Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 32 (22.8.1890)
- Date
- 1890-08-22
- Page
- Seite 424 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227858--47292-3268805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
424 Ausdruck gegeben; das schließt nicht aus, daß der Grundgedanke des Stückes ein attgemciner, tief sittlicher ist, wie ihn denn Simrock darin gefunden hat, daß das Recht in seiner äußersten Konsequenz zum schwersten Unrecht werden kann; wenn einer mit rücksichtsloser Härte ans seinem Schein besteht, dann ist es Weisheit und höhere Gerechtigkeit, das formale Recht zu brechen. Aber wenn auch immerhin Shylock, entsprechend den Vorurtheilen des Mittelalters gegen die Juden überhaupt, sodann der von Shakespeare benutzten Novelle des Fiorcntino und endlich der gerade damals zur Zeit der Entstehung des Stückes hochgehendcn Erregung des englischen Bvlkes gegen einzelne Juden, wenn auch Shylock nicht gerade sehr verlockend geschildert wird, ist er darum, wie Badenstedt meint, die „verkörperte Habsucht und Bosheit"? Schon Heine, den die Pedanten oberflächlich nennen, weil er das Tiefste mit Geist und Witz und allgemein verständlich vortrügt, hat cs richtig erkannt, daß Shylock mehr ist als ein niedriger, verächtlicher Wucherer. Rach Heine ist „Shylock, mit Ausnahme Porzia's, die respektabelste Person im ganzen Stück; er liebt das Geld, er verschweigt nicht diese Liebe; aber cs gicbt etwas, was er noch höher schätzt als Geld, nämlich die Gcnugthnung für sein beleidigtes Herz, die gerechte Wiedervergeltung unsäglicher Schmähungen." „Nein, Shylock liebt zwar das Geld, aber es gicbt Tinge, die er noch mehr liebt, unter Andcrm seine Tochter „Jessica, mein Kind". Als die Freunde des Antonio in der Gcrichtsszene sagen, sie möchten ihre Frauen, die ihnen so lieb tvic das Leben sind, opfern, mit den Freund zu retten, zittert Shylock für seine Tochter und sagt: „So sind die Ehristcnmänner; ich habe eine Tochter; wär' irgend tver vom Stamme des Barnabas ihr Mann geworden lieber als ein Christ." Bei diesem Anlaß schreibt auch Heine das aufschlußreiche Wort: „Das gemeine Bolk haßte in den Juden immer nur die Geldbesitzer; es tvar immer das aufgchäufte Metall, welches die Blitze seines Zornes auf die Juden herabzog." Schwalb folgt nun meist den Spuren des Weges, den Heine schon vor länger als einem halben Jahrhundert cingeschlagcn. Auch Heine hat cs hcrausgcfundcn, daß Shakespeare in diesem Stücke den Christen nicht besonders geschmeichelt hat. Was ist denn an dem Antonio gar so Großartiges! Mag Shylock so verächtlich sein wie nur immer, ist es eines edlen Mannes würdig, einen Menschen, und wäre es auch ein Unedler, anzuspcien, ihn mit Füßen zu treten, ihn einen Hund zu nennen? Doppelt schmählich ist dies Gebühren, wenn der Gequälte schon durch seine Geburt zu den Unterdrückten gehört. Bodcnstcdt schließt sich der Meinung an, daß der „Kaufmann von Venedig" das hohe Lied der Freundschaft sei. Aber Antonio leistet keine That der Freundschaft, die dies Schauspiel so hohen Lobes würdig macht; was thut er denn? er, der sich überreich wähnt, gicbt dem Freunde Geld; als er aus die Bedingung Shylocks cingcht, glauben alle Drei, es handle sich um einen Scherz; es wäre auch eine Niedertracht sonder Gleichen gewesen, wenn Bassanio, sobald er nur im Entferntesten eine Gefahr für den Freund aus dieser Klausel befürchtete, diesen Vertrag zugclassen hätte. Es ist nur ein unbestimmtes Bangen, wenn Bassanio sagt: „Ich mag nicht Freundlichkeit bei tückischem Gemüthe." Wäre die Empfindung ernster und irgend Noch eins, was Schwalb, vielleicht mit Bedacht, bei Seite läßt, ist wohl noch zu erwähnen. Antonio verlangt für die Gunst, daß das Gericht dem Juden das Leben schenkt, dieser solle sich sogleich zum Christenthum bekennen. Giebt es aber ein größeres Pasquill ans das Christenthum, als diese Form der Bekehrung? Was muß dieser Antonio für eine rohe Vorstellung von Religion haben, wenn er cs als einen Gewinn betrachtet, auf diesem Wege das Christenthnm auszubreiten. Da scheint uns beinahe der Standpunkt Lanzelot