Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 30 (8.8.1890)
- Date
- 1890-08-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 * Hamburg, 81. Juli. Der Reichstagsabgeordnete für Marburg und bekannte Antisemitenführer Dr. Böckel hielt am Sonnabend im Salon Tütge einen Vortrag, dessen Zweck die Begründung eines antisemitischen Wahlvereins in Hamburg war. Der Saal war überfüllt, mit welchen Zahlen aber die Vereinsbildnng vor sich gegangen ist, darüber hat bisher nichts verlautet. Das llrtheil, welches der protestantische Pastor Lieget im „Hamb. Fremdenblatt" über diese Versammlung fällt, schließt mit folgenden Sähen: „In Summa, einer der unerquicklichsten Abende war der gestrige. Alle Vernunft, alle Bildung wurde mit Füßen getreten, das Mittelalter herbeigesehnt, und ue'ben der Behauptung: wir wollen die Inden nicht angreifen, sondern die Christen vor ihnen schützen, fortgesetzt eine donnernde Brandrede gegen die Inden gehalten. Möge uns ein gütiges Schicksal vor der Fortsetzung solcher hofpredigerlicher Versammlungen bewahren!" * Karlsruhe, 8. August. Vor der Strafkammer des Landgerichts zu Waldshnt gelangte zum zweiten Male eine Angelegenheit zur Verhandlung, welche für alle -Konfessionen von Bedeutung ist. Hatte man bisher allgemein angenommen, daß eine Unterbrechung des Gottesdienstes unter allen Umständen eure strafbare Handlung sei, so befindet das Erkenntniß der Waldshuter Strafkammer eine wesentlich andere Anschauung. Es handelt sich um folgendes Vorkommniß. Der Bürgermeister von Neuenweg hatte während einer Predigt, in welcher der Geistliche von der Kanzel herunter scharf loszog, mehrmals „Nutze!" gerufen, war dann aufgestanden und hatte die Kirche verlassen, gefolgt von noch anderen Kirchenbesuchern. In Folge dieses Vorganges wurde gegen ben Urheber Klage wegen Störung des Gottesdienstes erhoben ttub der Bürgermeister von der Strafkammer zu Freiburg wegen groben Unfugs zu sechs Tagen Gefängniß vernrtheilt. Der Verurtheilte legte Berufung gegen dieses llrtheil ein, und die Angelegenheit kam vor das Reichsgericht. Letzteres hob das Freiburger Erkenntniß auf und verwies den Fall zur nochmaligen Verhandlung vor das Landgericht zu Waldshut, welches den angetlagten Bürgermeister freisprach, indem es von der Annahme ausging, daß der betreffende Geistliche in seiner Predigt zu weit gegangen und sogar persönlich geworden sei. * Karlsruhe, 1. Angnst. Der zweite Jahresbericht des Landes- Vereins znr Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogthnm Baden ist anläßlich der Generalversammlung, welche am UZ. Juli in Offenvurg stattgefnnden hat, ausgegeben worden. Der Verein war im vergangenen Jahre zum ersten Mal in der Lage, eine Anzahl Waisen in Fürsorge nehmen zu können, itttb hatte demgemäß die Aufgabe, geeignete ehrenhafte uub religiöse Familien ausfindig zu machen, denen die Erziehung der Kinder mit Zuversicht übevlaffeu werden tonnte. Dank der befriedigenden Organisation der Bezirksausschüsse konnte eine den nächsten Bedarf weit übersteigende Anzahl solcher Familien namhaft gemacht werden. Für die in ben einzelnen Orten untergebrachten Kinder wurden sodann in denselben oder in einer Nachbargemeinde Fürsorger bestellt, welche die befriedigende Verpflegung und Erziehung der Waisen überwachen, die für sie erforderlichen weiteren Anschaffungen besorgen und auch für deren llebertritt ans der nmnittelbaxeit Versorgung des Vereins in eine selbständige Thütigkeit die uöthigen Maßregeln ergreifen sollen. Von 23 Waisen, für welche Gesuche Vorlagen, sind 17 in Pflege genommen worden. -- Indem wir dem Verein in seinen Bestrebungen besten Erfolg wünschen, können wir uns bei Durchsichk des Kassenberichts die Bemerkung doch nicht versagen, daß der Betrag von 928 Akk. für Verpflegung von 14 Waisen während dreier Monate ein sehr hoher scheint. Es macht dies monatlich über 22 Mk. pro Kopf aus, welche Summe die von den Kommunen, sowie auch von den jüdischen Gemeinden für Waisenpflege in der Regel gezahlten Kostgelder weit überschreitet. O <Üies;err, im August. Tie Leser dieser Blätter erinnern sich vielleicht meines Konfliktes mit dem Oberst des Infanterie-Regiments 316 dahier, betreffs des F a h n e n e i d e s d e r j ü d i sch enRekritt e n, und daß ich auf meine Berufung an das Divifionskommando in Tarmstadt die Antwort erhalten, das Verfahren des Oberst sei „einwandfrei"; und auf die weitere Berufung an das Armee-Kommando in Cassel, „die Vereidigung der jüdischen Rekruten an dem dazu bestimmten Orte des Kasernenhofs enthalte keine Zurücksetzung derselben." Mit diesen beiden Bescheiden mich nicht zufrieden gebend, rekurrirte ich an das Kriegsministerium in Berlin, blieb aber darauf ohne Antwort. Da griff ich beuu zum letzten Mittel, einer Jmmediatvorstellung an Se. Majestät