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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-15 · Heft 31 (15.8.1890) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 31 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
Seite 408 (sequence 4)
Language
German
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408 werden könnte, wie sein Verhalten ihm die Freunde entfremdet, ans die sich verlaßen zu können er noch eines Tages froh sein wird." Neuerdings hat man es sich in Rußland überlegt, daß es nicht gut sei, die öffentliche Meinung in Europa herauszufordern. Und man beeilt sich, offiziös aus Petersburg zu melden, daß die „unbegründete Nachricht" der „Times", wonach die russische Regierung drückende Beschrünkungen der Rechte der Juden in Rußland beabsichtige, darauf zurückzuführen sei, daß in einem dem russischen Hofe nahe stehenden, jedoch nur geringen Einfluß ausübenden Kreise sich thatsächlich Bestrebungen zur Herbeiführung harter Maßregeln gegen die Juden geltend gemacht haben. An der entscheidenden Stelle jedoch, an welcher man weiteren Schmälerungen der den Juden in Rußland bisher eingeräumten Rechte entschieden abgeneigt sein soll, seien diese Bestrebungen zurückgewiesen worden. Wir würden eins sehr freuen, wenn ein Offiziöser ausnahmsweise einmal die Wahrheit gesagt hätte. Aber wir wollen abwarten. Inzwischen bringt jeder Tag neue Hiobsposten aus dem Zarenreiche. So berichtet die in diesen Dingen gewiß gnt unterrichtete „Kreuzzeitung": „Bekanntlich dürfen nur solche Inden in Petersburg ihren ständigen Wohnort haben, welche ihre Beschäftigung als Handwerker, Kommis oder Kaufleute Nachweise». Diese Vorschrift wurde vielfach umgangen, und in Folge dessen hat sich die Staatsregiernug veranlaßt gesehen, eine Spezial-Kommission einznsetzen, welche zu ermitteln haben wird, welche Jude» in der Residenz wohnen, die keiner der erwähnten Kategorieeu angehören. Tie Betroffenen werden sofort ans Petersburg ausgewiesen und dürfen nicht wiederkehren. Diejenigen, welche solche Juden beherbergen, sollen zur Verantwortung gezogen werden." U Ein Vorbild Luthers. fVo» Gustav Karpeles. Nach allen Seiten und Richtungen hin ist das Leben Martin Luthers und sein Schaffen erörtert und geschildert worden. Bis in den fernsten Winkel dieses merkwürdigen und ercignißreichen Lebens hat man hineingclcklchtet und Luther's Quellen und Lehrer mit großer Gelehrsamkeit aufgezählt. Mit der bekannten Professoreu- Gründlichkeit hat man sogar Bezüge nachzuweiscn versucht, die mit Lrither's Schaffen nur durch großen Zwang in Verbindung zu bringen sind. Um so merkwürdiger ist es, daß gerade ein Mann in allen diesen Studien, Essays, Lebensbildern nnd Biographien nicht genannt wurde, der unbestrittener Weise — wenn der Ausdruck gestattet ist — das exegetische Vorbild Luthers genannt werden kann, ein Mann also, der die zweite Großthat Luthers, die Bibelübersetzung, gefördert und mächtig beeinflußt hat, so mächtig, daß die Spuren dieses Einflusses uns auf Schritt und Tritt in den diesbezüglichen Werken Luthers cntgegcntrcten, ja daß sie sogar bald nach dessen Tode durch das Jahrhundert der Reformation in einem geflügelten Worte sich fortpflanzten. Es ist daher nicht mehr als billig, auch einmal jenes Mannes zu gedenken. Das geflügelte Wort, von dem ich eben gesprochen, wird vielen meiner Leser bekannt sein, obwohl es nicht im Büchmann steht: Si Lyra 11011 ly fasset, Lullienis non saltasset, so heißt cs — und die Uebersctzung, die de» Sinn des Wortes wiedergebeu will, lautet etwa: Hält' Lyra nicht geleiert, hält' Luther kein Tanzfest gefeiert, oder: Wenn Lyra nicht hätte aufgespielt, hätte Luther nicht aufgewühlt. Wer war nun dieser Lyra, der erst aufspielen mußte, damit Luther sein großes Werk der Reformation, der Bibelübersetzung, beginnen konnte? Von all' dem großen