Gobbo'S noch bester, der zu Jessica sagt: „Es gab schon vorher Christen genug, gerade so viel, als gut neben einander bestehen konnten; dies Christenmachen wird den Preis der Schweine steigern." Wenn aber schon Antonio nicht viel taugt, was sind erst alle diejenigen, die sich um ihn wie die Planeten um die Sonne bewegen, für feile Gesellen! Schwalb sagt mit Recht, daß sic Alle das Geld lieb haben. Bassanio will die Porzia, aber er will auch die reiche Heirath. Graziano lügt nicht, wenn er sagt: „Wir sind Jasvn'S, wir haben das goldene Vließ gewonnen." Und noch gewisser womöglich als von Bassanio, kann man von Lorenzo sagen, daß er seine Geliebte, wenn sie nicht vergoldet gewesen wäre, entweder nicht gestohlen oder bald hätte lausen lassen; Hütte einer dieser zwei romantischen Liebhaber seine Geliebte verloren, so Hütte er allerdings nicht so laut geschrieen wie Shylock, aber doch sich selbst mit Kummer gesagt: „O meine Dukaten, mein Mädchen, mein Mädchen, meine Dukaten." Und vollends was für ein düsterer Schatten fällt auf die christliche Gesinnung dadurch, daß in Venedig sich Niemand findet, der den Antonio rettet; nicht dreitausend Dukaten waren in Venedig anfzutrciben, lim Shylock zu befriedigen; gegen diesen Vorwurf, den wir schon bei Heine lesen lmd den Schwalb erneuert, ließe sich vielleicht sagen: Antonios Freunde glaubten nicht, daß Shylock mit der Erfüllung dieser Klausel Ernst machen werde. Immerhin inußtc den Freunden des „königlichen Kaufmanns" daran gelegen fein, das Wort des Antonio gegenüber Shylock einzulösen. Daß sic es nicht thaten, verräth eine nichts weniger als noble Gesinnung. Wir haben das Gefühl, Tubal, der Glaubensgenosse Shylocks, hätte diesen ilicht für dreitausend Dukaten der Schande preisgegeben, ja wir trauen cs sogar dem Shylock zu, dieser Hütte, ob auch mit schwerem Herzen, den Beutel geöffnet und die Dukaten herausgeholt, wenn sein Frelmd oder gar feilt „heilig Volk" in Roth gcrathen wäre. Ter Nachweis ist Schwalb sehr gut gelungen, daß die Christen im Stücke, wenn wir Porzia ausnehmen, nicht allzuviel taugen und selbst Porzia, die so schön von der Gnade redet, treibt nachher in ihrem Urtheil die ärgste Buchstabenklanberei und Sophistik, allerdings wie wir entschuldigend hinzufügcn müssen, um Shylock für sei» geplantes Unrecht zu strafen. Schwalb in seinem Bestreben, Licht und Schatten gleich und gerecht zu vertheilen, geht sogar so weit, bei Jessica für mildernde Umstände zu plaidircn. Heine giebt sie auf und meint, der Dichter habe in Jessica keine Jüdin schildern wollen, sondern nur „eine Tochter Eva'S, einen jener schönen Vögel, die, wenn sic flügge geworden, aus dem väterlichen Neste fortflattcrn zu den geliebten Männchen". Nur nicht a jjchkcit I es wa das G »lütter haben, einen ' sagt: , von Ll Wald diesen Shyloi läßt ih B rücken, 'ordert denken Cis wl inunerl D kür bti;u fün mit De Beraul;», Dii ein E Seele ichafft liandei B aber ei belvnßi Rothw feinen später der G, Israel I befand ihn iv Dchrifi ins Gi bcrufci beniun nicht u also n die Fr einen i des M auch i Ihr m wie berechtigt, so würde wenigstens seitens Bassanio's in dies hohe Lied der Freundschaft ein schriller Mjßtlang kommen. Antonio scheint ferner nicht ganz von der Meinung sich loszureißen, daß auch unrecht Gut gedeihen kann: denn er giebt dem Shylock die dreitausend Dukaten nicht zurück, sondern läßt sich die Sophistereien der Porzia, durch die sie den Shylock um sein Geld prellt, gern gefallen. Cs ist nicht groß und edel, wenn Antonio das Geld des Juden annimmt. in der zagenden Schani, als sie Knabcntracht anlcgen soll, sei vielleicht noch jene Keuschheit zu erkennen, die dem jüdischen Stamme eigen ist und den Töchtern derselben einen so wunderbaren Liebreiz verleiht. Aber Schwalb bringt noch viel mehr zu ihren Gunsten vor. Wie manche Jessica mag schon in Begleitung ihres Lorenzo zu dem milden Pastor gekommen sein, um das väterliche Haus und den väterlichen Glauben aufzugeben und Christin zu werden. Wir können cs dem christlichen Geistlichen nicht verargen, wenn er die Prosclytin E Kanfn wenn hingen ganze