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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-22 · Heft 32 (22.8.1890) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 32 (22.8.1890)
Date
1890-08-22
Page
Seite 422 (sequence 6)
Language
German
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422 erregt soll man durch bas Wort, das man dem Himmel entgegensendet, erscheinen/) In manchen Gemeinden trat man »in Mitternacht oder am frühen Morgen zusammen, um Lobpreisungen Gottes erschallen zu lassen. Hier und da war es beliebt, an den Fcstcsabenden zu predigen. In der Nacht des Versöhnungstages und au Sabbathabenden, an anderen Orten am Sabbathmorgen, las man den Psalter.-) In das Gebet selbst wurden poetische Stücke und Ausführungen frommer Bußgcdanken eingeflochten. Auch erklärte man den Wochenabschnitt. / Frauen besuchten das Gotteshaus.') Tie Thorarollen wurden mit goldenen Kronen geschmückt. Am Freudenfeste der Thora wurden Zeichen allgemeiner Freude beliebt, Räucherwcrk wurde hingcstreut. Im Hintergründe der Synagoge blieb ein freier Raum. Dahin begaben sich alle, welche den Trauernden Trost entgegcnbrachtcn. Die Töne der Posaune ließ man am Neujahrcstagc melodisch, nach musikalischem Gesetze, erschallen.') Besonderes Bcrdienst erwarben sich die Lehrer dieser Jahrhunderte durch Festsetzung von Liturgien für gewisse religionsgesetzliche häusliche Funktionen, welche früher nicht berücksichtigt wurden. So schrieben sie Wechselreden und Gebete für die symbolische Auslösung der Erstgeborenen vor, bestimmten ein Gebet unmittelbar vor der Nachtrmhe, setzten die Lektionsordnung für den Passahabend, indem sie dieselbe erweiterten, fest, bestimmten eigene Segcnssprüche und Speisen für den Ncujahrsabend. Hierdurch wurden die weihereichen Stunden des Hauses vermehrt und gehoben. In gleichem Sinne erhielt das Loosfest und die Feier der Tempelweihe im Hause erhöhte Bedeutung. Bei alledem galt auch der Grundsatz: keine Erschwerung. Des Guten nicht zu viel. Das Volt darf durch Verordnungen und Gebete nicht belästigt werden/') Das persönliche Wohlbefinden jedes Einzelnen mußte überall in Beriicksichtigung kommen. Dabei ging man so weit, auch die Wohlthätigteit gewissermaßen in Grenzen zu halten. Ein Brief spricht sich dahin aus: Die Ernährung des Mannes und des Hauses geht Allein voran. Bevor man diese gesichert hat, braucht inan keine Almosen zu geben.') In der That gelang es auch diesen Lehrern, und meist durch eben diese Briefe, eine gewisse Gleichmäßigkeit unter den so viel und weit zerstreuten Jiiden herzustellen, der gegenüber die Verschiedenheit des spanischen und nordeuropäischen Gebetbuches gering erscheint. Auch die Nachsicht, welche sie gegen die weit auseinander liegenden Genieinden, in welchen damals noch vielfach wechselnde Sitten herrschten, walten ließeir, mag dazri beigetragcn haben, die Einiginig und Gleichmäßigkeit des religiösen Lebens zu fördern. Als Beispiel dieser Toleranz möchten wir nur den Ausspruch eines Schulhauptes in einer Frage der Trauerfcicr, welche viel Verschiedenheiten aufwics, anführen. Derselbe lautet: Was liegt denn dem armen Todten an all diesen Dingen! Das ist cs, was unserer gegenwärtigen, viel zerklüfteten Zeit fehlt. Eine allseitig anerkannte Autorität, ein Wort, welches für Alle die höchste Bedeutung hat. Ein Ausspruch, dem sich Alle gern beugen und untcrordnen. Man mißverstehe uns nicht. Wir wollen nicht, daß je auf religiösem Gebiete eine Herrschaft ausgeübt werde. Es ist auch zur Wahrheit nicht anders als drirch eigene Erprobung und Prüfling zu gelaugen. Allein die babylonischen Schulhäupter beherrschten die Juden der weit entlegenen Lande, in welche sie ihre schriftlichen Mahnungen verschickten, auch nicht durch irgend welche Machtstellung, durch eine übertragene Gewalt oder eine überkommene Würde. Als Männer von gediegenstenr Eharakter, von echter, ungekünstelter und ungeheuchelter Frömmigkeit, als Geister voll erlesener Kenntnis; erlangten diese Meister Verehrung und Anerkennung. Ihrer hohen ') Das. Seite 102. 