Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 31 (15.8.1890)
- Date
- 1890-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Nr. 31 Lerlin, 15. August 1890. Der GemeLrr-ebote. Weilcrge zur „Akkgemeinen Zeitung des Iuöenlyums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 10. August. Sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum feierte am 7. d. unser geschätzter Mitarbeiter Max Ning, am meisten bekannt als frllchtbarer Romanschriftsteller, zumal als trefflicher Schilderer des Gebens und Treibens in Berlin. Rings Doktorbrief rührt von der medizinischen Fakultät her. Er wurde ihm von der Berliner Universität rntheilt, nachdem er ordnungsmäßig vier Jahre lang, theils in Breslau, cheils hier die Heilkunde studirt hatte. Sein Arbeitsgenosse war fein schlesischer Landsmann Ludwig Traube, der nachmalige berühmte Kliniker. Traube und Ring halten gemeinsam in Breslau bei Otto m der Anatomie und Purkinje in der Physiologie iPnrkinje's Laboratinium war damals das einzige physiologische in Deutschland) sich gründlich umgethan, dann waren sie 1838 zusammen nach Berlin gegangen, um hier die klinische Medizin zu erlernen. Allein der Besuch der Kliniken (der klinische Unterricht lag damals in Berlin darnieder) befriedigte Beide sehr wenig, und sie lagen deshalb daneben eifrig dem Bücherstudium ob. Außerdem wurden noch kleinere Versuche an Thieren im eigenen Zimmer vorgenommen und auf eigene Faust sezirt. Aber die Medizin füllte Ring's Geist doch nicht ganz aus. Schon von früh auf regte sich mächtig in ihm die poetische Ader. Schon als Breslauer Student hatte er Erzeugnisse seiner Muse in Julius Lasker's Nachtwandlerin" ausgesandt. Aber noch mehr wurde er dem poetischen schaffen zugeführt, als er nach Berlin übersiedelte und hier in einen >itterarischen Kreis eintrat, dem Moritz Carriöre, Karl Grün, Heinrich vernarb Oppenheim zugehörten, und der ihm Bettina von Arnim's Salons zugänglich machte. So konnte es geschehen, daß Ring im nämlichen Jahre, in dem er seine Doktorschrift über den Typhus fertigte, ein Bändchen Gedichte aussandte. Gleichwohl hatte Ring im rium\ die praktische Heilkunde zu seinem Lebensberufe zu machen, erdachte auch daran, wie sein Freund Traube in die akademische Laufbahn cinzutreten; aber äußere Umstände zusammen mit dem dichterischen IraitQe machten diesen Plan scheitern. Länger als ein Jahrzehnt lebte Bing dem Doppelberufe eines Schriftstellers und ausübenden Arztes Ulgleich, allein auf die Dauer vertrug beides sich nicht, Ring entsagte dein ärztlichen Schaffen zu Anfang der fünfziger Jahre ganz, und was heute au ihm noch an den vormaligen Arzt erinnert, ist der Titel eines Dr. med. und viele Stellen in seinen Erzählungen, welche errathen lassen, daß ihr Schreiber der Medizinzunft zugehörte. Auf einem seiner Bücher, das er „Aus dem Tagebuche eines Berliner Arztes" betitelt, dezeugt Ring einmal selbst, daß dem Dichter mancherlei zu Gute gekommen ist, was der Arzt gelernt und erlebt hat. In den letzten fahren hat Ring aufgehört, Romane zn schreiben. Dafür hat er sich, wie die „Voss. Ztg." mittheilt, daran gemacht, seine Lebense r i n n e r u n g e n aufzuzeichnen und über die Eindrücke und Erfahrungen Bachricht zu geben, die ihm daheim und in der Fremde geworden sind. Aing's Promotion zum Doktor wurde von dem Medizin-Historiker Hecker als damaligem Dekan der medizinischen Fakultät im Namen des Theologie- Professors Tweften als des Rektors vollzogen. Ring's Doktorschrift handelte „De typho abdominali“ („über den Unterleibstyphus"). Von Bing's Thesen ist eine besonders bemerkenswerth: „In sanguine omnis vita weil sie darthut, in welchem Maße damals die Humoralpathologie Be wissenschaftliche Medizin beherrschte. Einer der ordnungsmäßigen Opponenten Ring's bei seiner Doktorpromotion war Heinrich Bernhard Oppenheim, der nachmalige Politiker, damals Doktor der Rechte und rnit der Vorbereitung zur akademischen Laufbahn beschäftigt. Der Jubilar steht jetzt im vierundsiebzigsten Lebensjahre; gleichwohl ist er noch rüstig beim Schaffen. * Berlin, 12. August. Die Universität Greifswald hat den Arabienforscher Eduard Glaser zum Ehreudoktor ernannt. Glaser nimmt unter den Orientalisten eine Sonderstellllng ein. Ohne von Hause aus Gelehrter zu sein, hat es Glaser dennoch in seiner Wissenschaft zu hohem Ansehen gebracht. Ebenso wie der Archäologe Schliemann war Glaser ursprünglich