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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-22 · Heft 32 (22.8.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 32 (22.8.1890)
Date
1890-08-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Begründet von RabbinerLudwig Philippson in Kann. Expedition: iöerlin, Jerusaiemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse-. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Inhalt. Leitartikel: Kaiserin Augusta. — Ueber Predigten. Aphoristische Bemerkungen eines Laien. — Wissenschaft und Litteratur: Das Leben der orientalischen Juden m 8., 9. und 10. Jahrhundert. Voll Tr. Joöl Müller (Schluß). — Ter Eharakter Shylocks in neuer Beleuchtung. Von Rabbiner Tr. B. Rippner. — Eine Kinderbibel. — Feuilletonr Jolton- Von Marie Konopnicka. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Westpreußen. Insterburg. Dresden, Darmstadt. Würzburg. Stuttgart. Wien, Lemberg. Paris, Kiew, Riga, New-Bork. — Bon Nay nnd Fern. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Miscetten. Kaiserin Augusta. Berlin, 18. August. Ein bedeutsames Aktenstück ist in den letzten Tagen veröffentlicht worden, ein Zeugniß der hochseligen Kaiserin Augllsta gegen den Antisemitismus. Wohl wußten wir längst aus den Briefen und nlündlichen Aenßerungen Bert hold Auerbachs, daß die Mutter Kaiser Friedrichs eine eutschiedeue Gegnerin jener schmachvollen Bewegullg gewesen. Gleichwohl ist dieses neuerdings veröffentlichte Zeugniß, der Brief an eine gleichgesinnte Freulldin, ein Aktenstück von hohem Werth. Tie edle Frau äußert sich hier über den Antisemitismus, und zwar in jener Zeit, als die Bewegung noch auf ihrer Höhe stand. Bor Allem ist die treffliche Klarheit des Urtheils unb das warmherzige Empfinden bewundernswerth. Die Kaiserin schrieb im Jahre 1882 an Frau von Bonin: „Ich komme auf unser neulich besprochenes Thema zurück, weil ich noct) dies und jenes 31t sagen habe. Die Art, wie in Volksversammlungen und in einem Theile der Presse gegen die Juden getobt wird, ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Die Bewegung wird bei dem Haß, zu dem einzelne Führer aufreize:!, total nnchristlich, ltnb weil dies Moment je länger je mehr hervortritt, so frage ich, was soll der Lärm? Er trägt in die Volksseele viel Gift hinein, und die Folge wird sein, daß auf viele Jahrzehnte hinaus die Juden in ihrem Gemüth sich verhärten. Ich weiß noch von meiner Jugend her, daß in den zwanziger und dreißiger Jahren eine der heutigen antisemitischen Bewegung völlig entgegengesetzte im Gange war; damals ließen sich von den angesehenen Juden sehr viele taufen, und deren Familien zählen heute zu den respektabelsten mit im Lande. Damals trug sich das Christenthum mit seinem vorherrschend humanistischen Gepräge Allen als eine begehrenswerthe Neligionslehre an, denn damals hatte sich die Weltanschauung mit Herder'schen Lehren und mit Hegel'schen Grundsätzen erfüllt, und das Christenthum übte eine bezwingende Wirkung auf alle intelligenten Bekenner der israelitischen Religion aus. Es bleiben mir die Stunden unvergeßlich, in denen ich mit Leopold Zunz religiöse Fragen besprach. Nicht viel fehlte, und auch er gab „die große Grille seiner Seele" aus. Damit bezeichnet er seinen Entschluß, es Anderen nicht nachzuthun, die Christen geworden waren. Der Zug zum Christenthum war ein gewaltiger geworden. Das wird jetzt Alles anders werden, und ich möchte besorgen, der Antisemitismus werde, wenn er andauern sollte, in sozialer und politischer Beziehung gerade so schädlich wirken, wie nach der religiösen und sittlichen Seite hin, wenn ich nicht der festen Ueberzeugung wäre, daß er sich wieder verlaufen wird, weil er ein bloß es Kampsmittel zur Erreichung a ugenbli ckl icher politischer Zwecke ist. Ja, ich glaube, die Zeit ist nicht mehr allzu fern, wo Viele nicht werden zugeben wollen, jemals von den: antiseniitischen Wahn besessen gewesen zu sein. Ich habe natürlich keinerlei Neigung, mich für die spezifisch jüdische Sache zu echauffiren, aber ich mißbillige den Antisemitismus, weil er eine durch und durch unchristliche Erscheinung ist. Wir schädigen durch ihn unser Ansehen und bringen uns in den Verdacht religiöser Unduldsamkeit. Wo bleibt denn die Möglichkeit, auch nur noch einen einzigen Juden dem Christenthnm Zuzuführen? Und zählt denn nicht zu den christlichen Vereinigungen auch die Judemnission? Damit ist es vorbei, und vollends entrückt sind wir den: Ausblick auf die Zukunft, die nach ueutestanientlicher Verheißung für den einen Hirten eine Heerde haben soll. Ich habe es freudig begrüßt, daß der Kronprinz für den antisemitischen Lärm strafende Worte hatte; es sind ihm wohl mütterliche Worte im Gedächtniß geblieben, die den Lehren Herder's entnommen waren. Ich halte dafür: wir müssen ans der jetzigen Strömung so bald als möglich wieder heraus, und mein Bedauern über die Vorgänge soll sich verringern, wenn die Juden aus ihnen für ihr Verhalten manch' guten Wink bekommen haben." Dieser Brief ist nach vielen Richtungen hin bemerkenswert!). Kaiserin Augusta war eine ebenso edle als tiefreligiöse Natur. Ihre heiße Sehnsucht war, das ideale Christenthum allen Menschen zugänglich zu machen. Wenn sie in Gesprächen mit Leopold Zunz den ethischen Werth i h res Glaubens pries, so konnte der große Gelehrte wohl zustimmen, ohne seine eigene Ueberzeugung preiszngeben, die nicht er, sondern vielmehr Heinrich Heine als die „große Grille seiner Seele" (in dem „Denkwort auf Ludwig Marens") bezeichnet hat. Und die hohe Frau mochte, was als Ausfluß historisch objektiver Anschauung erschien, immerhin als Ergebnis; religiöser Wandlung betrachten. Beides ist verzeihlich, beides ist begreiflich, und kein Schatten füllt auf das Andenken des großen Gelehrten. Die eigentliche Bedeutung des Briefes aber liegt in der scharfen Verurtheilung der antisemitischen als einer unchristlichen Bewegung! Nicht blos, weil die Juden nicht mehr Christen werden wollen, sondern hauptsächlich, weil diese Bewegung eine inhumane, von schlechten Motiven geleitete ist, darum vernrtheilt sie die hohe Frau. Eine schärfere Kritik hat die Lebensarbeit des Berliner Hofpredigers nie erfahren! Und noch ein Drittes. Immer und immer wieder haben die antisemitischen Organe die Authentizität jenes kaiserlichen Ausspruchs in Frage gestellt, der den Antisemitismus „eine Schmach für unser Jahrhundert" nannte. Wir sind begierig, ob die „Krenzzeitnng" auch i

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