Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 30 (8.8.1890)
- Date
- 1890-08-08
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
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Welche Entsagung und Selbstverleugnung bedingt die gewissenhafte Führung eines solchen mühsamen, ja aufreibenden Amtes! Und doch sind dies noch immerhin, wenigstens für die Gemeinden, erträgliche Zustände. Wie aber steht es da, wo solche kleine Gemeinden isolirt, keine Gerneinden in der Nachbarschaft haben, mit deren Hilfe sie ihren Kindern den Religionsunterricht zu sichern vermögen? Wahrlich, da ist ein geistiger Nothstand, der dringend nach Abhilfe ruft. Und es ist nicht etwa ein Phantasiegemülde, das ich dem Leser hier vor die Seele stelle, nein, es sind thatsächliche Zustände, von denen ich hier spreche. Es befindet sich in meinem Bezirke gegenwärtig eine Gemeinde, deren Glieder in drei benachbarten Orten zerstreut und deren Kinder, augenblicklich fünf an der Zahl, ohne irgend welchen Religionsunterricht anfwachsen, weil die Gemeinde, selbst bei äußerster Anspannung ihrer Kräfte, keinen Lehrer zu besolden vermag, da sie, selbst wenn sie das Zwiefache der Staatssteuer, also 200 Prozent derselben, erheben würde, doch nur 150 bis 200 Mark aufzllbringen im Stande wäre, während ein Lehrer mindestens einen jährlichen Kostenaufwand von 600—700 Mark verursachen würde. Wer soll da helfen? Die Regierung? Sie hat keine Fonds hierzu. Die Gesammtheit der jüdischen Kultnsgemeinden des ehemaligen Herzogthums Nassau? Sie besitzt zwar eine Central-Kultuskasse, aus der gemeinschaftliche Bedürfnisse befriedigt werden. Aber sie ist an das Gesetz gebtinden und darf für Zwecke, die außerhalb der gesetzlich bestimmten Aufgaben liegen, keine Mittel verwenden. Der Deutsch-israelitische Gemeindebund? Wohl wäre er unzweifelhaft bereit, eine Beihilfe aus seinen für solche Zwecke bestimmten Mitteln zu gewähren, aber kann er bei seinen im Ganzen bescheidenen Mitteln eine ausreichende Unterstützung zur Verfügung stellen, oder könnte man sie auch nur billiger Weise beanspruchen? Und doch ist die Hebung und Beseitigung solchen Nothstandes eine heilige, unerläßliche Pflicht der Gesammtheit, an die das Interesse derselben unauflöslich geknüpft ist. Denn aus einer ohne allen Religionsunterricht erwachsenden Jugend ersteht uns der Am-ha-arez in der traurigsten Gestalt, der paganus, der Heide. Auf solche Schäden legt der Antisemitismus hohnlächelnd die Hand, zeiht Juden und Judenthum der Irreligiosität, des Unglaubens, weist auf den Schaden hin, den solche Glieder des Staates der Gesammtheit bereiten und ruft e'.nphatisch aus: So träufeln die Juden das Gift des Unglaubens und der Jrreligiösitüt dem nationalen Körper ein. Da bedarf es dringend der Abhilfe. Wohl fehlt es uns in Israel nicht an warmen Herzen, wenn es der Linderung der materiellen Noth gilt, die in faß- und greifbarer Gestalt vor uns tritt. Wie bereitwillig öffnen sich da die spendenden Hände! Aber schwer ist es dagegen, sehr schwer, die Herzen unserer Glaubensgenoffen zn erwärmen für die Hebung und Linderung geistiger Noth in unserer Mitte. Wie gern würde ich, da Mißstände wie die dargelegten unzweifelhaft in vielen jüdischen Kreisen bestehen, zur Gründung eines Vereins einladen, ähnlich dem in der evangelischen Kirche bestehenden Gustav-Adolf-Verein, denn wie dieser sich der in der Diaspora befindlichen Glaubensgenossen liebreich annimmt, um ihnen in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten hilfreich zur Seite zu stehen, so sollte ein in unserer Mitte zu gründender Verein sich