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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-08 · Heft 30 (8.8.1890) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 30 (8.8.1890)
Date
1890-08-08
Page
Seite 399 (sequence 7)
Language
German
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399 Maiinonides in seinem Buche „More Nebuchim", I. Abschnitt, 61, sogt darüber: „Es soll dir nicht der Wahnsinn der Amuletenschreiber in den Sinn kommen, was du von ihnen hörst oder in ihren Schriften findest, von Name», welche sie aus verschiedenen Buchstaben zusaminensctzen, die in der That nicht das Geringste bedeuten; sie nennen sie „Gottesnanteu" und meinen, daß dieselben besonders heilig gehalten werden müssen, der Reinheit bedürfen und Wunder wirken. Es steint keinem Gebildeten, dergleichen Worte zu hören, viel weniger an sie zu glauben." An einer anderen Stelle lehrt er (More I, 32): ..Als böse und thörichte Menschen dergleichen Stellen über die Gottes- »amen fanden, verbreiteten sie die Lüge, daß sie beliebige Buchstaben verbinden und so von denselben Gottesnamen bilden können, welche auf gewiffe Art geschrieben und ausgesprochen, Wunder wirken. Lolche Lügen, welche die Narren erdichtet haben, wurden niedergcschrieben, von Unwissenden gelesen und als Wahrheiten beherzigt. : Kurz eilt Thor glaubt Alles!" Ein anderer Rabbi, Jehuda Halevi! (im 12. Jahrhundert), klagt in seiner Schrift „Kusari" 4, 23: „Man j wendet sich den Nichtigkeiten der Astrologie, den Beschwörungen, j dem Aberglauben der Amuleten und anderen widernatürlichen Exi perimenten zu, ohne zu bedenken, daß dieselben von der Thora j verworfen werden." Nur die Mystiker machten hiervon eine Aus- »ahme; sie erlaubten Amulete und machten selbst von ihnen Gebrauch. Do erzählt Salonion ben Adereth (im 13. Jahrhundert), daß Nachmanides ein Amulet mit dem Bildnitz eines Löwen trug (Responsen 107. Wien.) II. Gebrauch und Berwcndung. Der Gebrauch von Amuleten zum Schuhe gegen böses Auge, Dämonen, Krankheiten u. A. in. auch bei den Juden ivar eine traurige 1 Hatsache, die gegen das Gesetz, das jede Art von Aberglauben streng verbietet, gar arg verstieß. Der Amuletenglauben wurzelte so tief auch in dem Bolksglauben der Juden, daß seine Vernichtung unausführbar war und die erleuchteten Lehrer des Judcnthnms sich zunächst nur mit der Umbildung resp. Schwächung desselben begnügen mußten, wie er neben den strengen Gesetzen gegen den Aberglauben geduldet werden konnte. Im talmudischen Schriftthnm daher wird der Gebrauch von Amuleten nicht verboten, aber auch nicht empfohlen, sondern nur als etwas Unabweisbares im Volke geduldet. Die einzige Bedingung dabei war, derselbe durfte nichts Heidnisches an sich haben, wie;. B. Zaubersprllchc u. A. nt. So lautet darüber ein Ausspruch des Gcsetzlehrers R. Akiba (im 2. Jahrhundert): „Wer Bannsprüche über eine Wunde zli deren Heilung flüstert, hat keinen Antheil an der zukünftigen Welt." Diesem fügt Maiinonides (im 12. Jahrhundert) hinzu: „Alle, die dieses thun, gehören zu den Leugnern der Thora, da sie die Worte der Thora, die zur Heilung der Seele bestimmt sind, zur Heilung des Leibes mißbrauchen." Nichtsdestoweniger erlaubte er, in gefahrvollen Krankheiten zur Beruhigung des Kranken, damit, wie er sich ausdrückt, sein Sinn nicht zerrüttet werde, davon Gebrauch zu machen. Viel ausführlicher läßt sich darüber der schon oben genannte Salomo ben Adereth (im 13. Jahrhundert) in seinen Responsen aus. „Ich befinde mich dabei, schreibt er, in großer Verlegenheit, da die Amulete nach manchen Stellen im Gesetz als abergläubisches Werk verboten, aber nach manchen doch zugelasscn werden können. Vor Allen untersuche man, ob sic von wirklichem Erfolg waren. Maimonides meint, daß dergleichen Werke eitel Lug und Trug sind, weshalb sie die Schrift auch verboten hat, dagegen behaupten Andere, sie seien von Einfluß, aber die Schrift will durch deren Verbot, daß wir uns Gott