Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 31 (15.8.1890)
- Date
- 1890-08-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 erzielen. Tatsächlich wurde vom Jahr 1870 — 1878 in den Mittelschulen wöchentlich eine Stilnde Bibel im Urtext unterrichtet. Wer da behaupten wollte, daß die Abiturienten jener Zeit Gelehrte im Hebräisch waren, würde sich einer argen maßlosen Uebertreibung, oder richtiger einer Unwahrheit schuldig machen; aber gegen unsere heutigen Abiturienten waren und sind Jene, trotzdem sie jetzt schon vieles ausgeschwitzt haben, große denn unsere heutigen Abiturienten lassen sich oft ein für ein 8 vormachen.? Von Nah und Fern. — An der Berliner Universität hat sich Herr Dr. Leo Arons als Dozent der Chemie habilitirt. Seine Antrittsvorlesung behandelte „Neuere Anschauungen über Salzlösungen." — Die beiden Studirenden Benzion Seligkow itsch, welcher, wie in voriger Nummer berichtet wurde, den ersten königlichen Preis an der Berliner Universität gewann, sowie Arthur Wreschner, welcher den zweiten Preis gewann, sind Rabbinatskandidaten. — Die Kapelle des 3. Garderegiments zu Fuß hat, wie die „Post" berichtet, auf einem Volksfeste gespielt, welches der „Deutsche Antisemitenbund" in Friedrichsberg bei Berlin gefeiert hat. Bei den Festlichkeiten anderer politischer Parteien ist Militärkapellen die Mitwirkung zu wiederholten Malen versagt worden.— Am 5. September 1891 findet das Centenarium Giacomo Meyerbeers statt. — Der Kreisphysikus Herr Dr. Adolf Lands berg zu Ostrowo ist zum Sanitätsrath ernannt worden. — Zum Dekan der philosophischen Fakultät in Breslau ist Herr Professor Dr. Rosau es ernannt worden, welcher ein Urenkel von R. Akiba Eger ist. — In verschiedenen Städten Oberschlesiens ist eine Umwandlung der bestehenden S im ulta nschulen in Konfessionsschulen in Anregung gebracht worden. Diese Frage ist bereits früher in Myslowitz zur Erörterung gelangt, ohne daß die Umwandlung zu Stande kam; in letzter Zeit sind Anträge auf Umwandlung der Simultanschulen in Groß-Strehlitz und Gleiwitz gestellt worden. In letzterem Orte haben sich die städtischen Körperschaften gegen diese Anträge, in ersterern für dieselben erklärt. Die Regierung zu Oppeln hat, nach der „Schles. Ztg." in Uebereinstimmung mit diesen Beschlüssen die Aufhebung der Simultanschulen in Groß-Strehlitz nunmehr verfügt, während für Gleiwitz der Antrag abgelehnt wurde. — In Pleß feierte der erste Vorsteher der dortigen Shnagogen-Gemeinde Herr Feodor Muhr am Sonnabend den 19. Juli seinen 80. Geburtstag. Herr M., welcher zugleich Stadtverordneten-Vorsteher ist, wurde zum Ehrenbürger der Stadt Pleß ernannt. — Zu Stettin starb am 3. August Herr Bernhard Saalfeld, Vorsteher der Shnagogen-Gemeinde, welcher über dreißig Jahre innerhalb der Verwaltung der Gemeinde thätig war. — Am 5. August feierte der israelitische Frauenv erein in Trier sein hundertjähriges Stiftungsfest. — Unter dem Vorsitz des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Weingarten aus Ems sind auch die israelitischen Lehrer des Regierungsbezirkes Wiesbaden zu einem Verein zusammeugetreten. — Bei der Neuwahl zum Shnagogenrath des Wiesbadener Bezirkes wurden die bisherigen Deputirten, Herren Kirchberger — Weilburg und Meyer—Diez, sowie Herr Salomon Strauß—Wiesbaden für die Dauer von fünf Jahren als Mitglieder gewählt. — Den Antrag des Nt a g i st r a t s z u K ö n i g s b e r g, den Verkauf eines Theiles des früheren Jahrmarktsplatzes an die jüdische Gemeinde zur Erbauung einer neuen Synagoge zu genehmigen, hat der Bezirksausschuß ab gelehnt. Die Absicht, ein der Größe der Gemeinde entsprechendes Gotteshaus zu erbauen, muß nun für Längere Zeit vertagt werden. — Die Wahl des Oberrabbiners von Straßburg ist in ein neues Stadium getreten. Wie bereits mitgetheilt, hatten die Herren Uri—Brumath und Weil— Metz die gleiche Anzahl von Stimmen erhalten, und es war daher die Entscheidung der Regierung anheimgegeben worden. Nunmehr hat Herr Uri verzichtet, sodaß Weil der alleinige Kandidat ist. — Wie wir hören, wird im nächsten Monat ein Antisemiten - Ko ngre ß stattfinden. Um ihr Deutschthum recht drastisch zu beweisen, werden die Herren sich außerhalb der Grenzen des deutschen Reiches, nämlich in Bern versammeln.