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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-01 · Heft 29 (1.8.1890) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 29 (1.8.1890)
Date
1890-08-01
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 fügen. — Ein solches Betragen der Juden, welches infolge des von ihnen hervorgernfenen Gedränges und wegen des kurzen Aufenthaltes der Waggons gewöhnlich ungestraft bleibt, ruft einen Haß gegen die jüdische Bevölkerung hervor und kann leicht Veranlassung zu Gewaltthätigkeiten gegen Person und Gigenthnm der Inden geben. Infolge dessen und mif Grundlage des am 3. Mai 1882 Allerhöchst bestätigten Reglements des Minister-Komitees erkläre ich hiermit, zur Warnung und um Veranlassungen zu ähnlichen Unordnungen abzuwenden, daß jeder Jude, welcher sich solcher Rnhestörnngen an Orten, wo Ansammlungen des Publikums stattflnden, oder an den Einsteigestellen der die Stadt berührenden Eisenbahnen, oder überhaupt der Unehrbietigkeit oder Beleidignng gegen irgend Jemand schuldig macht, sofort einer strengen Bestrafung iit der administrativen Weise unterworfen wird, welche gegen die der öffentlichen Ruhe schädlichen Leute angewandt wird. Zugleich ersuche ich den Herrn Odessaer Polizeimeister, Anordnung zu treffen, daß an den öffentlichen Orten, wo Inden in größerer Masse sich versammeln, die polizeiliche Aufsicht verstärkt werde, und mir über jeden einzelnen Inden, der bei den oben geschilderten Unordnungen betroffen wird, sofort zu berichten. Der Odessaer Stadt - Gouverneur Kontre- Admiral Selenoi, den 5. Juli 1890. Türkei. Zl Korrstaritirropel, 15. Juli. Der Ehacham- Baschi (Oberrnbbinerder Türkei hatte kürzlich die Ehre einer Audienz beim Sultan. Der Sultan unterhielt sich aufs Leutseligste mit dem greisen Rabbi uttb richtete an ihn über Zahl und Einrichtung der jüdischen Gemeinden in den verschiedenen Landestheilen viele Fragen. Auch auf den Antisemitismus brachte der Monarch das Gespräch unb sagte bei dieser Gelegenheit wörtlich: „Ich verabscheue diese Bewegung, und ich bin überzengt, daß für Niemand etwas Gutes daraus erwachsen kann." Das angesehenste Organ der Hauptstadt, die „Turquio“, verbürgt sich für den Wortlaut dieser Aeußerung. d Non Kali und Fern. Sein 50 jähriges Doktor-Jubiläum feierte in diesen Tagen wie uns ans Teplih berichtet wird, der S an i tä ts rath D r. E 0. Friedb erg-Berlin, welcher seit zwanzig Jahren regelmäßig zur stur in Teplitz weilt. -- Der israelitische Religionsverein der Oranienburger Vorstadt (Ohel Jizchak.) versendet ein Rundschreiben, durch welches er um Beiträge zum Bau einer neuen Synagoge aitf dem Grundstück Ehausseestraße 42 anffordert. - Vmi der Achtung des „Hofpredigerorgans" vor den Maßnahmen der R eichsregie c un g giebt die nachfolgende Anfrage, welche das „Volt" veröffentlicht, beredtes Zengniß: „Ist einer der vielen Leser des „Volk" in der Lage, folgende Fragen zu beantworten: 1. Ob Emin Pascha, der bekanntlich seit Februar in deutschen Reichsdienst getreten ist, von der Regierung mit Emin Pascha oder mit seinem richtigen Rainen Isaak Schnitzer angeredet wird? 2. Ob derselbe inzwischen seinen muhamedauischen Glauben abgeschworen hat und wieder Ehrist geworden ist, oder ob er seinen ursprünglischen jüdischen Glauben wieder angenommen hat?" — Alls Bad Reinerz schreibt man uns unter dem 24. Juli: Es sind 25 Jahre her, daß unser erster Badearzt Herr Dr. I. Berg, Schwager des unvergeßlichen Klinikers Ludwig Traube, sein Amt hier angetreten hat. Seine Patienten haben es sich nicht nehmen lassen, ihm durch Ueberreichung eines prachtvollen Pokales und einer unendlichen Blumenfülle, sowie durch ein Ständchen ihre Anerkennung seiner so überaus segens- und erfolgreichen Thätigkeit auszudrücken. — Tie antisemitische Partei in Leipzig hat ein täglicherscheinendes Blatt getauft. Da ohnehin schon in Leipzig hinreichende antisemitische Litteratnr erscheint, so wird die antisemitische Bewegung in Sachsen immer höhere Wellen schlagen. — In Bietigheim (Württemberg) nuuv'ii am vorgestrigen Markttag an den Häusern der frequentesten Straßen a n t i s e m i t i s ch e H e tz s ch r i f t e n („Was kosten uns die Inden" u. s. w.) angeschlagen. Wie die „Reckarztg." erführt, will der Reichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenberg demnächst in Bietigheim eine Hetzrede halten. — Auch aus Müllheim in Baden j wird gemeldet, daß Liebermann von Sonnenberg die dortige Gegend! nächstens beglücken will. — Der Herzog von Anhalt hat