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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-15 · Heft 31 (15.8.1890) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 31 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
Seite 416 (sequence 12)
Language
German
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416 erregten, alle Bühnen der Welt im Sturme eroberten und den Namen des Komponisten zu einem sehr gefeierten gestalteten. Die Seligkeit der Mutter, welche bei ihrem Sohne wohnte, ist schwer zu schildern. Endlich war die Sehnsucht ihres Herzens gestillt und Jacob, ihr Erstgeborener, ihr Herzenssohn, ein weltberühmter Mann, um dessen Gunst selbst die Fürsten buhlten. Heinrich Heine, der öfter in Meyerbeer's Familie verkehrte, schrieb damals aus Paris u. a.: „Ich kenne nur eine glückliche Mutter auf Erden, sie ist die glücklichste der Glücklichen — cs ist die Mutter unseres Meyerbeer —. Sie schwelgt in einem Meer der Seligkeit, denn die Erde ist ihr zum Himmel, zum Paradiese geworden. Ueberall, aus Hütten und Palästen, ans allen Straßenecken, von allen nur erdenkbaren Instrumenten ertönen ihr einige Takte Musik ihres Sohnes in die Ohren, und das macht sic überglücklich." In der That hatte Meyerbeer's Mutter das Glück, den Ruhm ihres Sohnes in ihrer nächsten Nähe zn thcilen. Sie sah noch das „Feldlager in Schlesien", sie hörte die begleitende Musik, die er zu seines Bruders — des Dichters Michael Beer — „Strucnsee" komponirte, sie erlebte rwch die Aufführung des „Prophet". Sie starb vor 36 Jahren, am 27. Juni 1854 in Berlin in hohem Alter. Ihrem Sarge folgten Tausende von Menschen aller Bekenntniffe. In seiner Mutter verlor Meyerbeer seine glühendste, seine glücklichste Verehrerin. Der Komponist hegte in seinem Herzen bis zu seinem letzten Athemzuge ein Gefühl, das ihm über Alles heilig und theuer war; die tiefste Verehrung und Liebe für seine verstorbene Mutter. Wenn er von ihr sprach, standen ihn: die Thrüncn in den Angen. In den Tagen der ersten Vorstellung von „Robert der Teufel" in Paris — im November 1831 — empfing Meyerbcer einen Brief seiner Mutter mit der Aufschrift: „Zu eröffnen nach der ersten Vorstellung des Robert." Als nun am Abend der Vorhang zrnn letzten Male gefallen war und das jubelnde Publikum den großen Triumph des Tondichters stiirinisch bezeugte, erbrach dieser den Brief und fand darin die biblischen Segcnsworte: „Der Herr segne und behüte Dich! Er lasse sein Antlitz leuchten über Dir! Er bewahre Dich und schenke Dir den Frieden! Deine Mutter." Dieser Brief wurde für den pietütsvollen Sohn ein wahrer Talisman. Stets trug er ihn in einer Brieftasche bei sich und oft ging er in sein Zimmer zurück, um diese Brieftasche zu holen, wenn er sie ja einmal zufällig hatte liegen lassen. Als sic starb, glaubten die Armen und Unglücklichen ihre Nahrung spendende Mutter verloren zu haben. Als König Friedrich Wilhelm 111. int Mürz 1813 jenen ewig denkwürdigen Aufruf: „An mein Volk!" erließ, welcher alle Patrioten zn den Waffen rief, versäumte auch das Beer'sche Haus nicht, in seinem 16 jährigen Sohne Wilhelm sein Gut und Blut dem Vaterlande prciszugeben. Dem dahinziehenden freiwilligen Kämpfer zum Hort und der gebeugten Mutter tomponirte Mcycrbecr damals den glaubensfrcudigcir 23. Psalm: „Gott ist mein Hirt" für zwei Chöre und Solostimmen, welchen die Berliner Singakademie am 12. Oktober 1813 aufführte. Seine Mutter wirkte damals als hervorragendes Mitglied jener humanen Franenvercinc, welche sich unter Vorsitz der Prinzessin Wilhelm von Preußen, der späteren Kaiserin Augusta, behufs Pflege der Verwundeten gebildet hatten, und ihre edle, aufopfernde Thütigkeit wurde später allerhöchsten Ortes auch durch die Verleihung des Luisenordens anerkannt. U Litterarische Mtttheilungen. — Hebräische Melodien von Lord Byron, übersetzt von Tr. S. Mandelkern. Leipzig 1890. Theologische Weisheit