—Ein österreichisches Blatt lenkt die Aufmerksamkeit der Leser auf die Erscheinung, daß eines der ältesten Werke der deutschen Litteratur, das „Lalenbjuch", zum ersten Male 1589 gedruckt, unverkennbare Spuren aufweist, welche zeigen, daß sein Verfasser ein Jude gewesen sein muß. Derselbe schrieb das Buch unter dem Pseudonym: „Aleph, Beth, Gimel". Uns scheint der Beweis wenig stichhaltig zu sein. Es kann ebenso gut ein Konvertit oder ein die Elemente der hebräischen Sprache kennender Christ gewesen sein, wie es deren im Mittelalter zahlreiche gab. — Am vergangenen 1. Mai machten sich in dem nahe von Leoben (Steiermark) gelegenen Dorfe Freßnitz sechs Bauernburschen, die der ehrenhaften Gilde der Antisemiten angchören, spät um Mitternacht den „Scherz", das Haus des dortigen jüdischen Krämers Ignaz Rosen zu stürmen und mit dem Rufe: „Nun muß der Jude gehängt werden! An den Galgen mit dieser ganzen Judenbrut! re. k." die Fenster und Thüren zu demoliren. Die sechs Schüler Schönerer's und Böckel's standen diese Woche vor Gericht und erhielten längere Freiheitsstrafen. Dies wäre nun sehr schön, wenn nicht der arme Jude, der eine Familie zu ernähren hat, in der genannten Nacht durch den überstandenen Schrecken den Verstand verloren hätte. Der Arme befindet sich jetzt im Jrrenhause. — Ueber rumänische Justiz schreibt man: Im Sommer vergangenen Jahres hatte ein rumänischer Beamte sich das Vergnügen gemacht, den jüdischen Kultusbeamten von Motschin beim Baden in der Donau so lange unterzutauchen, bis derselbe ertrunken war. Nachdem die Verhandlung darüber vor dem Schwurgerichte schon einmal vertagt worden, wurde sie vor einiger Zeit zu Ende geführt uitb der Mörder erhielt — 6 Monate Gefängniß! Die jüdische Gemeinde in Neutra (Ungarn) hat die Errichtung eines vierklassigen jüdisch en Gymnasiums beschlossen.— Das Rabbinerseminar zu Amsterdam zählte im vergangenen Jahre 65 Hörer. Es erhält vom Staate eine Subvention von 7000 Gulden, von der jüdischen Gemeinde zu Amsterdam eine solche von 4600 Gulden. — Die medizinische Fakultät zu Paris hat vier weiblichen Aerzten den Doktorgrad verliehen. Es sind die Frauen Kuindjy, Fränkel und Vidaver, sowie Fräulein Mendelsohn, sämmtlich Glaubensgenossinnen. - General Gabriel Gustav Brisac ist zum Kommandeur, Oberst Salomon Cerf Rose nwald, sowie Bataillonschef Jacob Ros h ein zu Offizieren der Ehrenlegion ernannt worden. — Von folgendem Alt landesväterlicher Fürsorge der russischen Regierung für die Seelen ihrer jüdischen Unterthanen wird uns Mittheilung gemacht: In Folge des wiederholten Auftauchens ausländischer Judenmissionäre im Westen Rußlands hat der sog. Hl. Synod dem Ministerium des Innern vorgestellt, daß Misfionsthätigkeit im Reiche nur der orthodoxen Kirche als der herrschenden zukomme, und daß das Ministerium dementsprechend Maßnahmen zur Verhinderung ungesetzlicher Misfionsthätigkeit ergreifen möge. Demzufolge ist nunmehr verfügt worden, daß die örtlichen Administrativbehörden über jeden einzelnen Fall ausländischer Judenmissionsthätigkeit dem Departement der Reichspolizei behufs weiterer Verfügung zu berichten haben. Es ist klar, daß den russischen Juden nunmehr die wahre Seligkeit gewiß ist. — Wie dem „N. Wiener Tagbl." aus Odessa telegraphirt wird, ist der Bezirk Ananjew in Südrußland der Schauplatz blutiger Krawalle gewesen, welche seitens der russischen Bauern gegen die Juden verübt wurden. Tie Krawalle nahmen ihren Anfang im Dorfe Mordarowka und sind nun über den ganzen Bezirk verpflanzt. Hunderte von armen jüdischen Familien fliehen vor den plünderungslustigen Banden, welche, von Ort zu Ort ziehend, die Bauern zum Raub und Mord gegen die Juden aufhetzen. In vielen Orten sind die Judenhäuser gänzlich zerstört und das Hab und Gut der Juden total vernichtet. Die Juden, welche ihre Güter zu beschützen suchten, wurden blutig geschlagen und geplünden. Weder die Civilnoch die Militärbehörden, an welche sich die mißhandelten und ausgeplünderten Juden um Schutz und Hilfe wandten, haben bisher den Plünderungen Einhalt gethan. Selbst das Odessaer Antisemitenorgan „Noworossisky Telegraf" kann nicht umhin, vor der Fortsetzung der Krawalle zu warnen, da die Regierung doch nicht gestatten könne, daß im Staate der Raub am helllichten Tage ausgeüdt werde. — Aus Salem, New-Jersey, berichtet die „Newyorker Handelszeitung": Alliance, die von aus Rußland entflohenen Juden vor acht Jahren gegründete Kolonie, ist heute eine blühende Ortichait mit 612 Einwohnern. Das zu der Kolonie gehörende Land, welche vor acht Jahren nur 12 Doll, pro Acre werth war, ist heute kaum für 100 Doll, zu kaufen. Die Kolonisten konrmen gut vorwärts und sind zufrieden. sM-v Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBauckwitzin Berlin.