Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 29 (1.8.1890)
- Date
- 1890-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Den Hauptgegenstand der Berathlmgen bildete die Umformung der Satzungen, 'damit sie kein Hinderniß für das Erlangen der Körperschaftsrechte bilden. Wenn Gott seinen Segen weiter giebt, wird dieser Waisenverein, der dem Handwerkerverein viele Zöglinge zuführen soll, nicht allein Einzelnen zum Heile, sondern auch ein tüchtiges Rüstzeug werden, das zum Wohle der Gesammtheit Viele führt den geraden Weg zu treuer Lebensarbeit. * Bautzen, 26. Juli. Der evangelische Prediger Welan zu Schleife hatte in einer in Bautzen erscheinenden wendischen Zeitung einen Artikel gegen den dem jüdischen Glauben ungehörigen Reichstagständidaten der freisinnigen Partei veröffentlicht. Nachdem der Herr Pastor in den heftigsten Schmähungen gegen das Judenthum im Allgemeinen unter besonderer Exemplifizirung auf Frankreich, Oesterreich- Ungarn, Serbien sich ergangen und u. A. den Wählern zugerufen: .Kennst Du das Volk, welches sich überall Zwischen die andern Völker mengt und steckt, wie das Unkraut in den Weizen, kennst Du das Sprichwort: Schlau wie ein Jude? Bedenke, wie er mit List, Wucher u. s. w. die Christen nach Möglichkeit aussaugt, wie die Spinne die fliege u. s. w.", schloß er mit den Worten: „Hier bei den Wählen handelt es sich darum: soll sich unser Land von rechtschaffenen Christen oder von selbstsüchtigen Juden vertreten lassen? Es ist nicht anders; wer mit seiner Abstimmung dem Judenthum zum Siege an der Christenheit verhilft, ist ein rechter Judas und Verräther des Vaterlandes, der hat den Glauben verleugnet und „ist schlimmer als ein Heide". Die von dem angegriffenen freisinnigen Reichstagskandidaten erhobene Beleidigungsklage wurde abgewiesen. Das Gericht erkannte zwar an, daß die Gegenüberstellung „selbstsüchtiger Jude" und „ehrbarer Christ" geeignet ist, die Ehre des Betroffenen zu verletzen, billigte aber dem Angeklagten den Schutz des § 193 (Wahrnehmung berechtigter Interessen) zu. Ein Kommentar ist überflüssig. * Würzbrrrg, 25. Juli. Ein jüdischer S tu den t, G., „Salier", hatte ein Renkontre mit einem anderen Studenten. G. schickte Letzterem 'einen Kartellträger. Dieser fand den Gesuchten nicht zu Hause, wohl aber einen Brief, der für den Kartellträger bestimmt war. In dem Briefe lagein antisemitisches Flugblatt und ein zerfetzter Zettel, -mf dem Folgendes zu lesen war: „Da ich erfahren, daß Herr G. Jude i't, und ich. der deutsch-sozialen Partei angehörig, Antisemit bin, so gebe ich Herrn G. keine Satisfaktion. Mit jedem ebenbürtigen (!) Christen iverde ich fechten, zum Zeichen, daß ich kein Kneifer bin." Darauf hin ohrfeigte G. den Antisemiten im Beisein einer ganzen Anzahl Studenten, vnd als dieser mit dem Stock zuschlagen wollte, riß ein „Salier" ihm denselben aus der Hand, während ein anderer „Salier" rief: „So, Du Lausbub, Du Kneifer, jetzt haben wir unsere Satisfaktion; jetzt zeig' uns an, wenn Du Lust hast." Der Deutsch-Soziale befolgte den Rath, b>. wurde auf zwei Semester, der zweite Salier auf etit Semester wlegirt, der Denunziant erhielt dieselbe Strafe „wegen Störung des Friedens unter der Studentenschaft durch antisemitische Bestrebungen, die auf der Hochschule durchaus nicht aufkommen dürfen." Oesterreich-Ungarn. K Wien, 25. Juli. Im Alter von 75 Jahren ist am 21. d. M. der ehemalige Ra b b i n e r D r. M o r i z D u s ch a k gestorben. Duschak einer der bedeutendsten Gelehrten und fruchtbarsten theologischen Schriftsteller, ist zu Triesch in Mähren geboren. Er wirkte viele Jahre als Seelsorger zuerst in Aussee und Gaya, wo er als einer der ersten in Mähren die deutsche Predigt einführte, dann in Krakau. Seit er sich vom Amte zurückzog, lebte er in Wien. Dr. Duschak war auch von hervorragenden allgemeinem Wissen und ein bedeutender Kanzelredner. Als Fachschriftsteller hat er sich durch zahlreiche Monographien über einzelne Gebiete des Talmud Namen gemacht. Von seinen Schriften sind besonders bekannt geworden: „Die Entstehung und Vollendung der Septuaginta." „Mai- Deror. Josephus Flavins und die Tradition" (Wien 1864). „Das mosaisch - talmudische Eherecht, mit besonderer Rücksicht auf die bürgerlichen Gesetze" (Wien 1864). „Brecher Gedeon. Eine biographische Skizze" (Proßnitz 1865). „Geschichte und Darstellung des jüdischen Kultus" (Mannheim 1866). „Das mosaisch-talmudische Strafrecht. Ein Beitrag zur historischen