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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-08 · Heft 30 (8.8.1890) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 30 (8.8.1890)
Date
1890-08-08
Page
Seite 396 (sequence 4)
Language
German
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396 wird! So viel Zeit steht dem Hebräischen nicht im Entferntesten zn Gebote, es ist daher nur natürlich, das; der Erfolg ausbleibt. In der That sind cs zumeist mangelhafte hebräische Kenntnisse, über die geklagt wird, wenn von ungenügenden religiösen Kenntnissen die Rede ist. Aber selbstverständlich muß auch der andere Religionsunterricht unter dem Vorwiegen des Hebräischen leiden. Würde man nur die Hülste der Zeit, die aufs Hebräische verwendet wird, ans Rcligionslehre, biblische und nachbiblische Geschichte und Bibellesen verwenden, so würde das Wissen in diesen Fächern nicht so lückenhaft sein, wie cs jetzt in der That ist, und die Fälle würden weit seltener Vorkommen, das; jüdische Schüler sich vor ihren christlichen Lehrern durch mangelhafte Beantwortung religiöser Fragen blauriren. Dazu kommt noch ein anderer Umstand. Es wird gewiß von Bielen bemerkt worden sein, das; sonst fleißige und lernbegierige Schiller gerade am Religionsunterricht mit Unlust theilnehmcn. Man schiebe nicht die alleinige Schuld auf die Eltern, die den Kindern keine Liebe zur Religion beibringen. Die Kinder sind ärgerlich darüber, das; sie mehr als ihre christlichen Mitschüler lernen sollen. Würde nur das von ihnen gefordert, was sie, auch wenn sie Ehristen wäre», zu leisten Hütten, so würde schon die größere Lernlust mit zum günstigen Erfolge beitragen. Und muß nicht die Abneigung gegen den Religionsunterricht nothwendiger Weise zur Abneigung gegen die Religion führen? Der jüdische Schüler empfindet ohnehin mit Bitterkeit manche Zurücksetzung und Beschwerde, die er seiner Religion znschrcibt. Tie Last, die der hebräische Unterricht ihn; aufcrlegt, ivird kaum dazu beitragen, die Liebe zum Judenthum zu vergrößern. Drei Bedenken sind cs also, die gegen den hebräischen Unterricht geltend gemacht werden können. Zeit und Blühe, die auf ihn verwendet lvcrden, sind verloren, weil ein nennenswerther Erfolg nicht zu erzielen ist, er beeinträchtigt den übrigen Religionsunterricht, er gefährdet sogar die Liebe zur Religion. Dem gegenüber werden für die Nothwendigkeit desselben gleichfalls drei Gründe angegeben: Unsere Gebetsprache ist überwiegend die hebräische, und wer am Gottesdienste theilnchmen will, muß daher des Hebräischen mächtig sein. Zur gründlichen Kenntnis; der Religion ist es ferner nöthig, auf die Quelle derselben, die Bibel zurückzugehcn, und eine Ucbersctzuug gicbt niemals vollständig den Geist der Sprache wieder. Endlich ist unsere Religion eine nationale, die hebräische Sprache ist die ehemalige Muttersprache des israelitischen Volkes und uni deffentwillen verdient sic von nns gelernt 31t werden. Gehen wir aus die beiden ersten Gründe etwas näher ein! Am einleuchtendsten ist tvohl der erste derselben. „Ein Gebet ohne Andacht ist lvie ein Körper ohne Seele." Wie kann man aber andächtig beten, wenn man nicht versteht, was man betet? Entivcder also müßte die hebräische Sprache als Gebetsprachc aus der Synagoge schwinden, oder der Jude muß in den Stand gesetzt werden, Hebräisch mit Andacht und Berständniß zu beten. Tie Abschaffung der hebräischen als Gebetsprachc ist eine alte Forderung der Reform, eben deshalb aber wollen wir sie außer Acht lassen, denn „religiöse Tifferenzpuntte" wollen wir nicht entscheiden, mir haben cs nur mit einer Frage des Religionsunterrichtes zu thun. Wir haben daher nur zu fragen, ob nicht trotz Beibehaltung der hebräischen Gebetsprache ein Auslassen des hebräischen Sprachunterrichtes in der RcligionSschule möglich sei. Tie Antwort auf diese Frage giebt uns ein Blick auf die katholische Kirche. Die Gebetsprache in der katholischen Kirche ist die lateinische, wie in der Synagoge die hebräische. Ter katholische Gottesdienst erfreut sich einer Theilnahme, wie er dem jüdischen nur zu ivünschen wäre, gleichwohl denkt dort kein Mensch