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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-01 · Heft 29 (1.8.1890) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 29 (1.8.1890)
Date
1890-08-01
Page
Seite 390 (sequence 10)
Language
German
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390 Der erste Modeberichk. Von Gustav Karpeles.! '-Caü die Mvde so alt wie die Welt ist, wissen alle meine geneigten Leserinnen, aber es ist dies eine Wahrheit, die den Verächtern i der Mode gegenüber nicht oft genug hervorgehoben und geschichtlich i bewiesen werden kann. Als die erste Frau, — die biblische Eva, — ] zur Erkenntnis; ihrer selbst kam, so sagt Heinrich Heine sehr! treffend, war ihr erster Wunsch, ein neues Kleid zu besitzen. j Das ist nun seither typisch geworden für alle Evastöchter auf diesen; j Erdenrund. Tie Mvde ist das Ewigwechselndc und doch auch wiederum das Ewigbleibcndc hienieden; ihre Formen ändern sich mit jedem Tage, sie aber bleibt: dem einen Theile des Menschengeschlechtes zum Ergötze», dem andern aber zum Schrecken. Wenn ich nun heute an! dieser Stelle den ersten Modebcricht vorführe, so wird man die : Wahrheit dieser Sätze bald erkennen,, und der andere Theil der j Menschheit wird schließlich doch die Nutzlosigkeit des Kampfes gegen! die Mode einsehen. Es ist eine Art von Jubiläums-Vvrstellung, die ich hier veranstalte. Gemeinhin glaubte mau, daß die ältesten j Modeubcrichte aus dem vorigen Jahrhundert datiren, wo charaktei ristischer Weise 1758 der ..Courrier de In iiouvcuiild” in Paris und die „Mode- und Galanterie-Zeitung" in Erfurt in einem Jahre i erschienen, aber das ist ein Jrrthum. Wie die Geschichte der Mode j einen wesentlichen Theil der allgemeinen Eultur- und Sittengeschichte bildet, so erfahren wir aus dieser zugleich, wie die Sitten und Trachten und Lebens-Gewohnheiten der Völker in früheren Zeiten j gewesen sind. Kein Kapitel der Sittengeschichte aber ist interessanter . und lehrreicher als das, ivelches uns den ersten Modebericht giebt. I In miserer Zeit pflegt man schon füufuudzivanzigjährige und fünfzigi jährige Jubiläen mit großen; Aufwaude zu feiern; ein hundertjähriger j Geburtstag wird ein großes Fest. Unser erster Modebcricht aber ' feiert nun nach der genauesten chronologischen Berechnung sein 2500 jähriges Jubiläum! Den» so alt ist das grandiose Strafkapitel im Buche des hebräischen Propheten Jesaias, in welchem uns der älteste Modebericht gegeben wird. Ter Prophet Jesaias ist cttva im Jahre 750! zum ersten Male aufgetretcu. Er war her größte und genialste aller! Propheten und ein Dichter ersten Ranges in der Weltliteratur. In j ihm vereinigten sich die Milde uitb die Liebe, der Ernst und die! Strenge, die hohe Weltanschauung und die tiefe Hcrzensfrömmigkeit,! die Kühnheit und Bilderprachl, die Farbeugluth und Gcistcsfreihcit aller anderen Propheten zu einer wahrhaft klassischen Harmonie. Das Bild, das uns seine Strafredc von dem Zustande Israels unter den Königen Ahas und Hiskia enthüllen, ist ein grauenvolles: überall Verrath und Abfall, Götzendienst und Zuchtlosigkeit, Schwelgerei lind Prachtailswand, indeß der Feind schon vor den Thoren steht. Unermüdlich ruft der Prophet von seiner eiilsamen Warte aus sein Volk zur Erhebung auf; er warnt eS vor dem nahenden Verderben und vor allen Bündnissen mit den Völkern ringsumher. Und einmal ergeht sein prophetisches Strafgericht auch über die Frauen seiner Zeit. Es geschieht dies im dritten Kapitel seines großen Buches, welches zugleich als das wahrhaft charakteristische Muster einer prophetischen Strafpredigt gelten kann. Also beginnt der Prophet: Und es sprach der Herr: Darum, weil übcrmüthig sind Die Töchter Zions und einhergchen mit hohem, gerecktem Halse, Blinzelnd mit den Angen und trippelnden Schrittes Und mit ihren Fußen ein Spangengeklirr machen: So wird kahl machen der Herr die Scheitel der