die gleiche Aufgabe setzen, insbesondere aber da, wo die Mittel nicht vorhanden, der Jugend den Religionsunterricht, diese unabweislichste Mitgabe für's Leben, diese unerläßlichste Grundlage und Voraussetzung für ein echt jüdisches Sein, sichern. Wie aber? Besteht nicht schon eine Institution für diesen Zweig frommer Liebesthätigkeit in dem R e -! ligionsunterrichts- (Talmud-Thora-) Verein, der durch den i Deutsch-israelitischen Gemeindebund im Jahre 1882 begründet worden ist, und der sich gerade die Unterstützung der wenig leistungsfähigen > Gemeinden zu dem bezeichneten Zwecke zur Aufgabe setzt? Stärken; und kräftigen wir diesen Verein, damit er eine immer gesegnetere! Wirksamkeit entfalten könne; bekämpfen wir mit Hilfe dieses Vereines i Israels gefährlichsten Gegner, den inneren Feind — die religiöse Unj wissenheit. Möchte aber auch diesein Vereine ein edler Gönner und : Freund erstehen, wie ihn die Gemeinden des Orients in dem groß-! herzigen Baron Hirsch gewonnen haben. Denn wahrlich, auch wir i bedürfen der helfenden und rettenden Hände, können ihrer gleichfalls i nicht entrathen. Segen aber über den, der hier das erlösende Wort j spräche, die befreiende That uns brächte! : ■ U i! NeligionDlehre und Sprachwissenschaft/) j Von Dr. S. Flaschner, Rabbiner in Bernburg.! Die Frage nach dem besten israelitischen Religionsunterrichte ist in unsrer Zeit eine wahrhaft brennende geworden. Der Umstand, daß so viel über denselben gesprochen und geschrieben wird, beweist genügend, daß wir es hier mit einem wunden Punkt in unserem i religiösen Leben zu thnn haben. In der That läßt sich nicht leugnen, daß unsere Heranwachsende Jugend mit ungenügenden religiösen I Kenntnissen versehen ins Leben tritt. Als Ursache dieser traurigen i Erscheinung wird häufig die Ueberbürdung der Kinder in andern; Unterrichtsfächern angeführt. Aber die christlichen Schüler haben! ja dasselbe zu leisten und genießen gleichwohl einen genügenden! religiösen Unterricht. j Wir dürfen auch der religiösen Gleichgiltigkeit der Eltern nicht alle Schuld beimessen. Die Eltern wünschen allerdings nicht, daß ihre Kinder überbürdet werden, und da sie von andern Lehrgegenstünden nichts abhandeln können, so soll die Religionslehre zurücktreten. Anderseits aber wünschen die Eltern, die ihre Kinder am Religionsunterricht theilnehmen lassen, auch, daß dieselben dort etwas lernen. Sind vielleicht die israelitischen Lehrer weniger als die christlichen im Stande, den Unterricht zu einem erfolgreichen zu machen? Daran ist nicht zti denken, denn der israelitische Religionsunterricht ivird selbst an Gymnasien von Rabbinern oder pädagogisch gebildeten Lehrern ertheilt, während der christliche von akademisch gebildeten Gymnasiallehrern besorgt wird, denen man allzu großes pädagogisches Können gerade nicht nachrühmt. Doch wozu lange herumrathen, da ja der große Unterschied j zwischen dem israelitischen und christlichen Religionsunterricht allj bekannt ist. Während der letztere ans dem Katechismus, der biblischen Geschichte und allenfalls etwas Bibel besteht, kommt bei ersterer die hebräische Sprache dazu, welche in den meisten Religionsschnlen als die Hauptsache angesehen wird. Wer da weiß, was es heißt, einem Kinde eine fremde Sprache beizubringen, wird die Schwierigkeit ermessen. Wie viel Zeit und Mühe wird in Gymnasien ans Latein und Griechisch verwendet, ehe ein bemerkbarer Erfolg erzielt ') Wir möchten diesen interessanten Artikel unfern Lesern nicht vorenthalten, obwohl wir keineswegs mit allen Ausführungen unseres geschätzten Mitarbeiters übereinstimmen. D. Red.