Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 32 (22.8.1890)
- Date
- 1890-08-22
- Page
- Seite 423 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Man las einen Bers, besten einzelne Worte die zu zählenden Personen trafen. So wurde nie Zahl festgestellt.') An ihre Unterschrift fügten die Israeliten noch einen Namenszug als Zeichen. Aus dem Volksleben damaliger Tage wird uns noch mitgetheilt: Christen und Juden in Persien sprachen zumeist Aramäisch. Man verstand es, auf verschiedene Weise dem Wasser Feuer zu entlocken. Die Völker des Westens wohnen in Höhle». Auf Flößen und nach iveiten Reisen kommen sie nach Aegypten. Die Muselinannen lassen Konvertiten an der Erbschaft nach ihren Vätern nicht Theil nehmen. Die eigentlichen Araber und Südländer rasiren den ganzen Körper. 'Minner legen keine farbigen Gewänder ans Wolle und Leinen an. Deide tragen sie aber auch farbig. Die Perser tragen Mützen, welche ans Thierfellen angefertigt sind. Die Magier verharren während des Essen schweigend, man hört höchstens nur ausgestoßene, »»zusammenhängende Laute. Wer sich im Laufen üben will, der umbindet die Füße mit Strängen, die Schritte werden kleiner und kürzer, der Lauf um so rascher und schneller. Derartige Bemerkungen über Volksbranch und nationale Sitte and vielfach in den Briefen der babylonischen Schulhäupter zerstreut. Bedeutsamer und für die Wissenschaft maßgebend sind jedoch die Briefe, welche geschichtliche Fragen zum Gegenstände haben. Sie bilden den Ausgangspunkt der historischen Forschung unserer Tage uns dem Gebiete des jüdischen Alterthums. Nicht nur die große Epistel über die Abfassung der Mischna und des Talmud und über die Reihenfolge der Geonen, welche Scherira Gaon nach Kairwan sandte, ist bahnbrechend, auch die kleineren Briefe über Gegenstände und Verhältnisse der alten Welt sind hochbedentsam. Da sind Verbandlnngen zu lesen über die althebräischen Schristzeichen, über die Eilschriften auf den Edelsteinen des oberpriesterlichen Brnstschildes und Prachtmantels, über die ältesten Gebete und Segenssprüche; über Stellen der heiligen Schrift, welche einander widersprachen, über die alten Strafmittel, über die Städte in Palästina, über die alten Titulaturen im ersten talmudischen Zeitalter, über die Lehrer, welche wie Raba und Rabah, einen gleichen Namen trage», über die verschiedenen klebersetzungen und fremdsprachlichen Worte im rabvinischen Schriftthum. Eine besondere Art von Responsen bilden öie, welche die Erklärungen, Grundsätze und Auslegungen von talumdischen Sagen und Legenden zum Gegenstände habe». Jede der ersten Perioden der großen Litteratur des jüdischen Dtammes trügt seine eigenthümliche Gestalt. Als wollte sich der vielseitige Geist dieses wunderbaren Volkes je nach seinem wechselnden «beschicke gestalten, zeigt er sich in mannigfachen Formen. Die heilige Schrift in ihren ewig klingenden gottanrufenden Liedern, in ihren erschütternden, das Volk aufstürmenden Reden, in ihren schlichten dem Seelenleben sich anschmiegenden Erzählungen, giebt uns eine Darstellung des ältesten Geistes, der in diesen Stämmen waltete. Des Staatswesens beraubt, nach neuen Bildungen suchend und lastend, als fürchte das Volk der Geistesschöpfnngen voriger Jahrhunderte verlustig zu werden, wird eine Litteratur von großen Protokollen ins Leben gerufen, welche Alles verzeichnet, was das Herz und der Geist bedeutender Männer seit sechs Jahrhunderten gedacht und geschaffen hat, ein lebender Gedenkstein der nie erschlaffenden Kraft dieser inuthmngürteten Lehrer