2) Seite 108. 182. 3) Seite 206. 4) Seite 80- \) Seite 28. 2(6. '■) Seite 93. 7) Seite 159. Bedeutung willen setzte das Volk sein Vertrauen in sie, horchte man in Ost und West auf ihren Ausspruch. So hielten sie das Judenthum zusammen und erhöhten befestigend dessen Einheit. Mögen in den Kreisen unseres Lebens Männer edelsten Sinnes und vollendeter Bildung erstehen, welche sich ungetheilte Hochachtung und Würdigung erwarben durch ein Leben voll ruhmeswürdiger Tugenden, durch aufrichtige Selbstlosigkeit, durch ein Aufgehen in Heilcsbestrebungcn für ihre Glaubensbrüder. Vielleicht könnten edle Muster der reinen, himmelsklaren Tugend, der umfassenden, hervorragenden Geistesbildung wieder ein Band werden, um die tief gespaltenen Genieinden zu einen und in den Gotteswegen zu leiten! Auch an Nachrichten, welche dem Glaubensleben fern liegen, bieten uns die Responsen der Meister viel Wissenswerthes. Die Lehrer, welche so mild und nachsichtsvoll sind, daß sie auch für Rechtssachen die Vorschrift geben, man solle den Armen gegenüber niemals einer anerkannten Schuld wegen zur Pfändung schreiten, bezeuge», daß man Recht und Liebe in gleichem Maße auch den Nichtjuden gegenüber walten ließ. War der Araber in Trauer, so! bot ihm der Jude das Trostesmahl/) Werden nichtjüdische Zeugen j beim persischen Gerichtshöfe als glaubwürdig anerkannt, so ist deren Aussage bei einem stidischen Gerichte als giltig anzusehen/) Die Gerichte der Perser, sagt ein Lehrer, sind gerecht und voll Würde. Sie nehmen als Zeugen nur Personen an, die großjährig, weise, wohlhabend, ausgezeichnet durch tugendsamen Lebenswandel sind und jedem Verdachte eines Unrechtes oder einer Unwahrheit fern stehen. Allerdings, bemerkt der Meister nicht ohne Theilnahme, ist es in den kleinen, von der Residenz entfernten Ortschaften und in Aegypten ander?. Die Juden wohnten in Persien nicht in besonderen Stadtvierteln, sondern zwischen den Mohamedanern/) Von allgemeiner Völkersitte erfahren wir ferner aus diesem Schriftthum. Wer mit I Erlaubnis; der Regierung reiste, der erhielt ein aus Lehm geformtes Siegel, welches ihm überall freien Durchgang sicherte/) Die Soldaten! führten Messer in ihrem Gürtel. In den Wein gab man Kohl, um! dessen Schärfe zu mildern und sich vor dem Rausche zu schützen, j Man umwand den Körper mit Palmenblättern, um leicht zu! schwimmen. Der Genuß von ausgekochten Thierklauen galt als! Heilmittel. Ein Lehrer glaubt vor solchen allgemeinen Heilmitteln i warnen zu sollen. Der Jztorlab ist im Gebrauch, und die geome-! irischen Berechnungen sind in weite Kreise gedrungen. Die zum Feste! ausziehenden Araber kommen nur einmal im Jahre nach Aegypten, j In dem letztem Lande trinkt man den Wein gern mit Honig versetzt, j Treffen sich Freunde, so verbeugen sich dieselben grüßend, lieber die verschiedenen Feste, welche man in Babylon feierte, wenn man ein j Feld kaufte, wenn man Beute thcilte, wenn man die Versprechungen und Zeichen bei den Eheverlöbnisscn tauschte t, erhalten wir Nachrichten,! denen die etwas dunkle Notiz angefügt ist, das; man während der! ganzen Erntezeit aus den Sümpfen und Wassergräben in Babylon! eine Stimme erklingen höre. Die Bewohner dieser Länder trugen j mitunter ganz durchsichtige Gewänder/) Ans dem Anfänge des! 9. Jahrhunderts wird mitgetheilt: Die Magier hätten die mohame-! dänische Religion angenommen, im Geheimen aber neigen sich noch j manche dieses Stammes ihrem alten Glauben zu. Auch das altindische Gedicht „Kalilag und Damnag" ist den Lehrern der Hochschule nicht unbekannt. Auch besondere Sitten und Bräuche im Kreise der Juden treten hervor, unter diesen mancher Aberglaube, den Perser und Juden theilen. Der letzte hat hier und da seine Folgen. Einst reiste ein Mann zu Schiffe mit mehreren Gefährten. Sie erlitten Schiffbruch. 9 Seite 30. *) Seite 32. 3) Seite 137. 4) Seite 50. y Das. B) Das. Seite 30.

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