Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 31 (15.8.1890)
- Date
- 1890-08-15
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
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406 welche bis dahin durch Nationalliberale und Konservative vertreten waren, gewonnen.') Die Sozialdemokraten betrachten sich als die Erben der Antiseiniten. Sie glauben, daß dieselben für sie die Vorarbeit leisten, zuerst einmal „die bürgerlichen Parteien" zu zerreiben. „Der Antisemitismus ist nur ein Durchgangsstadium — sagte vor Kurzem ein sozialdemokratischer Führer — er arbeitet schließlich doch nur für eins." Diese Anschauung hat manches für sich. Wer sich erst über „den jüdischen Kapitalismus" richtig zu ereifern gelernt hat, der ist ohne Schwierigkeit auch „gegen den Kapitalismus" überhaupt in Zorn zu bringen. Thatsüchlich hat denn auch eine nicht unerhebliche Zahl früherer antisemitischer Wähler bei späteren Wahlen in mehreren Wahlkreisen für die sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt. Durch die Erfolge bei den letzten Wahlen ermuthigt, arbeiten die Antisemiten mit erhöhtem Eifer weiter, zunächst in Hessen. Die Landbevölkerung haben sie durch ihre unermüdliche Agitation von Dorf zu Dorf, durch Zeitungen und Flugblätter, Gründung von Bauernvereinen u. s. w. gewonnen. Die Gegenparteien sind ihnen einstweilen nicht gewachsen. Es fehlt ihnen an genügender Organisation, an Kräften, an einer wirksamen Lokalpresse. Wenn bei den jetzt im Großherzogthum Hessen stattgehabten Landtagswahlen die Antisemiten Sitze nicht eroberten, so darf man daraus keine weitergehenden Schlüsse ziehen?) Die Theilnahme der Bevölkerung für diese Wahlen war eine äußerst schwache; 20, höchstens 25 Prozent haben ihr Wahlrecht ausgcübt. Mit dem bestehenden veralteten Wahlsystem lvaren die Wähler nicht in Bewegung zu bringen. Von Hessen tragen die Antisemiten ihre Agitation neuerdings weiter, vorzugsweise nach Baden. Sie hoffen dort einen günstigen Boden zu finden, weil Baden nächst einigen preußischen Provinzen, Hessen und Elsaß-Lothringen, die meisten Juden hat — je 169 unter 10,000 nach der Statistik von 1885; in Hessen war die Zahl je 273, in Elsaß-Lothringen je 236 Juden unter 10,000 Einwohnern. Auch in Baden hat man es, wie in Hessen, vorzugsweise auf die Landbevölkerung abgesehen. In den einzelnen Wahlkreisen werden Vereine mit „Kriegskassen" zu „dem heiligen (!) Kampf" — wörtlich steht es so in einem Aufruf — und besondere antisemitische Blätter gegründet. Von zwei solcher seit einem Monat dort erscheinenden Wochenblättern — dem „Badischen Volksboten" in Todtnau und dein „Bürgerlind Bauernfreuiid" in Ilvesheim bei Mamiheim — sind mir die bisher erschienenen Nummern zugegangen. Sie enthalten nichts als eine fanatische Hetzerei von Anfang bis zu Ende! Selbst der Jnseratentheil muß diesem Zweck dienen. Das Programm der Deutsch-Sozialen in Baden, welches neben dem Rohtabakmonopol die ivöchentliche Normalarbeitszeit und den wöchentlichen Mindestlohn verlangt, findet in diesen Blättern eine Ergänzung, welche an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. „Internationale Vereinbarungen, insbesondere gegen die gefahrdrohende Anhäufung des jüdischen Kapitals"; — von Staatswegen angeordnete Untersuchung, ob in der jüdischen Religionslehre (Talmud und rabbinische Litteratur) etwas „Staatsgefährliches" enthalten sei; — Aufhebung der Gleichberechtigung und Stellung der Juden unter Fremdenrecht; — Ausschluß derselben von allen kommunalen und staatlichen Aemtern; von dem Dienst im Heer, von dem Dienst der Schöffen und Geschworenen, sowie von sonstigen Ehrenämtern; — das ist das Programm, auf Grund dessen man die badische Landbevölkerung gegen >) Es folgt nun eine Zusammenstellung der Ziffern, die man in der „Nation" selbst Nachlesen kann. Die Red. -) Wie ich eben lese, haben die Antisemiten Butzbach