Segen, den sein Schaffen verbreitete, fällt ja auch ein heller Strahl auf das Leben und die Arbeit dieses Mannes, der — man kann wohl das Wort uinkehren — den Boden erst aufwühlen mußte, ehe die Saat Luthers aufgeheu, in Halme schießen und reifen konnte'. Dieser Mann war N i c o l a ns d e L y r a, ein frommer katholischer Franziskaner und Professor der Theologie zu Paris, der etwa zwischen 1300 und 1340 „blühte", und der das lange noch nicht nach Gebühr gewürdigte Verdienst sich erworben hat, die biblische Exegese aus dem wilden Urwald, in den: sie seit den Tagen der Kirchenväter steckte, auf eine neue wegsame Straße geführt zu haben. Der nicht weniger als judenfreundliche Franziskanermönch, der sogar eine Schrift gegen die Juden verfaßt, erkannte trotzdein mit seltener Vorurtheilslosigkeit, daß die klare und lichtvolle Bibelauslegung der jüdisch-französischen Exegetenschule, die etwa ein oder anderthalb Jahrhunderte vor ihm gelebt und gewirkt hatte, die einzig richtige Methode sei, das Bibclbuch zu erklären und verständlich zu machen. Er verschmähte es deshalb ebenso wenig, wie vor Jahrhunderten die frommen Kirchenväter, bei Juden Unterricht in der hebräischen Sprache zu nehmen und sich von den Rabbinern in das Gebiet der Bibelexegese einführen zu lassen. Eine Frucht dieser Studien, denen namentlich der Kommentar des berühmten Rabbi Salomon ben Jizchak (bekannter unter dem Namen Raschi) als Unterlage diente, waren dann die Postillen des Nicolaus de Lyra, die man mit Fug und Recht das Grundbuch einer rationellen Bibelexegese nennen darf. Mil großer Wahrheitsliebe nnd nicht geringem Muthe erklärt der gelehrte Nicolaus in der Vorrede zu den Postillen, daß er nicht blos die katholischen Exegeten benutzt habe, sondern auch die jüdischen — „sed etiam Hebraeoruin, maxime Rabbi Salomonis, qui luter dortores hebraeos locutus est rationabilius". Dieser Rabbi Salomon war eben jener Raschi, dessen Bibelkommentar wegen seiner schlichten, klaren, einfachen, ja naiven Auslegung so populär wurde und hier und da noch heute dem Bibelunterricht der jüdischen Jugend als Grundlage dient. Obwohl nun Nicolarts de Lyra, wie er selbst eingesteht, nicht viel Hebräisch verstand, am wenigsten das Hebräisch, in dem die rabbinischen Bibelkommentarc des Mittelalters geschrieben wurden, gab er sich doch alle Mühe, mit Hilfe seiner Lehrer die Exegese Raschi's zu studiren und zur Erklärung des einfachen Wortsinnes — — „ad declarationeni sensus literalis" — heranzuziehe». Aber selbst das geringe Maß seiner hebräischen Sprachkeuntniffe schützte den späteren Ordensprovinzial der Franziskaner nicht vor dem Verdachte — ein getaufter Jude zu sein, während er doch selbst erklärt, von christlichen Eltern abzustammcn. Nichtsdestoweniger ist der gute Nicolaus bis auf unsere Tage als Konvertit in vielen biographischen Werken verzeichnet. Aber er war ein guter Katholik, der polemische Schriften gegen die Juden verfaßt und der auch naiv oder ehrlich genug ist, zu erklären, daß er nur die Erfahrungen Anderer in Betreff der Juden mitthcile, die öfter mit ihnen verkehrt haben als er! Eher ist deshalb anzunehmen, daß die Lehrer getaufte Juden waren, die ihn in die hebräische Sprache einfiihrteir und ihm die Kommentare der Rabbinen zugänglich machten. Wie mächtig und nachhaltig nun aber der Einfluß gewesen, den Nicolaus de Lyra auf Luther und sein Werk geübt, das sagt schon jenes citirte geflügelte Wort. Des Weiteren die Spuren jenes Einflusses aufzuzeigen, der gerade in den wichtigsten Fragen und in exegetischen Kardinalpunkten sich geltend macht, wo Nicolaus de Lyra wiederum dem Raschi getreu nachfolgt, das überschreitet die Grenzen dieses Artikels. Prof. Siegfried in Jena hat vor einigen Jahren den wissenschaftlichen Nachweis bis zur Evidenz geführt. Für uns

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