ward es im Städtchen rege. Der rothe Schneider hatte sich ans seinem Anwesen an einem Balken erhenkt, den man eben emporziehen sollte. Es war ein Heller, stiller und durchsichtiger Morgen. Bor der strahlenden Glorie des jungen Tages und der Sonne erlosch allmälig am hohen Firmament die blasse Mondsichel, lieber den Häusern flatterten die Tauben, und von de» nahen Wiesen vernowicz kehrte vom Beten heim. Am Arme trug er den Talles und in der Hand die Tefillim in einem Sammtbentclchen. Im Gehen betete er noch. Seine dünnen Lippen bewegten sich unter einem ungleichmäßigen, nervösen Lispeln, welches manchmal wie in ein Bicncnsnmmcn überging, womit er den Herrn grüßte. Bom Ringplatz erscholl ein Gezeter und ein ungewöhnliches Getöse. Wie ein Feuerherd unter dem Hauche eines Orkans bald starker, bald schwächer auflodcrt, so wurde auch der Lärm unter der Brise eines unsichtbaren Sturmes bald rauschend, bald stiller. Leib blieb stehen lind horchte; über den Weg kamen pfeifend ei», zwei, drei, mehrere Gassenjungen gerannt, bis sich in das bisher ruhige Gäßchcn eine leidenschaftlich aufgeregte Volksmasse lärmend, pfeifend und johlend, die entzündeten Augen haßsprühend, die Lippen schaumbedeckt, die Hände mit Steinen und Kothklumpen bewaffnet, hineinwälzte. In der Mitte trugen zwei abgerissene Kerle eine Bahre mit Efraim Porter'? entblößtem Leichnam. Ter Erhängte hatte ei» gräßliches Aussehen. Sein schweres, rothcs Haupt prallte fortwährend von den in aller Eile zusammengefügten Stangen der Tragbahre mit dumpfem Geräusch ab; die dicken, vom Todeskrampfe noch nicht gerade gewordenen Knice ragten in die Höhe, auf dem blau unterlaufenen Gesicht »nd in den hervorquillenden, wcitgeöffncte». Auge» prägte sich das Entsetzen und das Gräßliche des Absterbens aus. Das Gesicht und der Körper des Selbstmörders, mit Schmutz beworfen, augespuckt und von Steiinvürfen verstümmelt, bot eine» grauenerregenden Anblick. Jin ersten Moment zog sich Leib Rabinowiez zurück. Aber sofort überlegte er sich eines Bessern, stieß den henlendcu Haufen auseinander, entfaltete den Talles, breitete ihn über den ent weihten Leichnam, legte auch das Beutelchen mit den Tefillim darum und hielt Alles mit der Hand fest. Ein entsetzliches Geheul dran« durch die Volksmenge. Nach diesem Gejohle herrschte eine klirze Weile Stille, wie infolge einer grenzenlosen Verwunderung. In dieser Stille konnte man das ängstliche Zwitschern der aufgescheuchten und voir den Giebeln sich hernnterstreckenden Sperlinge vernehmen. D« ließ Jemand jenes beschimpfende Wort „Jokton" zum ersteil Mal ertönen. „Jokton" heulte die Masse ihm nach, und die Stimmen von Tausende» wurden gegen den Vertheidigcr der unglückseligen Leiche laut. Es war ein Moment, daß cs schien, als werde das Volk an ih>» Lynchjllstiz übeil. Er wurde von allen Seiten gestoßen, gerüttelt, dir Mütze wurde ihm vom Kopfe nild der Kaftan vorn Leibe gerissen. Er wurde von Verwünschungen lind Flüchen überschüttet. Tie Nächst stehenden spuckten ihm ins Gesicht, mißhandelten ihn, und die Ferner stehenden bewarfen ihn mit Schmutz. Die halbwüchsigeil Gassenbuben pfiffen mit den Fingern, Jokton! Jokton! schreiend. Leib Rabinowiez wich nicht um Schrittcsläilge. In aufrechter Haltung ging er neben der Bahre im bloßen Kamisol, bei welchem vorn und rück wärts Fädcil hervorschallten, einher. Sein entblößtes Haupt trug er hoch empor, eine mit dem Gebetricinen umwickelte Hand hielt er auf der Brust, mit der andern drückte er das Sammctbeutclchcn mit den Tefillim auf den Erhängten. Dieses Heiligthum beschützte be» beschimpften Leichnam vor weitereil Entweihungen. So erreichte ma» den „guten Ort", wo Efraim Porter unter Verwünschungen und Flücheil des Pöbels in einer Ecke an der Mauer eingescharrt wurde. Daun erhielt Leib aus den Händen der Träger seinen Talles nnd dir icfiftim und kehrte nach der Stadt zurück. Tic Menschenmenge theilte sich. Ei» Theil blieb am Friedhof, den Grabhügel des Selbst inördcrs mit trockenein Reisig und Feldsteinen bewerfend, die Anderen liefen pfeifend und johlend hinter Leib her, Jokton! Jokton! schreiend. Dieser Spottname blieb ihm anhaften, wie die neue Haut am Rücken reine Schlange. Unter Johlen und Heulen schritt Leib Rabinowiez sicher», festen Schrittes dahin, den znsammengcfalteten Talles unter dein Arme tragend, hoch und aufrecht, als wäre er während dieser Stunde der Verhöhnung um einen Kopf gewachsen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. Ü4. Ll Ke b. 3'. ' preu&ij itafien irächtli Mizte Goßler den P judischt Das E worben 207 G 44,089 latholi an der Itfeu n Prozen bemitcu die Ka verhüll der em im Stl 14,3, l unb de itafien mehr die CH aber fi Die S mittel greift, liec^ent weil £ 20. M Wohn! von E sei. 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