der Mischna und des Talmud. Und als die Gemeinden des Judenthums sich in allen Welttheilen vervielfältigten, als ein mahnend Wort der Zersplitterung Vorbeugen, das Anseinandergehen verhüten mußte, da erwuchs im fernen Osten eine neue Form der wissenschaftlichen Glanbensthätigkeit, der gelehrte Brief, ein Denkmal umfassenden Wissens und erhaltender Kraft für alle Söhne des alten Sinaiglanbens. O Der Charakter Shylock?; in neuer üelruchtnng. Von Rabbiner Tr. B. Rippner. Pastor Schwalb ist ein sorgfältiger Forscher und Beobachter auf dein Gebiete des Judenthums; er ist unermüdlich darin, dem vortrefflichen Berliner Hofprediger, der gerade in Bezug auf jüdische Tinge so oft sich — irrt, die Jrrthümer nachzuweisen; er ist ein eifriger Anwalt unseres Rechts selbst auf die Gefahr hin, das! Häuflein seiner Anhänger noch zu verringern; denn da nicht Alle j frei sind, die ihrer Ketten spotten, so sind selbst viele kirchlich Radikale j illiberal genug, um die Juden zu hassen. Wir wollen nicht leugnen, daß bei allen diesen Bestrebungen eit: , tvenig die Absicht durchleuchtet, die Jude:: dem Christenthum zu ge-! winnen, den Beweis zil liefern, daß der kirchliche Freisinn eher in: 1 Stande ist, die Juden zu bekehren, als die Orthodoxen es vermögen, i die sich daran schon seit Jahrhunderten mit nur schwachem Erfolg abmühen; Schwalb tadelt es an der Orthodoxie und betrachtet es : als das schlimmste Zeichen ihrer geistigen Ohnmacht, das es ihr bisher! noch nicht gelungen ist, die Juden zu bekehren. Er hat sicher den; uneingestandenen Ehrgeiz, es besser zu machen. Unaufgefordert giebt er uns, wenn auch nicht gute, so doch gutgemeinte Rathschläge, unsere religiösen Einrichtungen zu reformiren. lind wie er dein: allerwegen sich unserer annimmt, so hat er neuer-; dings sogar die Ehrenrettung eines Juden versucht, der allerdings nur in der Phantasie des Dichters seine Heimath hat; selbst Sh ylock scheint; ihm ein besserer Mann zu siin, als gemeinhin augenonnnen wird. Seit Tawison, sonst ein so großer Charakterdarsteller, in der Rolle des Shylock den wohlfeilen Beifall der Galerien und solcher die! dorthin gehören, dadurch gewann, daß er im Shylock einen mauschelnden! Juden auf die Bühne brachte, hat dies-böse Beispiel ulannigfache Nachahmung gesunden und den ohnedies schon schwer genug gestraften:; Wucherer nur noch mehr herunter gebracht. : Was kümmert es die Menge und diejenigen, die ihr beifalls- : lüstern dienen, daß man in Venedig nicht gemauschelt hat, daß dieser! Jargon bei dem Juden und Wucherer des Traums ganz ungehörig! ist! Es macht Manchen Spaß, mitten in der Aufführung eines klassischen Schauspiels jene drolligen: Töne zu hören, die sonst nur in! Possen zur Charakteristik eines jüdischen Trödlers angewendet werden,! m:d wie einmal ein Parlamentarier, als ihn: der Witz ausging, auf der Tribüne zu mauscheln begann, um die Aufmerksamkeit zu erzwingen, so erregt ein Schauspieler als Shylock durch den näselnden Singsang in der Rede sofort das Ohr des Hörers; bei Bielen: freilich wird dies Aufmerken nichts weniger als angenehme Empfindungen, sondern: weit eher j Befremde:: und Erstaunen über so unerhörte Seltsamkeitei: erwecken. Graetz hat in den: bekannten Aufsatz: „Shylock in der Sage, - in dem Drama und in der Geschichte" (der Aufsatz scheint jedoch Schwalb nicht bekannt zu sein) darauf hingewiesen, daß der Dichter : durch sein Lustspiel einer damals im englischen Volke vorhandenen i Mißstinnnung gegen einzelne des Landesverrats verdächtige Juden ') Das. Seite 16. -) «eite 48.