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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-22 · Heft 32 (22.8.1890) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 32 (22.8.1890)
Date
1890-08-22
Page
Seite 418 (sequence 2)
Language
German
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418 jetzt noch den Mnth haben wird, die „strafenden Worte" des Kronprinzen; Friedrich Wilhelm, nachmaligen Kaisers Friedrich, in Abrede zu stellen!! Freilich, das Tr§cm des Hofpredigers, der „Reichsbote", kmcvt'i; schon jetzt mit pharisäischer Miene: „Man wühle doch *uu Tagesstreit | nicht immer lvieder die faum geschlossenen Gräber unserer liebsten j Todten ans." Das Blatt findet in der kaiserlichen Kundgebung nur! abgethane Ideen aus einer Zeit der „rationalistischen Glaubensgleich-! giltigkeit und einer seichten rationalistischen Richtung". Bon besonderer! Pietät zeugt dieses Urtheil wahrhaftig nicht; es verräth vielmehr, wie! fatal jenen „Fronunen" in diesem Falle die Erinnerung an die verklärte! Kaiserin ist, deren Andenken wir stets in Ehren halten wollen. Ihr j rührigstes Bestreben war, bei ihren Liebeswerken von allern Kon-! fessionellen abzusehen. Es liegen Beweisstücke dafür vor, daß sie ihr! religiöses Empfinden zu einer Höhe emporzuheben verstand, von der aus die besondere konfessionelle Stellung des Eirizelneii gar nicht inehr in Betracht kam. Tie Kaiserin war Huinanistin in des Wortes edelster Bedeutung, und sie lebte der Ilederzeuguug, in dem Absehen! von jedweder religiöser Sonderrichtung läge die sicherste Gewähr für! die Anbahnung einer die gesammte Menschheit befriedigenden Relij giositüt. Dabei hielt sich die Fürstin frei von jeder Berschwonnnenheit! in religiösen Ansichten, denn sie räumte jeder ihr Recht ein und war! nur bemüht, das Gemeinsame zusammenzufassen, um zu einheitlichen Borstellungen sich durchznarbeiten. So darf man es denn mit Freuden begrüßen, daß uns durch diesen Brief, sowie durch die fernereil sti Aussicht gestellten Berösfentlichungen nichts von denn verloren gehen wird, was die edle Kaiserin erstrebt und geleistet hat. * Heber predigten. Aphvristische Bemerkungen eines Laien. ') Tie Predigten iverden für die Zuhörer gehalten. Diese sind zum überwiegenden Theil Laien. Tics war nicht immer so, denn früher beschäftigte sich ein großer Theil der Gemeindemitgliedcr mit dem Studium der Bibel und ihrer Ausleger. Jetzt aber wird man in der Annahme nicht fehl gehen, daß nur ein verschwindend kleiner Theil der Zuhörer genaue Kenntnis; von der Bibel hat und nur zuweilen in derselben liest. TiePredigtmußsichabernachdcrBeschassenheit der Zuhörer richten imb daher nothwcndig anders sein, wenn sie sich an Wissende richtet, als wenn sie an ein Publikum sich wendet, das in der heiligen Schrift nicht bewandert ist. Im erstercn Falle darf? ans Einzelheiten und Streitfragen, verschiedene Deutungen, neue Konstruktionen eingegangen werden, da die allgemeine Kenntnis; von der Sache und das Berständniß vorausgesetzt werden kann. Wird aber i zu Nicht—wissenden gesprochen, dann ist auch die feinsinnigste Ansj legnng oft ohne Wirkung, weil dem Hörer die Borkenntnisse fehlen, : Ob die Mehrzahl der jüdischen Prediger dieser in der Beschaffenheit des Publikums cingctretencn Wandlung genügend Rechnung tragen,; mag dahin gestellt bleiben.! Noch in zwei anderen Richtungen sind Veränderungen eingetreten, < welche manchmal nicht ausreichend beachtet sind. Wie die Sachj kenntlich; so hat sich auch die Tcilkweisc und der Geschmack des j Publikums geändert. Sv lange sich dasselbe selbst damit beschäftigte,! dunkle Stellen der heiligen Schriften zu erläutern, in zweifelhafte! Ausdrücke einen bestimmten Sinne hincinzulcgen und unerwartete,! blendclide Lösungen zu fiildcn, den Zusammenhang zlvischcn anscheinend! nicht zusammenhängenden und die Uebereinstimmung zwischen äußerlich ') Wir empfehlen diese Bemerkungen, welche uns von einem unserer hervorragendsten