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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-15 · Heft 31 (15.8.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 31 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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54. Jahrgang. Nr. 31. Allgemeine Berlin, 15. August 1890. eitung des Dudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson in Sonn. Expedition: Berlin, Zerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. InhttH. Leitartikel; Die Judenverfolgung in Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Bon Heinrich Rickert. — Die russische Frage. — Wissenschaft und Litteraturr Ein Vorbild Luthers. Bon Gustav Karpeles. — Das Leben der orientalischen Juden im 8., 9. und 10. Jahrhundert. Von Dr. Jo öl Müller. — Die Tofifta. Von Dr. A. Le Win. — Feuilleton; Die Marter der Hoffnung. Von F. Saphra. — Die Mutter Giacomo Meyerbeer's. Von Dr. Ad. Kohut. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindedote. Korrespondenzen und Nachrichten; Berlin, Magdeburg, Emden. Cassel, Wiesbaden, Darmstadt, Stuttgart. Wien. — Von Nah und Fern. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Miseellen. Nie Judenverfolgung ln Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. ) Von Heinrich Rickert. Sechs und ein halbes Jahrhundert sind verflossen, seit Papst Jnnocenz IV. znm Schutz der bedrängten und verfolgten Juden eine Bulle erließ. „Einige Geistliche und Fürsten — heißt cs in der Bulle — Edle und Mächtige eurer Länder erdenken, um das Berinögen der Inden ungerechter Weise an sich zu reißen, gottlose Anschläge gegen sie und erfinden Anläße .... Im Widerspruch gegen die ihnen vom apostolischen Stuhl gewährten Privilegien, gegen Gott und seine Gerechtigkeit, bedrücken sie durch Nahrnngsentziehung, Kerkerhaft, andere Quälereien und Drangsale die Juden, legen ihnen allerhand Strafen auf und verdammen sie zuweilen sogar zum Tode, so daß sie, obgleich unter Fürstlichkeiten lebend, die das Christenthum bekennen, doch schlimmer daran sind, als ihre Vorfahren in Aegypten unter den Pharaonen ... Da wir sie nicht gequält wissen wollen, so befehlen wir, daß ihr euch ihnen freundlich und gütig zeigt. Wo ihr ungerechte Angriffe gegen sie wahrnehmt, stellet sie ab und gebt nicht zu, daß sie in Zukunft durch solche und ähnliche Bedrückungen heimgesucht werden." Eine lange Kulturarbeit liegt zwischen damals und heute. Körperlich gemißhandelt, gefoltert, verbrannt wird heute der Jude nicht mehr; das verbieten nicht nur die Gesetze, sondern auch unsere „milderen Sitten". Aber die Grundanschauungen, die Art zu denken und zu fühlen, aus denen jene vergeblich mit dem Kirchenbann be- ') Unter allen deutschen Volksvertretern steht der Abg. Rickert seit jeher in erster Reihe, wenn es gilt, für die Rechte der Inden einzutreten. Es ist rühmlich bekannt, mit wie viel Geist und Muth, mit welcher Kraft und Entschiedenheit er diese Mission ausführt. Auch der obenstehende Aufsatz, den wir der „Nation" (Nr. 45) entnehmen, hat dieselben Vorzüge wie die parlamentarischen Reden Rickert's ausznweisen. Die Red. legten Akte verabscheuungswürdiger Rohheit entsprangen — hat auch sie die lange Kulturarbeit überwunden? Freilich — auf dem Papier, in unserer Verfassung, in unseren Gesetzen ist Alles so wohlgeordnet, wie es die „Civilisatiou", die wir erworben haben, verlangt. In allen konstitutionellen Staaten Etiropas ist die Gleichberechtigung der Konfessionen anerkannt. Man hat diesen Grundsatz sogar unter europäische Garantie gestellt. Die Mächte, welche auf dem Kongreß von 1878 den Berliner Vertrag Unterzeichneten, schrieben Bulgarien, Serbien mrd Rumänien als Bedingung für die Aufnahme unter die europäischen Staaten in den 88 34 und 35 des Vertrages ausdrücklich vor, daß wegen des religiösen Glaubens und Bekenntnisses Niemand in dem Genuß der bürgerlichen Rechte, der Ausübung der verschiedenen Berufs- und Erwerbszweige beschränkt oder von der Zulassung zu öffentlichen Diensten, Aemtern und Ehrenstellen ausgeschlossen werden solle. Derselbe Grundsatz befindet sich in der Preußischen Verfassung und in dem deutschen Gesetz vom 3. Juli 1869. Wie aber steht es bei uns mit der thatsächlichen Durchftihrung dieser gesetzlichen Bestimmungen? Werden die Juden in Wirklichkeit zu allen Aemtern lind Ehrenstellen zugelassen? Sind sie in einer der Qualifikation entsprechenden Zahl Offiziere, Richter, Verwaltungsbeamte? Nein. Aber damit nicht genug. Obwohl sie thatsächlich zurückgesctzt und von den wichtigen Aemtern ausgeschlossen werden, macht sich jetzt eine Bewegung breit, die sich offen als Ziel setzt, sogar den schon in dem preußischen Edikt vom 11. März 1812 proklamirten Grundsatz zu beseitigen, daß die Juden „für Einlünder und Staatsbürger zu achten seien". Die Antisemiten haben seit 1880 ihre Taktik geändert. Damals versuchte man durch eine in ganz Deutschland gleichmäßig in Szene gesetzte Petitionsagitation Erfolge zu erzielen. Nachdem der Petitionssturm von 1880 kläglich gescheitert war, fing man es anders an. Einzelne Bezirke wurden ausgesucht und auf diese die ganze Agitationskraft vereinigt. Man hatte es zunächst auf Posen, Oberschlesien und Hessen abgesehen. In den ersteren beiden preußischen Provinzen scheint die antisemitische Wühlerei noch kein nennenswerthes Resultat erzielt zu haben. Anders in Hessen. Hier haben es die Judenhasser verstanden, die thatsächlich in großen Kreisen vorhandene Unzufriedenheit mit den jetzigen Zuständen in ihr Fahrwasser zu leiten. Auf konservativem Boden — in Marburg — hat der Antiseinitismns im Jahre 1887 den ersten Reichstagswahlerfolg errungen; Dr. Böckel beseitigte den bisherigen Abgeordneten Dr. Grimm. Bei den Februarwahlen dieses Jahres haben die Antisemiten alsdann nicht nur Marburg behauptet, sondern noch weitere 4 Sitze in Kurhessen und Oberhessen,

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