Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 29 (1.8.1890)
- Date
- 1890-08-01
- Page
- Seite 391 (sequence 11)
- Language
- German
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Oberhalb der Handwurzel legte die Hebräerin um ihre beiden Arme jenen ringförmigen Schmuck aus Gold- oder Silberdraht. Nicht selten trug sie mehrere solcher Armbänder bis zum Ellbogen. — An der eingefügten Spange schwebten bald klirrende Kettchen nieder, bald runde Perlen mit den schönfarbigsten, glänzendsten Edelsteinen auf Schnüren gereiht, bald bildete ein funkelndes Geschmeide oder eine köstliche Perlenschnur, in einfacher und mehrfacher Zahl, den Armschmuck, bald wechselten schwere goldene Ringe mit schöngewundenen Kettchen und prächtig blinkenden Schnüren in der buntesten Mannigfaltigkeit mit einander ab, ja zuweilen schmiegte sich noch, vorzüglich um den rechten Oberarm, ein breiter Ring von Gold oder Silber, oder eine prachtvolle Schnur — mit einem Worte: laut comme cliez nous. Daß der Prophet den Frauen seines Volkes das Tragen der Schleier vorhült, ist seltsam; konnte und können doch die Frauen im Orient noch heute nicht ohne solche Schleier ausgehen. Freilich mag auch hier der Luxus viel übertrieben haben. Der Schleier war eine Verhüllung aus feinerem oder gröberem Stoff, den die Frau über den Kopf warf und auf die Schultern zurückschlug, wenn sie unvermuthet überrascht ward, oder ein bedenkliches Geräusch die Nähe von Männern verrieth und deshalb die äußerste Vorsicht empfahl. In diesem florartigen Schleier, von dem ein Shell längs den Schläfen niederrollte, während der andere über dem Scheitel zurückgeschlagen war und deren beide Zipfel mittelst Spangen oder Ringen verbunden waren, gingen die vornehmen Frauen auf die Straße, eilte die schmachtende Sulamith des Hohenliedes dem Geliebten ihres Herzens entgegen. Was nun die Kopfbunde anbetrifft, so nennt uns der oben genannte Anton Theodor Hartmann drei Arten von Kopfputz aus jener Zeit. Entweder barg man die kreisförmig verschlungenen oder geflochtenen oder auch zierlich gekräuselten und gebrannten Haare in eine Haube aus feiner Wolle oder aus zarter Baumwolle, die mit purpurfarbigen Blumen durchwirkt sein mochte, oder man setzte auf den Kopf eine Mütze in Gestalt einer weiten, runden Halbkugel, wie wir deren noch jetzt auf altägyptischen Denkmälern finden, rund uin den Kopf gelegt und hinten mit einer Binde befestigt. Besonders vornehme Frauen aber legten einen sogenannten Kopfbund oder Sulbend, etwa in Gestalt eines aufgeblühten Blumenkelches, an, und gegen diese künstliche Pracht, die vielfach übertrieben wurde, richtet sich wohl hauptsächlich der Zorn des Propheten. Vom Kopf geht es wieder zu den Füßen, denn die Schritttettchen, von denen wir nichts Näheres wissen, werden auch nichts weiter gewesen sein, als feinere Fußbänder. Besser sind wir über die Gürtel unterrichtet, welche über das Gewand in den vielfachsten Schlingungen gewunden wurden, und durch welche das Kleid erst seinen rechten Glanz erhielt. Ein solcher Gürtel bestand aus einer 3—4 Zoll breiten Binde aus dem feinsten und kostbarsten Stoff, oder aus der zartesten Baumwolle gewebt; in der Verzierung des Gürtels entfalteten die Frauen damals vor den erstaunten Blicken der Männer den höchsten Grad von verschwenderischer Pracht. Daß eine solche elegante Hebräerin ihr „Riechfläschchen" auf dein Toilettentische stehen hatte, ist begreiflich, aber, — und das ist auch wieder ganz modern geworden — sie trugen ihre Riechbüchschen auch an dem Halskettchen, tief in den Busen hinein, oder bis an den Gürtel hinab. Diese Riechbüchschen waren aus Silber oder Gold gearbeitet und oft mit dm kostbarsten Edelsteinen