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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-22 · Heft 32 (22.8.1890) · p. Seite 427

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 32 (22.8.1890)
Date
1890-08-22
Page
Seite 427 (sequence 11)
Language
German
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427 mid verkaufte Ochsen, besuchte die großen Markte und erfreute sich im Städtchen einer guten Reputation. Efraim Porter war ein Wittwer, und seine Kinder, Söhne und Töchter, waren längst gestorben. Er war verlassen, und in seiner Verwaistheit tröstete er sich init seinem ersparten Gelde, als wäre es seine Kinder und Enkel. .Ja, sogar noch mehr; denn im Leben sah er, daß die Kinder und Enkel dazu heranwachsen, um dann ihre Eltern und Großeltern zu verlassen; während sein im Schweiße erarbeitetes Geld sich beständig vermehrte, um mit der Zeit zu ihm zurückmkchren, sein Alter zu unterstützen und angenehm zu machen. Efraim mitte eine an einen Talmudisten verheirathete Schwester Chase. Dieser Mf; den ganzen Tag über die Bücher gebeugt, ohne zu fragen, woher er ras Brod nehme, und woher seine Frau und Kinder lebten. Und es! :mir ein Haufen Sprösslinge, die stets im Vermehren begriffen waren. i Aber Chase sorgte für Alles. Ihre angeschwollenen, wund ge- .!reimen Füße, ihre ausgemergelten und zitternden Hände, ihre ent- J mndeten, gierig unstüten Augen, die vom fortwährenden Plappern rcisere Kehle, die vom Schweiß nie trocken werdende Stirn und ihre ' rr Sorge nie rastenden Gedanken wußten davon zu erzählen. Chase mußte für Alles sorge». Sie war der Typus einer klein-! midtischen Jüdin, noch jung und schon verwelkt, die dem Gelde nach-; mgt, die sich mit trockenen Kartoffeln und Zwiebeln oder init einer i Vrctzel begnügt, dabei arbeitet, Kinder gebürt, um etwas zu verdienen,! ' 'gar um Mitternacht in die umliegenden Dörfer läuft, mit einem j rnering und einem Pfund Brod den ganzen Tag die Familie ernährt und dabei noch selbst ihr Kind stillt.! Trotz dieser Anstrengungen erwachte Chase mit dem Elend und! mag mit demselben zu Bette; es war dies eine chronische Armuth,! me sich am ersten eines jeden Monats, wo man für die elende Stube j wci Rubel Micthszins zu zahlen hatte, noch steigerte. Diese zwei Rubel bildeten einen tragischen Moment in Chajes Leben. Schon am Vorj bend dieses Tages rannte sie zerstreut, beinahe ohne Sinn, sich im! Rechnen der Eier, welche sic tagsüber in den Dörfern aufkaufte, i rrcnd, nicht im Stande, Restbeträge retour zu geben, hungrig, durstig, j mir nothdürftig gekleidet, den älteren Söhnen Rippenstöße anstheilend,! ans Vergessenheit dem Säugling nicht die Brust reichend und ihrem j Manne nicht die Brodsuppe austheilend. Der beste Spürhund wittert! mcht so das Wild und lauert ihm nicht so nach, wie sie an diesem Tage! non der Morgendämmerung an dem Gelde nachspttr und auflauerte, j Von dem Ingrimm, mit welchem sie beinahe gewaltthütig den j Gauernweibern außerhalb der Stadtlinic bald einige Eier, bald einen! Laib Käse oder Butter ans dem Korbe entriß, um sic in der Stadt , m verkaufen, ging sie zu Bitten über, zu Flehen, zu einem rührenden! reinen. Von einer Bauernhand vom Wagen weggestvßen, kehrte j ’ic zu demselben zehn, zwanzig Mal zurück, erklomm die Wagenleiter,! lwch rückwärts in den Wagenkorb und klammerte sich an die Pferde. j Es pflegte zu geschehen, daß ihr ein Bauer die Haube vom ckopfe riß, ihr eins in den Nacken versetzte oder ihre Jacke in Stücke j nß, und sie erwiederte nichts. Wie sie ihre dürren Finger in die i Wagenleiter zwängte, so lief sie hinter dem Gaul, auf den man! mit der Peitsche cinhieb, einher, abwechselnd feilschend und lamenürend, bis ihr in der Brust der Athem ausging und der Schaum in den Mund kam. So rannte sie dem Wagen muh, durch den Schlagbaum, über die Brücke zur Post, zur! Apotheke, bis auf den Ringplatz, die übrigen Jüdinnen! mcgstaßend, sich mit ihnen zankend, dem sie beschimpfenden Bauern j schmeichelnd und mit ihrem unstäten blutunterlaufenen Auge blinzelnd. Wie viel Faustschlüge sie in die Schultern bekam, wieviel Mal sie wankte, wie viel Beulen sie aus solch einer Campagne