Rechtswissenschaft" (Wien 1869). „Zur Botanik des Talmud" (Pest 1871). „Schulgefehgebung und Methodik der alten Israeliten" (Wien 1872). „Die biblisch-talmudische Glaubenslehre, historisch dargestellt" (Wien 1873). „Die Moral der Evangelien und des Talmud" (Brünn 1878). „Ilmriß des biblisch - talmudischen Shnagogenrechtes mit Rücksicht auf die jetzige Stellung der österreichischen Juden" (Olmütz 1853). „Jeruschulajim Habnujah. Mischna - Kommentar" (Krakau 1880). Das Leichenbegängniß fand am Mittwoch Vormittag um halb 10 Uhr auf dem Central-Friedhofe statt. Herr Rabbiner Pollak hielt dem Heimgegangenen Gelehrten eine würdige Denkrede. * Prag, 22. Juli. Die hiesige Burschenschaft „Carolin a" hat nun mehr offiziell beschlossen, keine Juden aufzunehmen, nachdem sie seit sechs Semestern thatsüchlich keinen mehr ausgenommen hatte. In Folge dieses Beschlusses ist eine größere Zahl älter Herren aus der Carolina ausgetreten. — Auf Antrag der Talmud-Thora-Kommission hat die Kuttus- Gemeinde-Repräsentanz die Inspektion des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen, der Altstädter Mädchenbürgerschule und des Müdchenlyceums dem Herrn Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, jene der Bürger-, Volks- und Privatschnleu sowie des ezechischen Gymnasiums dem Oberrabbiner-Stellvertreter Herrn Dr. Tauber übertragen. -- Die Familie des Oberrabbiners Rappoport sel. And. hat sich bereit erklärt, sein gelungenes Porträt der israelitischen Gemeinde-Repräsentanz zur Verfügung zu stellen. Dieselbe hat beschlossen, das Bild dankend anzunehmen und ihm im israelitischen Gemeindehause einen würdigen Platz anzuweisen. Großbritannien. * London, 17. Juli. Der Lord-Mayor Sir Henry Jsaacs empfing heute Nachmittag die Mitglieder und Delegirten der Friedens¬ und Schiedsgerichtsgesellschaften, welche die Woche hindurch in der Westminster Stadthalle getagt hatten. Nach der Vorstellung der Delegirten j begab sich die Gesellschaft in die ägyptische Halle, wo der Lord-Mayor! die Friedensfreunde willkommen hieß. Bemerkenswerth in der Rede i des City-Magnaten war seine mit großem Nachdruck abgegebene Erklärung, daß er st o lz darauf sei, der jü d isch en Religion anzugehören; er zog einen Vergleich mit Rußland, wo Juden und nicht-orthodoxe Christen ihres Glaubens wegen verfolgt werden, während in England Juden und Christen friedlich neben einander wirken. Die Rede wurde mit lautem Beifall ausgenommen. Rußland.! d. Petersburg, 29. Juli. In der Redaktion der „Nowosti" ist! die Photographie eines zwölfjährigen Judenknaben ausgestellt, dem Dr. Granowski in Bjelostock, weil der Junge über seinen Gartenzaun guckte, ein Brandmal mit Lapis aufdrückte. Verschiedenen Stellen des entsetzlich verunstalteten Gesichts ist in russischer, deutscher und hebräischer Schrift das Wort „Dieb" eingebrannt. Die gerichtliche - Verfolgung des unmenschlichen Aesculaps ist eingeleitet. „Nowosti" weist j mit Recht darauf hin, daß die gerichtliche Vernrtheilung des Schuldigen j wenig nützen wird, wenn ein Theil der.öffentlichen Meinung, obenan j der „Grashdanin", beständig zu solcher Verhöhnung der Juden anreizt.! Der „Grashdanin", so schreibt die Nowosti, „hetzt in Mohtlew" —- das Blatt hat die neulich gemeldete judenfeindliche Rede des dortigen Adelsmarschalls im Auge — „und in Bjelostock wird bereits gehandelt." Gegen die Cirkulare des Gouverneurs von Mohilew und des Stadthauptmanns in Odessa protestirt auch die „Peterburgskija Wjedomosti" als gegen eine Verletzung der bestehenden Gesetze. * Odessa, 24. Juli. Wie weit die religiöse Intoleranz und der Judenhaß in Rußland gehen, das zeigt am besten die nachstehende Verfügung des Gouverneurs von Odessa: „Viele geehrte Bürger der Stadt Odessa wandten sich oft mit der Bitte an mich um Einschränkung der um sich greifenden Frechheit der Juden bei der Ansammlung des Publikums, besonders aber während des Einnehmens der Plätze auf den Waggons der bei der Stadt gelegenen Eisenbahnen. Laut Angabe der Bittsteller drängen sich die jüdischen jungen Leute stürmisch in die Waggons, anstatt den Leuten von vorgerücktem Alter, oder solchen, welche Uniform tragen, die auf deren hohe Stellung Hinweisen, Achtung zu bezeugen, und beachten dabei die Regeln der Höflichkeit und des Anstandes nicht, ja erlauben sich sogar, die anderen Reisenden wörtlich und thätlich zu beleidigen, so daß diese genöthigt sind, den Frechen nachzugeben, da sie in solchem Falle nicht über die jüdische Dreistigkeit ver-