eingefaßt, hier und da mochte auch ein glänzend weißes Onyxflüschchen dessen Stelle vertreten. Welche Parfüms in diesen Fläschchen enthalten waren, wissen wir nicht, da uns der Prophet darüber im Unklaren läßt. Die gelehrten Alterthumsforscher wissen aber von den Wohlgerüchen, welche Nardenöl, Myrtenbalsam oder Rosenwasscr verbreiteten, vielerlei zu erzählen. Und auch „Amulette" trugen sie, die schönen Frauen von Jerusalem, denn sie waren abergläubisch, wie alle Orientalinnen. Wie die Halbmonde, so stammten auch die Amulette, meist in Form goldener Schlangen, aus der dunklen Quelle dieses Aberglaubens, welche die Kinder der Wüste als Schutzmittel gegen Dämöncn lind böse Geister, gegen Gefahren und Krankheiteil noch heute tragen. Die Fingerringe, eine Hauptzicrdc der Frauen, heute wie damals, funkelten meist am niittleren lind kleinen Finger der rechten Hand; sie bestanden aus Chrysolith, Rubinen oder Smaragden, und häufig waren Figuren, Charaktere oder Denksprüchc darin cingegraben. Bis hierher ist der Schmuck der Frauen jener Tage wenig von dein unsrigen unterschieden; nur die amnnthige Gewohnheit der Nasenriugc hat die mvdernc Zeit noch ilicht geerbt, eine ziemlich geschmacklose Gewohnheit, die aber im Alterthume sehr verbreitet war, und die von allen denen, welche uns den Putztisch der Asiatinnen schildern, namentlich aufgeführt wird. Der äußere Knorpel am linken, zuweilen auch am rechten Nasenloch, der z» diesem Zwecke durchbohrt ivorden, war mit einem solchen Ringe verziert, der etwa den Umfang der Ohrringe hatte und zuweilen sich bis über den Mund erstreckte. Nachdem uns der Prophet vom Schmucke der Frauen erzählt, schildert er uns die Kleidung derselben, nämlich die „Festkleider lind die Obergewänder, die Mäntel, die Täschchen, die Florgewänder und die Prachthemdchen, die Turbane und die Hauptschleier." Das war also die Kleidung der alten Hebräerin. Die Obergewänder waren von weitem Umfang, sodaß sie nicht nur den Körper gänzlich verhüllten, sondern auch zu anderen Zwecken, als Decken, Teppiche, ja selbst als Betttücher benutzt werden konnten; in weiten Falten verhüllten sie den Körper. Sie bestanden bei den vornehmen Frauen aus den feinsten wollenen Zeugen, meist in schneeweißer Farbe schillernd, und nur in den Tagen der Trauer wurden sie mit schwarzen Gelvündern vertauscht. Ueber dem Oberkleide floß in malerischen Falten ein Prunkkleid bis auf die Fußspitze herab, das wie gewebter Wind die ganze Gestalt umspielte und in durchsichtiger Klarheit von reinem Silberglanzc strahlte, meist aus kostbarer ägyptischer Leinewand oder aus feingesponnener phönizischer Baumwolle oder aus bemaltem indischen Kattun, bei besonders vornehmen Frauen aus gewebten Purpurfädeu. Um diese Gewänder trugen die Hebräerinnen wie auch die Griechinnen einen Halbmantcl von zarter Baumwolle, der über den beiden Schultern mit einer goldenen Spange befestigt war und im malerischen Faltcnnmrf die Reize der Gestalt nrehr zeigte als verhüllte, Am Gürtel mögen die Frauen auch wohl die kleinen Täschchen, welche, dem damaligen Stand des Kunstgewerbes entsprechend, wohl auch recht zierlich und fein gewesen, getragen haben. Ob sie in diesen Täschchen ihr Portemonnaie oder ihren Schlüsselbund verwahrten oder vielleicht ihre Liebesbriefe, — ich vermag es nicht zu sagen. Die Florgewänder und die Prachthemdchen und die Hauptschleier bedürfen ebenfalls keiner Schilderung, und auch der Turban ist uns ja von den modernen Türkinnen hinlänglich bekannt. Haben wir nun an der Hand eines großen Dichters einen Einblick in ein Tolettcnzimmer des hebräischen Alterthums gethan, so werden wir, wenn wir noch einmal all den aufgeführten Putz und Schmuck vor