davontrug, das zählte sie nie. Gelang es ihr nur, wenigstens ein Zehngroschenstück zu verdienen, so kehrte sie triumphirend heim, war nach dieser dornenvollen Odyssee freudig bewegt und begann, ihre auf diese Weise im Laufe des Monats angesammeltcn Kupfermünzen zu zählen. Aber mehr als einen Rubel konnte sie nie zusammenbringen. Um den zweiten ging sie zum Bruder. Daun blieb sie auf seiner Schwelle demüthig und schweigend stehen, bewegte sich nicht mit einem Schritt weiter in die Stube, am Arm trug sie ihr jüngstes Kind, und der Bruder wußte schon, auch ohne Sprechen, was dieses Kommen zu bedeuten habe. Dann erhob er sein rothcs, schweres Haupt von der Arbeit, schaute mit seinen gläsernen, hervorstchcnde» Auge» auf die Angekommene, zog den glänzenden stählernen Fingerhut vom Finger, und ein schmutziges Säckchen, welches er unter seinem Piguö- Spenser auf der Brust trug, hervorziehend, entnahm er demselben einen Rubel und reichte ihn der Schwester. Es war immer ein Papierrubel und der letzte im Beutelchen. Chaje's gierige unstätc Augen konnten nie mehr als diesen einzigen Rubel erspähen. Alles dies ging unter völligem Schweigen vor sich. Chase »ahm den Rubel, küßte den schmierige» Aermel des brüderlichen Spenders und schluchzte leise auf. Efraim rührten nicht die Thrünen und die Tankescrgüffe. Aber sein Geldsäckchen versteckte er wieder am schnellsten unter den Spenser, heftete denselben zu, langte nach dem Fingcrhute, und Chase verschwand im dunklen, niedrigen Hausflur, schluchzend und seufzend. Das hatte so viele Jahre gewährt, als eines Morgens, wie gewöhnlich schweigend, Efraim beinahe in zwei Worten vom Bötticher Kotkiewiez eine Bauparzelle kaufte und seine Kaftanschöße zurückschlagend, sich auf den Weg nach Trojanowskis Wald machte, um sich verschiedene Holzsorten anzusehen. Er besichtigte, gab das Geld, welches er bei sich führte, als Angeld, verabredete sich unterwegs wegen der Zufuhr von Bruchsteinen zum Fundament und kehrte gegen Abend heim. Noch am selben Tage begann man im Städtchen davon zu reden, daß Efraim Porter bauen werde. Er begann in der That auch zu bauen. Das hohe, von Kottiewiez's Ziegen nicht ganz abgewcidctc llnkrant wurde ausgejütet, der Platz mit einer Schnur ausgemcsscn, an den vier Ecken wurden strohumwickelte Pfähle eingcschlagen, und man ging daran, Fundamente zu graben. Unterdessen führten die Leute Steine zu, der Zimmermann mit der Pfeife im Munde, ging ans und ab, besichtigte die zugcführtcü Balten, bezeichnete sie mit Kreide, und der Handlanger löschte lustig pfeifend den Kalk. Hier und da blieb- Jemand im Gäßchcn stehen, um der „Fabrik" zuzuschaucn. Einer schüttelte mit dem Kopfe, der Zweite wünschte Glück. Die Kinder umringten die Arbeiter, wie es eben gebräuchlich ist, wenn etwas gebaut wird. Gleich am ersten Tage, nein, in der ersten Stunde der „Fabrik", kam Chase ganz außer Athem aus den Platz gelaufen, ihren Kram dem ältesten Mädchen überlassend. Sic kam, umfaßte die ganze Herrlichkeit mit ihren Augen und klatschte vor Verwunderung in die Hände. Zum Bruder ging sie aber nicht. Sic fürchtete, ihm lästig zu fallen, und sie benöthigte in Kürze den Rubel. Erst als er ankam, schlich sie sich demüthig - und schweigend ins Stübchen des Schneiders und blieb wie gewöhnlich auf der Schwelle stehe». Und Efraim zog wie üblich fein Säckchen hervor und gab der Schwester einen Papierrubel. Als sie ihn aber auf den Ellbogen küssen wollte, nahm er sie bei der Hand, durchschritt schweigend das Gäßchen, führte Chase schweigend um die Hälfte des Platzes, und als sic beim vierten Pfahle anlangten, sprach er: „Höre, Chase. Wir sind die einzigen Kinder unserer Eltern. Blich hat Gott mit Verdienst bedacht, aber mit keinen Kindern, Dir hat Gott Kinder gegeben, aber kein Verdienst. Das ist schlimm . . ." Er schwieg und legte das Gesicht in Falten, wie dem Schicksal einen strengen Verweis ertheilend. Chase schluchzte leise. „Scha, scha", — zischte Efraim, „Tu hast jetzt nicht zu weinen, sondern mir zuzuhören." Chase wischte sofort ihre Auge» mit der Hand ab, und ihr Herz begann ihr im Busen zu pochen

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