Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 30 (8.8.1890)
- Date
- 1890-08-08
- Page
- Seite 397 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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397 „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" u. daran, daß sie hebräischen Ursprunges sind? Noch Eines! Die hebräische Sprache führt bei uns den Namen loscliaun hakaudesch, die heilige Sprache, und sie verdient diesen Namen nicht nur als Gebetsprache, sondern auch als die Sprache, in der die heiligen Urkunden unserer Religion abgcfaßt sind. Aber ihr heiliger Charakter würde weit mehr gewahrt tvorden sein, wenn sie nicht so allgemein gelehrt worden wäre. So drang eine Fülle hebräischer Ausdrücke in die Umgangssprache des Juden, namentlich Schimpfwörter werden noch heute mit Vorliebe dem Hebräischen entnommen, ja sogar die internationale Gaunersprache weist etliche Worte hebräischen Ursprungs auf; das trägt doch wahrlich nicht dazu bei, die Heiligkeit der hebräischen Sprache zu erhöhen! Gegen das Erlernen des Hebräischen als Sprache habe ich nichts cinzuwcnden. Möge Jeder, den das Herz dazu drängt, diese altehrwürdige Sprache sich zu eigen machen, möge er an der hochklassischen Litteratur der alten Israeliten sich erheben und erbauen. Aber aus der Religionsschule möge man das Hebräische ausscheiden; Rcligionslehre ist nicht Sprachwissenschaft, dieser scheinbar so selbstverständliche Satz ist es, den ich zu beweisen gesucht habe. Was ich hier sage lind fordere, ist ja nichts Neues; selten mag es nur Vorkommen, das; die Forderung von einem Rabbiner gestellt wird, noch dazu von einem, der keineswegs auf der äußersten Linken steht. Es geschah dies nicht, um nicdcrzureißen, sondern um nufzubaucn; um das zu ermöglichen, ivas unbedingt nothwendig ist, soll das Judenthum bestehen, — eine gründlichere Kenntnis; der Religion. U Napoleon I. und die Juden. In der langen Tragödie der jüdischen Geschichte seit der Einnahme Jerusalems durch den Sohn des römischen Kaisers Vespasian offenbaren sich nur wenige Lichtblicke. Jahrhunderte ans Jahrhunderte zeigen dem Forscher eine gleiche eintönige Reihe von Verfolgungen der Jliden, wie sie der Geist der Kreuzzüge gegen dieses unglückliche Volk erregte. Nur selten und in langen Zwischenräumen hatte es einige Gönner. Die kurze Regierung des Kaisers Julian, seines Beschützers, währte nur zwanzig Monate; im goldenen Zeitalter der inohammcdanischen Wissenschaft in Mesopotamien, Egypten und Spanien erfreuten sich die Juden einer kurzen Pause SvnneuschciuS und legten für ihre Fähigkeiten und ihre Thätigkeit unter günstigen Verhältnissen gutes Zeugniß ab. Die Reformation half ihrer Lage nicht auf; erst als die geistige Bewegung des achtzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, fühlten die Jliden, daß die Dämmerlnig eines glücklicheren Tages endlich auch für sie angebrochen. Die Bewegung der Emanzipation der Juden, welche während der letzten hundert Jahre das öffentliche Leben jeder zivilisirten Nation charakterisitc, liefert allein ein gutes Geschichtsmatcrial. Diese Bewegluig hat sich in keinem Staate rascher und stärker kundgcgcbcn als in Frankreich. Vor der französischen Revolution von 1789, mit Ausschlliß der rheinischen, ursprünglich deutschen Provinzen waren Bordeaux und Bayonne die einzigen Städte, wo sich die Judeil mit behördlicher Erlaubniß niederlassen konnten. Der große Fiuanzmann, den der letzte Napoleon mit so großem Eelnt in seinen StaatSrath berief, war ein Jude. Es ist bekannt, daß seit 1831 der französische Staat den Rabbinern Gehalte und ben jüdischen Gemeinden für Erhaltung der Schulen und Synagogen Gelder angewiesen hat. Die merkwürdigste Episode in der Geschichte der Judcn- Emanzipation, nicht allein in Frankreich, sondern in der zivilisirten Welt ist die Deputirten - Versammlung