Töchter Zions, Und der Herr wird ihr Geschmeide wegnehmen. Und nun folgt eine Schilderung, welche uns klarer und anschaulicher als die beste Kulturgeschichte, Putz und Schmuck der Hebräerinnen jener Tage veranschaulicht. Nach dieser Schilderung ivaren ihre Nationaltrachten längst aus dem Stadium der Einfachheit und Natürlichkeit herausgetreten; ein üppiger Luxus hatte sich entfaltet: alle Stoffe der Welt, Metalle, Edelsteine, Gewürze und Farben waren auf dem Putztische der Hebräerinnen zu erblicken. Die Verbindung mit Phönizien und mit Babylon gestattete auch dem eigensinnigsten Wunsche schöner Frauen zur Pracht ihrer Bekleidung, zur Vervielfältigung ihres Genusses und zu den Neigungen einer verfeinerten Kulturwelt, ihre Berechtigung und Erfüllung. Hören wir nun, wie der Prophet uns erzählt, daß an jenem großen Tage des Gerichtes, das er verheißen, der Herr allen Schmuck und Putz der Frmlcn vernichten wird, und zwar zunächst von aller Pracht: „die Fußspangen und Stirnbänder und Halbmöndchen." Die Fußspangen oder Schenkelbünder bildeten den eigentlichen Fußschmuck der Hebräerinnen, deren regelmäßig abwechselnde, so Zusagen watschelnde Bewegung der Prophet so lebhaft tadelt. Da aber die weitbauschige, herabfließende Gewandung der Asiatinnen eine rasche Bewegung ohnehin nicht gestattet, da ferner der Modegeschmack bis auf unsere Tage einen derartigen Gang hin und wieder für schön erklärt hat, so werden wir in den Zorn des Propheten über diesen Gang noch nicht einstimmen können. Diese Fußspangen bestanden theils in einem oder zwei, ja vier Finger breiten Bändern und Ringen, die oberhalb der Knöchel den Fuß einzwängten, theils in klirrenden und klingenden Kettchen und Schellen, die in einer Nadel oder Spange, welche jenem metallenen Reifen künstlich eingefügt war, leicht beweglich herabhingen. Natürlich war hier dem Reichthum und der Laune freies. Spiel gelassen. Diese Jußbänder konnten ebenso gut mit Edelsteinen verziert sein, als mit eisernen und kupfernen Steinen. Wo aber das Vermögen nicht gestattete, goldene oder silberne Fesseln dem Fußschmuck anzufügen, begnügte sich die Verschönerungssucht jener Zeit, entweder in den ausgehöhlten Umfang der großen Ringe kleine Steine, Muscheln oder klappernden Klingtlang zu werfen, oder metallene Scheibchen, kleine kupferne Ringe und ähnlich klingende Zicrrathe dem äußeren Rande an der passendsten Stelle anzuheftcn. Von den Fußspangen geht der Prophet zu den Stirnbändern über, die gewöhnlich mit dem Schleier in Verbindung standen und meistens aus einer Perlen- oder Korallenschnur bestanden. Noch finden wir auf ägyptischen Denkmälern derartige Stirnbänder, welche meist an den Schläfen befestigt wurden oder auch tief in das Gesicht herabhingen. Was waren denn nun aber die Halbmöndchen, von denen der Prophet spricht? Hier verläßt uns unsere Wissenschaft, und selbst der gelehrte Forscher, dein wir bei dieser Schilderung folgen, Anton Theodor Hartmann, weiß in seinem gelehrten Werke: „Die Hebräerin am Putztische und als Braut", welches zu Amsterdam 1810 erschienen ist, uns nichts von diesen Halbmöndchen zu sagen. Ich vermnthe, daß es ein Halsschmuck gewesen, der in wohlberechneter, für das Auge gefälliger Auswahl in das Haar zu stecken verwendet worden sein mochte. Hören wir nun die Schilderungen des Propheten weiter: „Die Ohrgehänge, die Armbänder, die Schleier, die Kopfbunde, die Schrittkcttchcn und Gürtel, die Riechfläschchen und Amulette, die Fingerringe und Nasenringe." Da haben wir nun das Schmuckkästchen der alten Hebräerin in ziemlicher Vollständigkeit beisammen. Ohrringe trugen die Frauen in alter Zeit überall, anfänglich aus Horn und schlechtem Metall, später aus Silber und Gold. Ja, wir lesen sogar in der Bibel, daß die Männer diesen Putz der Frauen nachahmten, und der Talmud erzählt, daß schon in zartem Alter die

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