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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-15 · Heft 31 (15.8.1890) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 31 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
Seite 414 (sequence 10)
Language
German
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414 die letzte Reihe gestellt, Zeit haben wirst, Gott anzurufen und Ihm die Feuertaufe anzubieten, welche vom heiligen Geist kommt. Hoffe also auf das Licht und schlafe!" Nach Beendigung dieser Rede wird auf ein Zeichen der Unglückliche entfesselt. Don Arbuez umarmt ihn zärtlich, dann kommt die Reihe an den fi°a redemptor, welcher den Juden leise ob der ihm zu seiner Besserung verursachten Leiden um Verzeihung bittet. Dann umarmen ihn die beiden Brüder, welche ihn sanft durch ihre Kapuzen küssen. Nach dieser Ceremonie bleibt der Gefangene einsam und schweigend in der Finsterniß seines Kerkers zurück. Mit trockenem Munde und mit von Leiden stumpfem Gesicht betrachtet der Rabbi ohne sonderliche Aufmerksamkeit die geschlossene Thür. Geschlossen? — Eine wilde Hoffnung durchflammt Plötzlich sein verwirrtes Gehirn. Wie, hat er nicht, was noch nie geschehen, das Licht der sich entfernenden Laternen durch den Thürspalt schimmern sehen? Er schleppt sich vorwärts, um die ungewöhnliche Situation zu untersuchen; leise tastend schiebt er den Finger mit größter Vorsicht in den Spalt und — zieht die Thür an sich. O, seltsam Wunder! Der Bruder hat den großen Schlüssel zu früh gedreht, der rostige Riegel ist gar nicht in sein Loch, sondern hinter einen vorspringcndcn Stein gekommen, — auf's Neue steht der Kerker offen! Der Rabbi wagt, hinaus zu sehen. Mit Hilfe einer fahlen Dunkelheit unterscheidet er zunächst einen Halbkreis von Erdmauern, an welchen ringsum viele Treppen in die Höhe führen. Vor ihm sind fünf Steinstufen und ein dunkles Portal, der Eingang eines Gewölbes, von welchem er von unten nur die ersten Bogen sieht. Leise kriecht er die Stufen empor. Gewiß, es ist ein Gewölbe, aber von ungeheurer Länge. Schwaches, träumendes Licht erfüllt es; in weiten Zwischenräumen sind Leuchten an der Decke angebracht; in der Ferne herrscht Finsterniß. Kein Seitenausgang ist in dieser ganzen Ausdehnung zu sehen. An einer Seite, zu seiner Linken sind tiefe, kreuzgcgitterte Luftlöcher, welche die Abenddämmerung eindringen lassen, denn röthliche Strahlen färben hier und hier die Fliesen. Welch erschreckende Stille! .... Aber dort, in jenem fernen Dunkel führt vielleicht eine Pforte zur Freiheit. Die schwankende Hoffnung des Juden wird wieder rege, denn es ist ja seine letzte! Ohne weiteres Zögern wagt er sich auf die Fliesen. Hart an der Seite der Luftöffnungen kriecht er langsam auf dem Bauche vorwärts. Eng an die Mauer preßt er sich und sucht mit der Finsternis; zu verschmelzen; er achtet nicht auf die Höllenschmerzcn, welche die jüngst empfangenen Wunden ihm verursachen! Plötzlich dringt in dieser Steinallee das Echo eines sich nähernden Sandalentrittes an sein Ohr. Ein Zittern ergreift ihn, — der Blick wird dunkel — ohne Zweifel, er ist verloren! Bis zur Unmöglichkeit duckt er sich in eine Nische und harrt — halbtodt! Ein Bruder eilt vorüber! Einen Muskelzerrer in der Faust, mit zurückgeschlagener Kapuze, so huscht er grausig vorbei. Die gräßliche Erregung hat den Rabbi beinahe getödtet; er bleibt fast eine Stunde wie gelähmt in seiner kauernden Lage. Für einen Augenblick kommt ihm der Gedanke, wieder in sein Verließ zurückzukchren. — Was für Martern, wenn sie ihn ergreifen! Aber die alte Hoffnung raunt ihm das göttliche „Vielleicht", diesen Trost im schlimmsten Elend, in die Seele. Ein Wunder war geschehen! Darf er daran zweifeln? So kriecht er also weiter, einer möglichen Rettung entgegen, entkräftet von Leiden und Hunger, zitternd in Todesangst! Und dieser gespenstige