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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-15 · Heft 31 (15.8.1890) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 31 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
Seite 407 (sequence 3)
Language
German
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407 bekennen und vorzngehen. Wer vor solchen Gemeinheiten zaghaft die Segel streicht, kann allerdings ernste öffentliche Pflichten nicht erfüllen. Es ist eine bei den Antisemiten sehr beliebte Methode, gewisse verwerfliche Eigenschaften und Schlechtigkeiten, wie den Wucher oder die Geldgier oder die wilde Börsenspekulation, mit dem Judenthum zu identifiziren und so den Anschein zu erwecken, als ob der anständige Jude z. B. den jüdischen Wucherer, der die Nothlage seines Nachbarn zu seinem Vortheil in unanständiger Weise ausbeutet, minder scharf verurtheile als der anständige Christ. Nur so kann man dazu kommen, von einem spezifisch „jüdischen Wucher" zu sprechen. Diese perfide Kampfmethode ist nicht ohne Wirkung geblieben. Man mag sich dem Glauben hingeben, daß der Antisemitismus in seinen verschiedenartigen Gestaltungen für längere Zeit bei uns keine Stätte haben wird. Aber immerhin kann er zeitweise große Kreise irre führen uud gefährlich werden. Was in Hessen möglich war, kann auch in Baden und anderwärts geschehen, wenn man gleichgiltig und sorglos dem Treiben der Antisemiten zuschaut. Die meisten wissen gar nicht, wie intensiv die Antisemiten mit Wort und Schrift agitiren; ich habe auch erst in neuerer Zeit einen Einblick in eine Masse antisemitischer Schriften und Flugblätter erhalten, und ich kenire bei Weitem noch nicht Alles. Es ist in der That Zeit, daß die Aufmerksamkeit größerer Kreise auf dieses Treiben gerichtet wird. Wenn der kleinere Landwirth, der weniger liest und sich weniger um öffentliche Dinge kümmert, auch nur einen Theil von dem glaubt, was ihm in den antisemitischen Blättern über die Juden vorgeredet wird, dann ist es nicht zu verwundern, wenn er von Haß und Verachtung gegen dieselben ergriffen wird und danach handelt. Wie hartnäckig längst widerlegte Unwahrheiten in den Schriften der Antisemiten immer wieder von Neuem als lautere Wahrheiten unter die Wühler gebracht werden, das beweisen die fortgesetzten Verleumdungen, denen die Alliance israelite ausgesetzt ist. Es wäre ein schwerer Fehler, die Gegenwehr zu verabsäumen. Dieselbe ist in erster Reihe eine Ehrenpflicht der Christen. Ihnen liegt es besonders ob, Protest dagegen zu erheben, daß unser öffentliches Leben vergiftet werde durch eine unter „nationaler" Firma betriebene, nnchristliche und undeutsche Hetze gegen eine große Zahl gleichberechtigter Staatsbiirger, von denen in Uebereinstimmung mit den Traditionen des Hohenzollernhauses ein deutscher Kaiser sagte, daß „sie seinem Herzen gleich nahe stehen". Ehrenpflicht der Christen ist es ferner, nicht eher zu ruhen, als bis die gleiche Berechtigung, welche den jüdischen Mitbürgern nach unseren Gesetzen zusteht, auch in allen Beziehungen thatsüchlich durchgeführt werde. Dieses Thema darf nicht von der Tagesordnung verschwinden. Das ist die beste Antwort auf die freiheits- und kulturfeindlichen Bestrebungen der Antisemiten. Das deutsche Volk muß und wird mit der antisemitischen Bewegung fertig werden; denn sie ist und bleibt eine „Schmach" für unser Vaterland. 9 Die russische Frage. Berlin, 12. August. Noch immer steht die Sache der russischen Juden im Vordergründe der allgemeinen Diskussion. Und das ist gut so, denn nur so kann wirklich und gründlich Hilfe geschaffen werden. Was aber die Diskussion selbst anbelangt, so dürfen wir mit Genugthuung konstatiren, daß kein einziges europäisches Blatt die Maßregeln gegen die russischen Juden zu vertheidigen sucht. Oder doch — ein einziges: das „Volk", das Leiborgan des Berliner Hofpredigers. Am rührigsten ist die Agitation in England. Dort wurde, wie wir bereits gemeldet, dasselbe Thema am Freitag und am Sonnabend im Jnterpellationswege gestreift. Ain Sonnabend brachte der Earl of Meath, einer der ältesten und