Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 31 (15.8.1890)
- Date
- 1890-08-15
- Page
- Seite 409 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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409 ist es genug, daß die Thatsache an sich wissenschaftlich feststeht und — soviel ich weiß — auch von den orthodoxesten Anhängern Luthers nicht in, Abrede gestellt worden ist. Zwar als Novize iin Kloster zu Erfurt, wo Luther sich schon mit dein Bibelstudium beschäftigt, war er noch ganz in der das Mittelalter beherrschenden allegorischen Schriftauslegung — einem Erbstück des jüdischen Hellenismus — befangen und achtete, wie er selbst später erzählt, die nüchterne buchstäbliche Erklürnngsinethode des Nicolaus de Lyra nur gering. Je mehr Luther aber später in die Mysterien der hebräischen Sprache eindrang, von der er sagt, daß sie „die allerbeste und reichste in Worten, bettelt nicht, hat ihre eigene Farbe" . . . desto mehr erkennt er, daß Lyra „der beste Ebrüer gewest und ein fleißiger Dolmetscher des alten Testaments", desto inniger bedauert er, daß er nicht selbst die rabbinischenKommentare studiren könne, „die reinsten und besten Grammaticos als David Kiinchi, Mose Kimchi, welche die reinsten sind", desto inniger schließt er sich endlich jener Methode der Bibelexegcse an, deren Pfade eben jener Nicolaus de Lyra gebahnt und geebnet hat. „Sensus literal is, der thnt's" — so sagt Luther später, genau > wie Nicolaus, der den einfachen Wortsinn über Alles stellt, genau wie Raschi, der den einfachen Wortsinn — Pescluit — int Gegensätze zn der allegorischen Schrifterklärung zuerst in Anwendung gebracht hat! Immer mehr schwindet die Allegorie der „heimlichen Deutung", die noch in den ersten Uebertragungen, Predigten und Postillen Luthers hier und da hervortritt, aus seinen späteren Schriften und sowohl für seine — gleichfalls unter jüdischer Beihilfe — rcvidirte große Bibelübersetzung wie für seine exegetische Lchrthätigkeit und seine Predigtweise kommt nur noch jene Schriftauslegung in Betracht und in Anwendung, die Luther von Nicolaus de Lyra gelernt, die Nicolaus de Lyra wiederum Raschi und anderen Rabbincn zn verdanken hat. Das schöne Wort von Luther über die Bibel: „Und es sind doch ja nicht Lcscwort, wie sie meine», sondern eitel Lebcwort drinnen, die nicht zum Speknlircn und hoch zn dichten, sondern zum Leben und Thtm da gesetzt sind" — man kann es fast wörtlich und zwar in der Sprache der Bibel auch in der Einleitung Raschis zu seinem Bibelkomnientar lesen. Nicht blos von den Humanisten gilt das Wort, daß ihre Lebensschicksalc gleichsam eine Verkörperung ihrer geistigen Thätigkeit sind. Man kann es auch auf die Reformatoren, man kann es vor Allem ans Martin Luther anweitden, der auch in seinem Schaffen jene großen idealen Ziele offenbart, nach denen leider die Gegenwart vergebens ringt, zu denen noch ferne Jahrhunderte wie zu den Sternen werden aufblicken müssen. Aber der Segen, der von diesem Leben und Schaffen ausströmt, kommt jeder Zeit und jedem Geschlechte zn Gute. Und so mag unsere im Rassenhaß und konfessionellem Hader sich verzehrende Zeit an dem Bilde sich aufrichten, das uns einen jüdischen Rabbiner zeigt, der einen katholischeil Franziskaner so mächtig beeinflußt, daß dieser wieder den großen protestantischen Reformator erfüllen und belehren kann. Das ist ein Bild, welches in die ferne, von Propheten und Dichtern geweissagte chiliastische Zukunft hinweist, wo über dem Trennenden der Konfessionen sich jene unsichtbare Gemeinde des freien Geistes der Menschheit erheben wird, die Raschi so gut wie Nicolaus de Lyra verehren und die Martin Luther feiern wird als die erhabenen Vorkäinpfer auf dein großen Siegeszuge der Menschheit. Möchte das Bild auch für unsere Zeit seine volle Wirkung ausüben, erhebend lind belebend, klärend und versöhnend! Das Leben der orientalischen Juden im 8.. 