Gang scheint geheimnißvoll immer länger zu werden, und er, stetig vorwärts kriechend, schaut nur immer auf das Düster; da unten muß doch endlich ein rettender Ausgang sein! Ach! Bon Neuem ertönen Schritte; dieses Mal aber langsamer, fester. Aus dem Dunkel tauchen die weißen und schwarzen Gestalten zweier Inquisitoren mit ihren großen, rundkrämpigen Hüten auf. Sie sprechen leise miteinander; jedoch an ihren lebhaften Handbewegungcn sieht man, daß sie eine wichtige Sache verhandeln. Bei diesem Anblick schließt der Rabbi die Augen — sein Her; schlägt zum Zerspringen, kalter Schweiß der Todesangst durchdringt seine Lumpen — so liegt er in dem vollen Licht einer Leuchte längs der Mauer, starr und regungslos! Vor ihm, gerade unter dem Licht bleiben Beide stehen, vielleicht nur zufällig, infolge ihrer Unterredung. Der Eine von ihnen betrachtet, seinem Redner zuhörend, den Rabbi, und unter diesem Blicke, dessen zerstreuten Ausdruck der Unglückliche zuerst nicht begreift, fühlt er wieder die glühenden Zangen, welche sein armes Fleisch gräßlich martern! Großer Gott, welche Plagen stehen ihm bevor! Sein Athen; steht still, seine Lider zucken krampfhaft, — wie glühende Kohlengluth erstickt ihn das Rauschen ihrer Gewänder. , Aber seltsam! Der Blick des Inquisitors ist augenscheinlich der eines Mannes, der tief nachsinnt, was er antworten will. Nachdenklich starrt er vor sich hin — Er betrachtet den Juden, ohne ihn zu sehen!! — In der That! Nach Verlauf einiger Minuten setzen die beiden finstern Redner, leise sprechend, ihren Weg fort. Sie schreiten den; Kreuzwege zu, von welchem der Gefangene seine Flucht angetretcu hat. Man hat ihn nicht gesehen! In der entsetzlichen Verwirrung seiner Gefühle durchzuckt sein Gehirn plötzlich der Gedanke: Sollte ich wohl gar schon gestorben sein, so daß man mich nicht mehr sieht? Eine gräßliche Erscheinung entreißt ihn seiner Lethargie! Als er die Gegenmauer betrachtet, glaubt er gerade vor sich zwei wilde, glühende Augen zu sehen, welche ihn unverwandt beobachten. Vor ungeheurem Entsetzen sträubt sich ihm das Haar auf dem Kopfe! Aber nein, nein! Es ist nur die Nachwirkung der schrecklichen Blicke, mit welcher sein fieberndes Gehirn ihn namenlos erschreckt hat. Auf den Weg! Er muß sich beeilen, das Ziel zu erreichen, welches, wie er fast krankhaft hofft, zur Freiheit führt. Und bis zu jenem Düster sind es nur noch wenige dreißig Schritte! So kriecht er also schneller, mit Knieen und Händen vorwärts, und erreicht endlich nach einer martervollen Wanderung den dunklen Theil des schrecklichen Gewölbes. Plötzlich empfindet der Elende an den Händen, welche er auf die Fliesen stützt, eine frische Külte. Diese rührt von einem heftigen Luftzuge her, welcher unter einer kleinen Pforte, die den Gang abschließt, hereindringt. — — O Gott, wenn sich diese Pforte nach Außen öffnete! — Das ganze Wesen des beklagenswerthen Flüchtlings wird von einem Schwindel der Hoffnung ergriffen. Er betastet die Pforte — sehen kann er nichts in der ihn umgebenden Finsterniß! Kein Schloß — kein Riegel — keine Klinke — er richtet sich auf — sie giebt seinem Drucke nach, und — — geräuschlos öffnet sich die Pforte. Halleluja! murmelt der Rabbi. Ein tiefer Seufzer der ungeheuren Erleichterung entringt sich seiner Brust, ein überströmendes Gefühl der Dankbarkeit ergreift den auf der Schwelle Stehenden bei dem sich ihm darbietenden Anblicke! Die Pforte führt in den Garten! Der Himmel glänzt in Sternenpracht! Frühling! Freiheit! Leben! Und dort ist schon das freie Feld, und weiterhin die Sierra, deren Schlangenlinie sich dunkel von dem Nachthimmel abhe'.t. — Ja, dort ist die Rettung, ja, fliehen, fliehen! Eilen würde er die ganze Nacht durch Citronenwälder, deren süßer Duft schon seine Schläfe umspielt. Einmal in den Bergen, imd — Luft! 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