nnd dichte risches Empfinden sind sehr schwer zu vereinen, müssen zuweilen sogm als feindliche Gegensätze betrachtet werden. Als die Sonne der Neuzeit ihre hellen Strahlen in die schmalen, finstern Gassen des Ghetto geworfen, beeilten sich viele Vertreter der jüdischen Lehre, ein Dankopier darzubringen - und verbannten aus dem Herzen ihrer ahnungslosen, andächtigen Zuhörer jede Erinnerung an Zion und Jerusalem. Ein zwar fahnenflüchtig gewordener jüdischer Dichter dagegen, Heinrich Heine nämlich, hat das tiefste und wärmste Empfinden für das nationale Unglück Israels gehabt und in seiner Jugend die Worte: „An den Strömen Babels saßen wir und weinten, als wir Zions gedachten/ sehr ofl und mit großer Vorliebe recitirt. — Während Tausende unserer Glaubensgenossen, den Anschauungen und Lehren ihrer Seelsorger huldigend, mit der Vergangenheit ihrer Ahnen gebrochen und alle Hoffnungen auf die von Propheten und Gottesmünnern dem Volte Israel geweissagte Zukunft aufgegeben haben, feierte im vorigen Jalm die ganze civilisirte Welt den hundertjährigen Sterbetag Lord Byrons, jenes berühmten Sängers der „Hebräische Melodien", der, obwohl Christ von Geburt und in seiner Gesinnung, nicht minder als ein Jehuaa Halewi seinem Schmerz um das traurige Geschick der Juden einen beredten Ausdruck zu verleihen verstanden hatte: „Ihr Männer mit dem Wanderstab, ihr müden, Wie könnt ihr fliehn, mit eurem Loos zufrieden? Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimath, Juda — nur die Gruft!" Wenn die Engländer Zions in Liebe gedenken und den deutschen Antisemitismus als „eine Schmach des Jahrhunderts" verabscheuen,?v ist diese Erscheinung aus demselben Geiste hervorgegangen, aus dem die herzergrerfenden „Hebräische Melodien" Lord Byrons entftanben sind, die auf das englische Volk noch immer einen mächtigen Einfluß ausüben. Wir begrüßen es daher mit Freuden, daß diese „Hebräische Melodien' nunmehr auch ins Hebräische übersetzt wurden. Der Uebersetzer, Tr. Mandelkern in Leipzig, leitet seine Uebersetznng mit einem an einen der Seraphim der Dichtkunst gerichteten entzückenden Gebete ein, das wir als Muster für diese vortreffliche Arbeit wörtlich anführen: 'nm im3«ö niro D'Bis ww BHp -'btw ins nnn '2 ki:p ^2 D^irrm |T*ac “w -iöcg =nnr6 Und wahrlich, sein Gebet ist nicht unerhört geblieben: die Uebersetz ung läßt nichts zu wünschen übrig. SchonLetteris und nach ihm auch L. Gordon hatten den Versuch gemacht, Byrons „Hebräische Melodien" ins Hebräische zu übersetzen. Allein wir vermissen bei ihnen sehr häufig Byrons ursprüngliche Gedanken, wir lesen Gedichte, die Byrons Namen führen, aber einen ganz anderen Sin» enthalten, während die uns vorliegende Uebersetznng dem Original voll und ganz entspricht. Man muß eben, um eines Byrons Gedichte übersetzen zu dürfen, ein Dichter und zugleich Herr beider Sprachen zu sein, was nicht einem Jeden gegeben ist. Mandelkern, der sein Uebersetzungstalent schon in Heines „Jehiula Ilalevi" uub „Prinzessin Sabbath" bekundete, bietet auch mit seiner wortgetreue» Uebersetznng von Byrons „Hebräische Melodien" den Kennern und Freunden der heiligen Sprache einen Genuß feltener Art, und verweile» wir hauptsächlich auf die Gedichte II, IV, V, VI. VIII, X, XIII bis ur Ende, die nicht blos der gelungenen Uebersetznng wegen besonder»' Beachtung verdienen, sondern auch wegen des echten, unverfälschten » braismus, der uns aus diesen Gedichten entgegenathmet. Es wäre daher zu wünschen, daß diese nun wirklichen hebräischen Melodien, welche mit Recht den Namen führen und die, nebenbei bemerkt dem englischen Original gegenüber gestellt sind, auch in jene» Kreisen die richtige Anerkennung und Würdigung finden mögen,, u-o man kein Verständniß mehr zu haben scheint für die Thränen der Väter an Babels Gewässern. Albert Katz. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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