daran, daß die Kinder, um den Gottesdienst zu verstehen, Latein lernen sollen. Tie katholische Kirche gilt doch wahrlich nicht als neuerungssüchtig, und was sie ihren Gläubigen zugestanden, kann das Jndenthmn seinen Bekcnnern auch zugestehen, ohne den Untergang ZU fürchten, hat es ja auch bereits zugestanden. Daß cs gestattet ist, in jeder Sprache zu beten, steht ausdrücklich im Schulchan Aruch, und es ist zu verwundern, daß diejenigen, welche auf jedes Wort des Schulchan Aruch schwören, von dieser Erlaubnis; nichts wissen wollen. Doch unter Laien sogar ist die Ansicht verbreitet, daß das Beten in hebräischer Sprache, auch wenn man dieselbe nicht verstehe, gottgefälliger sei als das Beten in einer andern Sprache! Diese Ansicht widerspricht nicht nur der gesunden Vernunft, sondern auch dem Religionsgesetz, trotzdem wird sie von orthodoxen Rabbinen nicht bekämpft. Ueberhaupt machte sich die alte Schule sehr wenig Sorge um das Verständnis; der Gebete. Wir lernten in unserer Kindheit Bibel und Kommentatoren, namentlich Raschi, aber niemals Gebete übersetzen, die leichteren Gebetstücke verstanden wir allerdings in Folge unserer hebräischen Kenntnisse, Piutim und Selichot aber beteten wir mit weit mehr Eifer als Vcrstündniß. Ten Frauen hat man schon seit Jahrzehnten deutsche Gebetbücher, sogen. Techinas, in die Hand gegeben, und es wird Niemand behaupten wollen, das; die Frauen deshalb jemals weniger Sinn für die Religion gehabt hätten als die Männer, — im Gegentheil. Man sieht also, das; um des Verständnisses der Gebete willen unsere Religionsschulen keineswegs mit dem Ballast des hebräischen Sprachunterrichtes beschwert zu werden brauchten. Gehen wir nein zum zweiten Punkt über. Da muß zunächst darauf aufmerksam gemacht werden, das; nicht die Bibel allein, sondern auch der Talmud Quelle unserer Religion sei. Wer also behauptet, das; neben der sogen, systematischen Religionslchre auch auf die Quellen der Religion zurückgcgangen werden müsse, der wird folgerichtig auch das Studium des Talmuds verlangen müssen. Aber wenn tvir auch gern die Nothwendigkeit der Bibelkenntniß zugestehen, so sehen wir doch nicht ein, warum diese Kenntniß nicht aus Uebcrsetzungcn zu erlangen sein sollte. Da kommt man mit dem bekannten an und siir sich unbestreitbaren Grundsätze, daß die Übersetzung niemals vollständig den Geist des ttrtexes wiederzugeben vermöge. Aber was geht das uns an? Unsere Kinder sollen doch nicht die Bibel als poetisches Kunstwerk lesen, um einen ästhetischen Genuß davon zu haben, sondern sie sollen mit dem Inhalt der Religion bekannt gemacht werden, und dazu ist die Muttersprache vollständig genügend. Ucbrigens haben die Kinder in dem Alter, in dem sie das meiste Hebräisch lernen, noch gar kein Verständnis; für die Feinheiten und den Geist einer Sprache. Außerdem sollen die Worte der Lehre dem Kinde nicht nur bekannt sein, sic sollen auch den möglichst größten Eindruck auf das Geinüth Hervorbringen. Niemals aber wird das Wort der fremden Sprache den gleichen Eindruck auf das Gemüth Hervorbringen, wie das der Muttersprache; denn in dieser denkt das Kind. Das Wort der Muttersprache steht daher mit dem Begriffe in unmittelbarer Verbindung, das der fremden erst in mittelbarer. Daher pflegt man ja auch für Ausdrücke, die in der Muttersprache aus irgend einem Grunde das Ohr verletzen würden, Fremdlvörter zu wählen, weil das Fremdwort nicht so stark wirkt. Man lasse sich da nicht irre führen. Wenn Jemand in seiner Jugend sehr viel Hebräisch, wenn er sogar mehr oder früher Hebräisch als Deutsch gelernt hat; tvcnn er gewisse Sätze der Bibel nie anders als in hebräischer Sprache ausgesprochen, die deutsche Uebersetzung ihm nicht mundgerecht ist: dann ist es kein Wunder, wenn der hebräische Urtext mit Vorliebe von ihm citirt wird. Daß die deutsche Uebersetzung auf denjenigen, der nichts Anderes kennt, einen vollständig genügenden Eindruck hcrvorbringt, beweisen die vielen Bibelsprüche, die als Sprüchwörter ins deutsche Volk eingcdrungen sind. Wer denkt bei Sprüchen wie: „Hochmuth kommt vordem Falle" oder

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