konservativsten Lords des Landes, im Oberhause eine Interpellation ein folgenden Inhalts: „Ob es wahr sei, daß ein Edikt in Rußland erlassen worden, welches den Inden verbietet, Grund und Boden zu besitzen und zu bearbeiten und ihr Geld in Industrien zu verwerthen. Ob es wahr sei, daß dieses Edikt Millionen von Juden treffe, sie zu Bettlern machen und zwingen würde, Rußland zu verlassen; und wenn dies der Fall, ob Ihrer Majestät Regierung Schritte thun würde, eine solche Invasion an den Küsten Englands zu verhüten, da dieselbe unseren eigenen arbeitenden Klassen schädlich wäre und die Löhne Herabdrücken würde. Se. Lordschaft wolle nicht glauben, daß am Ende des XlX. Jahrhunderts eine religiöse Massenverfolgung dieser Art noch möglich sei. Er könne auch nicht denken, daß die Sitten des Mittelalters oder die Zeit Ludwigs XIV. wiedergekehrt sei. In der britischen Jurisprudenz gilt es als Prinzip, daß Jedermann so lange als unschuldig zu betrachten sei, bis seine Schuld nicht erwiesen ist, und deshalb sind wir auch gebunden, bis uns nicht das Gegentheil dargethan wird, zu glauben, daß die russische Regierung ein solch barbarisches Edikt nicht erlassen werde. Sollte es doch erlassen werden, so hege er zu Ihrer Majestät Regierung das Vertrauen, daß sie ihr Bestes thun werde, die arbeitenden Klassen Englands davor zu behüten, durch fremdes Arbeitsangebot erdrückt zu werden; denn, so sehr wir auch mit den unglücklichen Opfern der Verfolgung in anderen Ländern sympathisiren, so ist es doch unsere erste Pflicht, zunächst unserer eigenen Unglücklichen zu gedenken. Sollte die Nachricht sich unerfreulicherweise als richtig erweisen, so werde Ihrer Majestät Regierung zweifellos Mittel finden, der russischen Regierung das Gefühl der Indignation zum Ausdruck zu bringen, welches diese Nachricht in England seiner ganzen Breite und Länge nach hervorgerufen hat." Lord Salisbury erwiederte hierauf wie folgt: „Ich besitze keinerlei Information zur Bestätigung der Nachricht, auf welche der edle Lord hingewiesen hat. Ich habe keinen Grund zu glauben, daß die Emigranten, auf die er hingedeutet, sich nach diesem Lande wenden würden, und will in die ökonomischen Fragen, die der edle Lord aufgeworfen, nicht eingehen, bis wir Grund haben zu glauben, daß die Geschichte auch wahr sei." Sogar die „Daily News", ein anerkannt russenfreundliches Organ, wirft sich in dieser Angelegenheit zum Sachwalter der Humanität auf. Das Blatt erklärt zunächst, daß die britische Botschaft in Petersburg von so wichtigen Dingen wohl unterrichtet sein sollte, und daß es ihre Pflicht wäre, Lord Salisbury hierüber zu informiren. Es beruft sich sodann auf das Zeugnis; des Abgeordneten von Whitechapel, Mr. Montag», und des bekannten Fabriksinspektors Mr. Lackemann, welche Beide vor einer Enquete des Oberhauses ausgesagt haben, daß die mit dem Schwitzsystem verbundene Herabdrückung der Löhne eine Folge der allgemeinen Verarmung, nicht aber der jüdischen Konkurrenz sei. Die „Daily News" verwahren sich dagegen, daß den armen jüdischen Kreaturen, welche in Rußland zur Auswanderung gezwungen werden, ein Asyl in England verweigert werde und bemerken, daß ein Gesetz gegen die Zulassung der Juden nach England als eine theilweise Rechtfertigung der strengen russischen Maßregeln angesehen würde. Der Artikel der „Daily News" schließt in folgender Weise: „Des Zaren Stellung richtig 31t würdigen, müssen wir eingedenk bleiben, daß er selbst das Haupt der russischen Nationalkirche ist. Er betrachtet die Juden nicht blos als Ungläubige, sondern auch als Leugner seiner eigenen persönlichen Heiligkeit. Als Bischof Fisher von Rochester sich weigerte, unter König Heinrich VIII. die königliche Suprematie anzuerkennen und sein Haupt auf den Block legen mußte, waren die Motive hierfür mehr politisch als religiös. Es ist keine Ursache vorhanden, den Zar für unaufrichtig zu halten und daran zu zweifeln, daß er die Anwendung strenger Gesetze gegen die Juden für eine christliche Pflicht erachte. Doch wäre es ein Segen, wenn dem Zar begreiflich gemacht

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