eine! Erinnerungs-Medaille für die Theilnahme an der Enthüllung des Mendelssohns-Denkmals prägen lassen. - Am 29. Juni fand in Herzogenbusch (Holland) die Jahres-Versammlung des Bezirkkomitees der Alliance der Niederlande statt. Eine große Anzahl Delegirter des Lokalkomitees und viele Mitglieder wohnten der Versammlung bei. Dr. B. E. Ascher, Advokat zu Amsterdam, sprach beredte Worte zu Gunsten des Werkes der Alliance. — In seiner Wuth über die Mißerfolge der Antisemiten in Ungarn erklärt das Wiener „Vaterland", die Magyaren seien die Nachkommen des Chazarenvolkes, welches einst in Südrußland zum Judenthum übergetreten. Die Südungarn werden als Abkömmlinge der aus der Türkei vertriebenen „Sabbatianer" hingestellt. — Gelegentlich des zehnten d entschen Bundesschießens in Berlin hatten die österreichischungarischen Schützengilden die wichtige Frage zu erörtern, ob es angängig UV ,1 jüdische Schützenbrüder als Depukirte nach Berlin zu entsenden. Die Gilden von Wien, Preßburg und Pest erklärten sich dagegen, allerdings ohne Glück. — Wie einige Blätter melden, wird der Präses des Kultusvorstandes von Budapest, Reichsrathsabgeordneter M o r i rz Wahrmann, in das Magnaten- (Ober-) Haus berufen werden. Bekanntlich sitzen schon zwei Juden im Oberhause, der Augenarzt Dr. Hirschler und der Großhändler Schwarz. — In Frankreich sind beim jüngsten Nationalfest sieben Israeliten mit dem Orden der Ehrenlegion bedacht worden. — Am 24. Juni starb in Paris plötzlich Herr Jakob Deich er, ein russischer Glaubensgenosse, welcher sich dorthin begeben hatte, um die Hilfe der Alliance für die russische Einwanderung in Palästina anzurnfen. — Zn Ehren des Bildhauers Osiris, eines Glaubensgenossen, welcher das Denkmal der „Jungfrau vo n O r lea n s" in Nancy hergestellt hat, ist von der israelitischen Gemeinde Nancy ein Festgottesdienst veranstaltet worden. — Das an ti semitische Hetzblatt „Le Lillois“ in Lille ist wegen Aufreizung zum Klassenhaß in zwei Fällen zu je 200 Frcs. Strafe verurtheil! worden. Der Staatsanwalt, welcher aus eigener Initiative Anklage erhoben hatte, sagte in seinem Plaidoyer: „Vergessen wir nicht, daß die Juden ausgezeichnete Franzosen sind, mit uns ihr Blut auf den Schlachtfeldern vergossen haben, dem Handel und der Industrie einen großen Aufschwung geben und ihre Steuern pünktlich zahlen!" Der Präsident richtete nach dem Urtheilssprnche folgende Worte an den Angeklagten: „Nehmen Sie sich fernerhin in Acht! Wenn Sie Ihre verleumderischen Artikel gegen ehrbare Bürger fortsetzen, so wird das Gericht sich das nächste Mal sehr streng erweisen. Seien Sie also gewarnt!" Die jüdische Gemeinde in Wilna hat am 22. v. M., durch das Ableben des Rabbi Joseph Sakowitz einen sehr schmerzlichen Verlust erlitten. Fast die gesammke Wilnaer Judenheit betheiligte sich aut Leichenzuge. — Der neue Tempel der sephardischen Gemeinde in Bukarest, der sich seit zwei Jahren im Bau befindet, wird aut kommenden Rosch-Haschonoh eingeweiht werden. — Die Errichtung einer jüdisch-theologisch-philosophischen Fakultät in Bukarest seitens der dortigen Fortschrittspartei steht in naher Aussicht. Die nöthigen Geldmittel sind gesichert, und die Genehmigung der Negierung nachgesucht worden. — Der Sohn des jud en feindlichen Ministers Bratiano befindet sich, wie gemeldet wird, in Wien, um dort zur jüdischen Religion überzutreten! Die Ursache soll eine belle .juive sein. — Zur Zeit des Besuchs Sr. Hoheit des Fürsten Ferdinand von Bulgarien in Tatar Bazardjik betheiligte sich die israelitische Mädchenschule bei seinem Empfang. Se. Hoheit sandte der Frau Carmona, der Schulvorsteherin, als Zeichen seiner Befriedigung eine Brillantenbroche in Begleitung eines sehr gnädigen Briefes. — In Athen versuchte unlängst ein Anonymus, einen Auszug aus einer antisemitischen Schandschrift, welche die allbekannten Verleumdungen gegen die Juden reproduzirte, zu verbreiten. Die Presse, die Geistlichkeit und die theologische Fakultät traten begeistert für die Ehrenrettung der Juden auf, und der klägliche Versuch mußte, wie zu erwarten war. eben so kläglich scheitern. — Die chinesische Regierung hat in ihren Diensten einen österreichischen Juden, Namens Sigmund Rofenbauni. Derselbe ist ein Oberbeamter und zugleich der Verfasser eines Inder zil Dr. F. Porter-Smith's Materia medica von China. Herr Rosenbaum beabsichtigt, nach einer 23 jährigen Abwesenheit sein Vaterland zu besuchen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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