mit unbedingtem Vertrauen zuivenden. Die Philosophen endlich bestreiten Alles, was dem Natnrgange entgegen ist, so stellen sie auch die biblischen Wunder in Abrede. Ich suche den Ausgang wie mit Lichtern und vermag ihn nicht zu finden, aber ich glaube: Kuren, die mit Beschwörungen und Anrnfnngen von Geistern verbnnden sind, sind verboten, dagegen halte ich Kuren, die einen natürlichen Zusammenhang zwischen dem Heilmittel und der Krankheit zeigen, nicht nur gestattet, sondern man soll mit dem Hinblick ans Gott, der allein Genesung sendet, sich ihrer bedienen. Sympathische Kuren sind, so sich der Erfolg derselben mehrere Mal gezeigt hat, nicht verboten, da sich vielleicht in ihnen ein innerer uns nicht bekannter Zusammenhang findet." Im talmudischen Schriftthum finden wir darüber: „So Jemand sagt: Nimm von dem, was man für die Götzen räuchert, oder hole dir von der Aschera und mache davon ein Amulet, und du wirst geheilt, nimm nicht, denn man darf sich nicht von Sachen des Götzenwesens heilen lassen." In diesem Ansspruche wird das Erlaubtsein des Gebrauchs von Amuleten, wenn dieselben nichts Heidnisches haben, vorausgesetzt. So wird das Tragen von Amuleten als etwas Gewöhnliches ohne Anstoß in der Mischna und der Gcmara erwähnt, und darüber verhandelt, auf welche Weise dasselbe am Sabbath erlaubt sei. Man unterscheidet in Bezug darauf bewährte Amulete von den noch nicht bewährten. Ein bewährtes Amulet war dasjenige, welches sich dreimal heilbringend bezeigt hat, das entweder an einer Person dreimal oder an drei Personen einmal mit Nutzen angewendet wurde. Auch die Aussage eines Arztes über die heilsame dreimalige Anwendung des Amnlets genügte. Die Arten von Amuleten haben wir bereits angegeben, es wird hier nur noch hinzugefügt, daß dieselben in eigens hierzu angefertigte Kapseln gelegt und als Schmuck um den Hals oder an anderen Körpertheilen getragen wurden. Das Leder oder Pergament, ans welches die Bibelsprüche geschrieben wurden, war bald ivcich, bald hart. Auch in ausgehöhlten Stöcken hatte man Amulete. Weiter wurde ein Amulet mit seinen Bibelsprüchen nicht vollständig gleich andern heiligen Schriftstücken gehalten; man durfte Amulete bei Fcucrsbrünstcn am Sabbath nicht retten, aber sie mußten, wenn sic unbrauchbar wurden, vergraben werden. Fragt man nach der Zeit und den Personen der Einführung von Aniuleten, so scheint es nicht ungewiß, wenn wir auf die Essüer Hinweisen und dieselben als die Männer bezeichnen, welche das Amuletenwesen einführten. Dieselben ivaren wegen ihrer sympathischen Kuren und ihres Verständnisses von Heilkräften der verschiedenen Kräuter und Steine bekannt. Bei den Juden in den babylonischen Ländern mag auch viel der Parsismus hierzu beigetragen haben. Die Kabbalisten verliehen der Anfertigung und dem Gebrauch von Amuleten die weiteste Ausdehnung, die stark von der einfachen Weise in der talmudischen abweichcn; es hing dies mit ihrer Art zusammeu, Gottes¬ und Engelnaincn durch Umstellung und Zusammensetzung ihrer Buchstaben neu zu bilden und zu erweitern. Dieselben haben für uns weniger Interesse und werden deshalb hier nicht weiter berührt. In den Midraschim wird das Amulet in seiner angeblichen schützenden heilsamen Kraft als Bild der Heilsamkeit der Thora für deren Bekenner und der Tugendwcrkc der Väter für deren Kinder ausgestellt. Ferner wurde ein aufgefundencS Kind mit einem Amulet nicht als Findling angesehen. U Die Entstellung einer jüdischen Gemeinde. Von A. Warschauer. (Schluß.) Schon der im Vertrage mit den Juden vorkomnieude Satz: „Die Ehristen, wenn sie sich auf den Ort ansetzen wollen, so sollen ihnen die Häuser, welche die Juden besitzen, weder gegeben noch verkauft werden . . . indem selbige die erste Besitzung haben und ihnen allererst die Gerechtigkeit gegeben" zeigt, daß die Juden zwar früher angesiedelt worden, aber gleich damals schon an die Heranziehung

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