von den Nationalliberalen wider Erwarten gewonnen. unsere jüdischen Mitbiirger zu sammeln hofft. Der bei'Mannheim erscheinende „Bürgeruud Bauernsretind" hat noch einige ganz besondere Forderungen. Er will den Juden das Recht entziehen, für öffentliche Blätter zu schreiben oder solche zu verlegen (ausgenommen Zeitungen für Juden), er will ihnen auch den Handel mit Tabak Wein, Getreide mtb Branntwein verbieten! In welchen: Geiste diese Blätter geschrieben sind, wird am besten ans einer kurzen Antwort hervorgehen, welche der Jlvesheimer „Bürger- und Bauernfreund" im Briefkasten der Nr. 4 giebt: „H. in H. Sie wenden gegen unser Bemühen ein: das Evangelium geböte — den Nächsten zu lieben. Die Juden sind nicht unsere Nächsten, sondern die Fernsten. Juden lieben, das kann nur Gott, in dessen Hand sie ein räthselhaftes Werkzeug sind. Wir müssen sie ebenso verabscheuen, >vie den Teufel" u. s. w. Gegen eine solche Agitation auch nur ein Wort zu verlieren, werden sicherlich Viele nicht der Mühe werth halten. So weit — meinen sie — kann doch ein irgend erheblicher Theil des deutschen Volkes nicht zurückgekommen sein, daß er an derartiger Moral auch nur vorübergehend Geschmack findet. Ich bezweifle es, daß ein solcher Optimismus nach den Erfahrungen, die wir im letzten Jahrzehnt in Deutschland gemacht haben, angebracht ist. Haß, Eigennutz, Konkurrenzneid, Verfolgungssucht und ähnliche niedrige Leidenschaften können auch noch am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts die bedenklichsten Früchte hervorbringen, wenn ihnen gegenüber nicht durch eine starke öffentliche Meinung in deutlichster Weise die Staatsraison geltend gemacht wird. Wo aber zeigt sich gegen die Antisemiten in Deutschland eine starke öffentliche Meinung? Wo sind diejenigen, welche kraft ihrer Stellung in erster Reihe berufen wären, gegen diese verfassungs- und kulturwidrigc Hetze ein Veto einzulegen? In Preußen waren vor Einführung der Verfassung unter den Vorkämpfern für die Gleichberechtigung der Juden Männer der höchsten Aristokratie. Man vergleiche nur die Reden, mit denen Prinz Biron von Kurland, Fürst zu Lynar, Graf v. Dyhrn, Graf v. Ziethen, Graf v. Redern, Graf Aork n. A. in der Herrenkurie des Vereinigten Landtags von 1847 für unsere jüdischen Mitbürger eintraten, mit denen aus neuester Zeit! Graf v. Ziethen hatte sogar den Muth, aus den Erfahrungen seines Lebens—und er erklärte oft mit Juden zusammengekommen zu sein — zu bezeugen, daß er sie „als erfahrene, betriebsame, als gute, edle Menschen angetroffen habe". Selbst der Abgeordnete von Bismarck-Schönhausen, der nachmalige Reichskanzler, konnte in seiner von den Antisemiten so vielfach für ihre Zwecke citirten und im Uebrigen „vom Geist des Mittelalters" durchwehten Rede gegen die Zulassung der Juden zu den obrigkeitlichen Aemtern (Sitzung des Vereinigten Landtags vom 15. Juni 1847) nicht umhin einzuräumeu: „Ich gestehe zu, daß in Berlin und überhaupt in größeren Städten die Judenschast fast durchaus aus achtungswerthen Leuten besteht; ich gebe zu, daß solche auch auf dem Lande nicht blos zu den Ausnahmen gehören, obgleich ich sagen muß, daß der entgegengesetzte Fall vorkomme." Wer heute solches Zeugniß ablegt, wie es Graf von Ziethen gethan, muß sich darauf gefaßt machen, in den Verdacht zu kommen, daß er sich in irgend einer pekuniären Abhängigkeit von den Juden befindet. „Judenknecht", „bezahlter Judenanwalt" — das sind die Ehrentitel, die man sich leicht erwerben kann, wenn man auch nur für die staatsbürgerlichen Rechte der Juden eintritt; und es unterliegt leider keinem Zweifel — und nur deshalb erwähne ich dies hier —, daß es viele sehr ehrenwerthe Christen giebt, welche die Schmach der Judenhetze fühlen, ihre Gefahr erkennen, — und sich doch lediglich durch die Besorgniß vor solchen elenden Verdächtigungen davon zurückschrecken lassen, offen Farbe zu