Kaufmann in Wien. Als solcher machte er seine ersten Reifen in Südarabien. Unter den Orientalisten wurde er zuerst bekannt durch seine Geschicklichkeit und Beharrlichkeit im Aufspüren von Handschriften. Er hat wahre Schätze von Arabien nach Europa gebracht, bisweilen freilich nicht, ohne daß er gegenüber dem Fanatismus der Moslems sein Leben gefährdete. Mit Vorliebe ging er den seltenen und schwer erreichbaren Spuren jemenischen Schristthums nach. Einen Theil seiner Sammlungen dieser Gattung hat die Berliner königliche Bibliothek erworben. Zu Anfang unternahm Glaser seine Reisen ganz auf eigene Kosten und auf eigene Gefahr. Späterhin aber wurde er von den Akademien in Wien und Berlin namhaft unterstützt. In neuerer Zeit ist Glaser daran gegangen, die gesammten Ergebnisse seiner Forschungen in Südarabien einheitlich in einem großen Werke darzustellen. Der Doktorbrief der Greifswalder Universität nennt Glaser mit Recht Pervesligaior Arabiae Felicis felicissimus. In dem ihm ausgefolgten Diplome werden unserem Glaubensgenossen folgende Prädikate gegeben: dem erfolgreichsten Erforscher des glücklichen Arabien, dem scharfsinnigen Durchdenker vorislamitischer Inschriften, dem feinsinnigen Erklärer der semitischen Alterthümer, dem eifrigen Aufheller der dunkelsten Epochen der Geschichte und Geographie, dem unerschrockenen Erwerber ausgezeichneter (arabischer) Handschriften. * Berlin, 11. August. Der alte jüdische Begräbnißplatz in der Großen Hamburger Straße, welcher sich hinter dem Grundstück der jüdischen Altersversorgungs-Anstalt bis 31t dem nahe gelegenen Friedhofe der Sophienkirche hinzieht, hat, nachdem er vom Jahre 1672 bis zum 24. Juni 1827 in Benutzung gewesen, lange Zeit sehr vernachlässigt dagelegen. Dem wenig erfreulichen Zustande ist in diesem Jahre ein Ende gemacht worden, und wo früher dichtes Gestrüpp tmidjerle, breitet sich jetzt ein lachender grüner Rasen aus. Eine Bewässerungsanlage ist geschaffen, Wege sind angelegt und eingesunkene Grabsteine wieder emporgerichtet worden. Nur an der Ostseite ist noch ein kleiner Fleck in seinem ehemaligen Zustande geblieben, um aber hoffentlich in nächster Zeit ebenfalls in entsprechender Weise umgewandelt zu werden. Aus den langen Reihen der hebräisch beschriebenen, oben abgerundeten Grabsteine ragt in der Nähe der südlichen Kirchhofswand ein höherer Stein über dem Kopfende eines von eisernem Gitter umschlossenen, mit Epheu bewachsenen Grabhügels empor. Man steht an der Ruhestätte Moses Mendelssohns. Rückwärts fleht aus dem Stein unter einer hebräischen Inschrift zu lesen: Moses Mendelssohn, geb. zu Dessau am 6. September 1729, gestorben zu Berlin am 4. Januar 1786." Das Grab trägt die Nummer 751. Etwas weiter entfernt findet man in die südliche Kirchhofsmauer zwei alte Epitaphien eingelassen, unter welchen der auf diesem Kirchhofe im Jahre 1672 zuerst Bestattete, Herr Gumpricht Jechiel Aschkenasi, und sein im Jahre 1689 verstorbener Schwiegersohn Barnch Raustitz ruhen. Aschkenasi hatte das Grundstück der jüdischen Gemeinde zu einem Friedhofe geschenkt. Dem Andenken des Geschenkgebers und seines Schwiegersohnes sind zwei über den Epitaphien in den Jahren 1884 und 1885 eingelassene Marmortaseln mit entsprechenden Inschriften gewidmet. Diese Widmungen rühren her von Herrn Samuel Nehemias Speyer, einem in achter Generation von dem Verstorbenen abstammenden Enkel. Mancher Gelehrte und manches^ hervorragende Mitglied der jüdischen Gemeinde liegt noch auf diesem Friedhofe gebettet. So findet man die Grabstätte des im Jahre 1806 verstorbenen Hofbauraths Jtzig und der am 10. Mai 1823 verstorbenen Frau Hofrath Dr. Wolfs, geb. Henne Marcuse, in den langen Reihen der Gräber vor — zwei Personen, welche damals in der Berliner Gesellschaft wohl bekannt waren. Künstlerisch durchgesührte Grabsteine findet man nur wenige, und auch dann nur im Schmuck eines bescheidenen Ornaments, gewöhnlich zweiergewundener, weinlaubumrankter Säulen zu beiden Seiten der aufrecht stehenden Tafel, welche oben ein schlichtes Gebälk und Pinienäpfel an den Ecken tragen. Einige der Grabstätten sind auch gruftartig gehalten und oben sarkophagartig mit Sandsteinplatten zugedeckt. Die in einigen Steinen eingemeißelten Hände, welche in eigenartiger Stellung der Finger zum Segen 'erhoben sind, deuten an, daß unter dem Hügel ein Priester, ein Kohen, ruht, und ebenso weist die eingemeißelte Kanne mit