den Kaiser, worauf mir nnterm 4. Juli folgende Antwort vom Kriegsministerium zuging : „Ew. Wohlgeboren Jmmediatvorstellung vom 1. Mai d. I., betreffend die Vereidigung der Soldaten mosaischen Glaubens, ist auf Allerhöchsten Befehl dem Kriegsministerium zur Prüfung und Erledigung zugesertigt worden. Nachdem eine eingehende Prüfung stattgefnnden hat, wird Ihnen ergebenst mitgetheilt, daß bei der Vereidigung der jüdischen Rekruten des 2. Großherzoglich Hessischen Infanterie-Regiments (Großherzog) Nr. 116 in der vom Regimentskouunandeur angeordneten Weise „ein Verstoß gegen die bestehenden. Bestimmungen nicht vorliegt", daher keine Veranlassung genommen werden kann, eine Abänderung des bei dem genannten Regimente beobachteten Verfahrens auzuordnen. Die an Se. Excellenz den Herrn Kriegsminister unterm 19. März d. I., sowie an beffeu Herrn Amtsvorgänger gerichtete und von demselben hierher abgegebene Vorstellung vom 6. Mürz d. I., welche denselben Gegenstand betreffen, finden hierdurch gleichfalls ihre Erledigung." Ist auch hiermit endgiltig zu llngnnsten der Sache entschieden, so hoffe ich doch, daß meine Eingaben nach manchen anderen Seiten hin vielleicht nicht ganz ohne gute Wirkung bleiben werden. Rabbiner Dr. Levi. (Oesterreich - Ungarn. * Klanserrhnvg, 2. August. In der hiesigen orth.-Israel. Gemeinde herrschen skandalöse Zustände. Ein Theil der Gemeinde-Mitglieder ist unk dem Gemeinde-Präses Boskovies in Widerspruch gerathen. Diese Partei ist damit unzufrieden, daß unter der Verwaltung des gegenwürtigen Präses seit Neujahr die lausenden Schulden der Gemeinde aus 3500 fl. gewachsen sind; sie mißbilligt, daß der Präses verschiedene kostspielige Investitionen angeordnet hat, und ist auch mit anderen, auf das interne Genwindeleben bezüglichen Verfügungen des Präses nicht einverstanden. Diese malkontenten Mitglieder wollten für verflossenen Sonntag eine Generalversammlung zur Besprechung dieser llebelstände einberufen lassen. Allein der Präses Boskovies weigerte sich, dies zu thun. Die Abgewiesenen wandten sich nun an den Viee Prüses Fünicher, und dieser ließ die Generalversammlung einberufeu. Die Gemeinde-Mitglieder versammelten sich denn auch am Sonntag sehr zahlreich im Tempelhose. Präsident Boskovies nahm die Assistenz der Polizei in Anspruch, um die Generalversammlung zu verhindern. Die Organe der Polizei erschienen denn auch und wehrten den Mitgliedern den Eintritt in den Tempel, was eine große Unzufriedenheit hervorrief, die sich in sehr stürmischen Szenen Luft machte. Endliw begaben sich 150 Mitglieder in den Sitzungssaal und unterschrieben ein Mißtrauensvotum gegen den Präsidenten. Nach einem anderen Berichte soll Präsident Boskovies den Vize-Prasidenten Fünicher von seinen! Amte suspendirt haben. Was die Schulden der Gemeinde betrifft, jo behauptet Boskovies, daß dieselben mit Wissen und Willen des Gemeinde Ausschusses gemacht wurden. Großbritannien. * London, 25. Juli. Delegirte der jüdischen Gemeinden Londons und der englischen Provinzen traten gestern Abend unter dem Vorsitze Lord Rothschilds zu einer Konferenz zusammen, deren Hauptzweck die Wahl eines n e u e it Ob errabb i ner s an Stelle des jüngst der storbenen Dr. Nathan Adler ist. Die Oberrabbinatsgeschüfte Verwalter gegenwärtig interilnistifch Dr. Hermann Adler, der Sohn des verstorbenen Oberrabbiners, imb es unterliegt fast keinem Zweifel, daß Genannter schließlich zum Oberrabbiner gewühlt werden wird, weil er als die geeignetste Persönlichkeit für den Posten angesehen wird. Die Verhandlungen endeten mit dem einstimmigen Beschlüsse, daß der Präsident der vereinigten Synagogen, Lord Rothschild, ersucht werden solle, die uöthigen Schritte für die Wahl eines Oberrabbiners zu er greifen. Gleichzeitig winde beschlossen, es für wünschenswertst zu erklären, daß der Oberrabbiner seinen Wohnsitz iit der City von London habe Rumänien. g> Bottilscharr, 4. August. In einigen Monaten feiert die israelitische Schule in Bo 1 tuschan das 25jährige Jubiläum ihres Bestehens. Karlm irgend ein anderes ähnliches Institut hat so viele Stürme zu überstehen gehabt und eine so unvergleichliche Widerstandskraft entwickelt, lind dies verdankt die Schule der klugen, umsichtigen Leitung ihres hochverdienten Direktors, des als hebräischer Gelehrter rühmlichst bekannten Hillel Kahane. Vor 25 Jahren, als noch in Bottuschan der religiöse Fanatismus in vollster Blüthe stand ititb Bildung und Wissen kaum hier und da schüchterne Keime zu treiben begannen, da war es He gelanc füllen. denkbc halten Jeder die B: hebräi zwisch« junger Fürst reise r freund Anton aus. niußte die S< Peixol drohte leistete Verhä Friede Treffli Bukar lober, Spätst und tc geister lelbft tiefem stricher der S1 F. 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