lind das „Sanhedrin", das in Paris 1800 und im darauffolgenden Jahre abgehalteu wurde. Der Kaiser Napoleon erließ um 30. Mai 1800 eine Proklamation, durch welche eine Versainmlnug von jüdischen Notabeln aus Frankreich und Italien berufen wurde. Die Deputirten sollten 110 an Zahl sein, und aus den Rabbinern und anderen gebildeten und cinsiußreichcn Klassen gewählt werden. Für die erste Versammlung war der 20. Juli bestimmt — ein Sabbathtag; der Minister des Innern, auf sein Verfahren aufmerksam gemacht, verlegte dann die Versammlung nufdcn nächsten Tag. Ein Versammlungsort und eine Ehrenwache wurde den Deputirten augclvicsen nild unter militärischem Geleite verfügten sich diese nach der BerathungShalle. Abraham Furtado, ein gelehrter Portugiese, lvurde zlim Präsidenten bestimmt. Sofort nach ihrer Konstituirung entwarf die Versammlung eine Dailkadresse an den Kaiser. Am zweiten Versammlungstagc traten die drei kaiserlichen Kommissare in den Saal und übergaben ein Verzeichnis; von zwölf Fragen. Diese Fragen und deren Beantwortung haben einen geschichtlichen Werth. Tenn einzig bei dieser Gelegenheit lvurde das Judenthmn feierlich und förmlich aufgcfordert, voll und offen seine wirklichen und vermeintlichen bürgerlichen Eigeuthümlichkeitcu vor der ganzen Christenheit darznlcgen, lind ein Vertreter der Christenheit hat zugleich ben erklärten Grundsätzen des Judcnthlnns ausdrückliche Billigung zligesprochen. Der Verlauf der Versammlung ist in französischer und deutscher Sprache dargclcgt, lind wir entnehmen den Berichten die nachstehende vollständlge Reihe der Fragen und Antworten. Frage: Dürfen die Juden mehrere Weiber heirathen? — A n twort: Tic Juden, der allgemeinen Sitte in Europa folgend, dürfen nur ein Weib haben. Sv besteht das Gesetz seit der Synode von Worms unter Rabbiner Gerschon (1030), obgleich Moses die Polygamie nicht verbietet. Nach der babylonischen Gefangenschaft kam die Polygamie außer Gebrauch. Selbst zu Zeiten der Viellveiberei wurde die Anzahl von vier Weibern, zwei freien und zwei Sklavinnen, selten überschritten. Das war auch die von Mohammed angeordnete Beschränkung. Frage: Erlauben die jüdischen Gesetze die Ehescheidung? Ist die Scheidung giltig ohne richterliche Entscheidung und ohne Bcj achtung der regelmäßigen Formen des französischen legalen Rechts-! ganges? — Antwort: Ehescheidung ist gestattet, aber die Juden i erkennen in Zivilsachen überall ihr Laudesgesctz au, und deshalb j lassen sie keine Scheidung als giltig zu, ohne die Sanktion richtcr- : lichen Beschlusses, wo dies durch das Gesetz vorgeschrieben ist. i Frage: Dürfen Juden Wechselhcirathen mit Christen cingchen,! oder können sie nur unter sich heirathen? — Antwort: Tie Ber- | Mischung mit Christen wird durch unser Gesetz nicht verworfen. Das j alte Gesetz gegen Heirath mit Fremden bezieht sich lediglich auf die Heiden. Die bis jetzt bestandenen Hindernisse gegen gemischte Ehen : zlvischen Juden und Christen liege» hauptsächlich in den religiösen j Cercmonien in Bezug auf den Ritus, worüber die christliche Geistlichj feit und die Rabbiner verschiedenen Cilanbcns sind. Eine Heirath,! ohne Mitlvirkung des Rabbiners vollzogen, wird von den Rabbinern! als giltig erachtet, und der jüdische Thcil der Ehcschlicßcnden wird > dann immer noch als ein Mitglied der jüdischen Gemeinde angesehen, j Frage: Werden die Franzosen von den Juden als Fremde! oder als Landsleute betrachtet? — Antwort: Die Juden in Frankreich betrachten die Franzosen nur als Landsleute und Brüder. Moses hat Wohlwollen und Wohlthätigkcit gegen Fremde vorgeschricben; umsomehr müssen Juden von brüderlichem Gefühl gegen diejenigen beseelt sein, die mit ihnen in gleichem Lande leben, die gleichen Gesetze und die gleiche Erziehung genießen, deren Humanität > sie überdies die Vortheile hoher Kultur verdanken.