9. und 10. Jahrhundert. Von Dr. Io öl Müller. Die Briefe und Antwortschreiben der Schulhüupter der jüdischen Hochschulen in Babylon im 8., 9. und 10. Jahrhundert umfassen eine Fülle kulturhistorischer Nachrichten aus dent Leben der Juden in den muhamedanischen Ländern in diesen frühen Tagen des Mittelalters. Neben diesen reichen Mittheilungcn über Sitte und Brauch in den jüdischen Familien und in den blühenden Gemeinden in Asien, Afrika und ans der spanischen Halbinsel lesen wir in diesem Schriftthum viel über die allgemeine Völkersitte in der moslimischen Welt. Denn die Juden lebten im innigsten Verkehr mit den herrschenden Volksstümmen, mit denen sie nicht nur das gemeinsame staatliche Leben, sondern auch die bürgerliche Beschäftigung des Tages, hier die Bestellung des Ackerbodens, dort ein reger, ausgedehnter Handel, in enge Beziehungen brachte. In einer größeren Einleitungsschrift') zu diesen Responsen, welche eben die Presse verläßt, waren wir bestrebt, die wichtigen Punkte dieser geschichtlichen Aufklärungen zusammenfaffend zu ordnen. Technische Gründe haben es uns nicht möglich gemacht, einer früheren Aufforderung des Herrn Professor Friedrich Müller in Wien Folge zn geben und das Blich mit Unterstützung der Akademie der Wiffenschaften dortselbst in deutscher Ausgabe erscheineir zu lassen. Indem wir es unternehmen, die sittengeschichtlichen Momente aus unserer hebräischen Schrift in diesen Blättern zu besprechen, möchten wir hierdurch versuchen, das Interesse der Gebildeten der großen und bedelltungsvolleli Litteratur dieser Airtwortschreiben zuzuwenden. Die Anfragen an die babylonischen Schulhüupter in Sura und Pumbaditha, welche den Titel „Geonen" führen, umfassen den ganzen Kreis des bürgerlichen und religiösen Lebens der orientalischen Juden. Diese kommen in den zahlreichen bald kürzereit, bald längeren Antwortschreiben zur Verhandlung. Geschäftliche Auseinandersetzungen, Bau- und Grundtheilungsfragen lesen wir neben ernsten Erörterungen über Differenzen in Bezug ans die Besitzthümer der Ehegatten und auf andere Ptmkte des Eherechtes. Stammen die Briefe an die Schulhäupter von Privaten, selten von Behörden, welche ihr Urthcil dem Meister zur Begutachtung vorlegen, so fragen die Gemeinden wieder über zweifelhafte Fälle in der religiösen Praxis alt, so schreibt der Lehrer an sie über die Ordnung des Gottesdienstes und der Gebete; wie denn einer dieser Schulhällpter, Ammin Gaon, das erste geordnete Gebetbuch einer spanischen Gemeinde zuscndet. Darin unterscheiden sich diese Briefe von den älteren rabbinischcn Schriften. Jene Bücher umfassen Schulverhandlungen und registriren die oft auseinandergehenden Meinungen der Lehrer. Diese Briefe ordnen die Sitte und den Brauch in bestimmt auivcisendeu Vorschriften. Wie sie in Fragen des Rechts den Streit der Parteien zum Austrage bringen, so geben sie auch die sichere Norm an, nach welcher die religiöse Uebung auszuführen sei. Nicht minder wichtig als diese Entscheidungen sind die in den Briefen aufbewahrten Erklärungen über Fragen der jüdischen Alterthumsknnde, der Zcitfolgc der Geschlechter, der schwierigen Worte in der älteren biblischen und nachbiblischen Litteratur. In der Prüfung der alten Sagen finden sich nicht selten Hinblicke ans die griechische und orientalische Weisheit und Weltanschauung. Vor Allem fesseln uns die Streitfrageit privatrechtlicher und eherechtlicher Natur. Hier werden mitunter die Wechselreden der Par- Einleitung in die Responsen der babylonischen Geölten von Dr. I. Müller. In Kommission bei H. Engel, Berlin 1891.