deutschen Glaubensgenossen zugchen, der besonder« Anfinerksainkeit unserer Leser. Tie Red. sich lvidersprechenden Stellen z» suchen, kurz — beit Scharfsinn zu üben, so lauge war ein gleiches Verfahren in den Predigten am Platze. Jetzt läßt auch die prächtigste Auseinandersetzung kalt, wenn sic nur die Feinheit der Dialektik beweist, ohne einen sachlichen Nutzen für das richtige Verständnis; von Geboten oder für ihre Anweilduug zu schaffen. Der Geschmack der Massen hat auch in der Richtung sich geändert, das; die Abstraktionen weniger Eindruck machen als das Konkrete, Greifbare. Ich erinnere mich der foruivollendeten Predigt eines jüngeren Redners, welcher das Thema gewühlt hatte: „Die Sünde liegt vor der Schwelle der Thür". Er hatte nicht gesagt, was Sünde ist, und ich bin in diesen Dingen nicht erfahren genug, um sagen zu können, ob und ivelche Erklärung möglich ist. Der Eindruck aber verblieb mir nach beendeter Predigt, daß jeder der Zuhörer, da ihm eine solche Abstraktion im Lebe» nicht begegnet ist, annahm, damüsse wohl bei seinem Nachbar vorgekoinmen sein. Tie Rede tonnte hiernach keine Wirkung üben, jedenfalls die nicht, welche die Predigt haben soll; trotz der gefälligen Form lies; sie die Gemeinde theilnamloS. Der Schreiber dieser Zeilen ist ein Laie in oben angegebenem Sinne, glaubt aber, weil er mit zu den Gemeindemitgliedern gehört, für ivelche die Predigten gehalten werden, sagen zu dürfen, was er von der Predigt erwartet. Die Predigt ist ein Theil des Gottesdienstes und muß sich diesem einstige»; sie ist eines der mehreren Mittel, welche angewandt werden, um zur Andacht zu stimmen, in religiösen Dingen zu belehren, den Willen und die Thatkraft zu gutem Verhalten und edlen Leistungen zu stärken, Gebeugte aufzurichten, Verirrte zurückzuführen u. s. w. Niemals wird die Predigt ihren Zweck erfüllen, wenil sie den Hörer nur dahin führt, die Leistung des Predigers zu bewundern, seine» Scharfsinn zu preisen, seine Kunst der Auslegung und Schilderung allzucrkennen. Man geht zur Predigt und soll zur Predig! um seiner selbst willen, nicht wegen des Predig ergehen. Rhetorische Leistungen kann man anderswo bewundern, aber der Gottesdienst, zu welchem die Predigt gehört, ist weder ei» Zeitvertreib, noch ein Vergnügen, sondern ein ernster Dienst, au welchem man sich um der eigenen Besserung willen betheiligcn soll. Gerade deshalb erscheinen vorzugsweise diejenigen Predigte» wirkungsvolle, durch welche jeder der Zuhörer gezwungen wird, über sich (nicht über den Prediger) nachzudenken. Jeder soll prüfen, wie er zu der angeregten Frage steht, wie der vom Prediger nur all' gemein bezeichnete Fall ihm im Leben nahe getreten ist, wie er siel in dem Konflikte der Interessen benommen hat oder benehmen würde, welche Grundsätze er für sich befolgen und den Seinigen einprüge» wird. So oft Predigten gehalten werden, ivelche bewirken, daß jeder der Zuhörer ans sich zurückgeworfen wird, bleibt der Eindruck biüber die Schwelle der Synagoge hinaus haften; die Sache wird besprochen , und die Erinnerung au den Rath des Predigers tritt vor die Seele, wenn ein Fall der von ihm angedeuteten Art eintritt. I» früheren Zeiten saß der Prediger nicht blos im Ghetto, sondern im Stndirziminer innerhalb des Ghettos, und je frommer er war, desto mehr schloß er sich von der Bcrühriing mit dem Leben und Treibe» seiner Gcmeindemitglicder ab. Jetzt muß das Umgekehrte geschehen, denn niinmcruiehr wird ein Prediger einen nennenswerthen Erfolg haben, wenn die Gemeinde die Empfindung hat, das; er in einer anderen Welt als sie selbst lebt, daß er die Dinge des gewöhnliche» Lebeils nur vom Studirzimmer ans sich vorstellt, willkürlich sich denkt, rein und unschuldsvoll wie ein Kind, aber — nicht zutreffend. Der Stoff zu Predigten liegt auf der Straße, ivo das Leben pulsirt. Die Kunst besteht hier, wie auf sehr vielen anderen Gebiete», nur darin, ihn zu sehen.

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