Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 29 (1.8.1890)
- Date
- 1890-08-01
- Page
- Seite 389 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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389 m Hanse Personen. 1 Laden, 5 Hausaltungen, i anderer :te Noth- : Gottesn, „um mtersagt. he gleichseise Vvn > Versuch reu, ver- Büchsen- »olkes eramkeit in hwerscnz, mdbesitzer ) er, eine den Ankern. Er mit den Wortlaut as Recht, i und sv i Poseuer Wichtigste sondern le Häuser irzer Zeit n Juden, öemeindc, nter den en Grund aus deni Von den sten durch i mäßige» Gemeinde das freie ser wurde die Baunholz aus eiten An- :r Grund - aber die :e andere» den Verleschlechter ii Kantor, Brunne» Badehaus of wurde geschlagen rer öffentlichen Wage bot der Grundherr freiwillig auf eigene Kosten an. Alle öffentlichen Gebäude waren vollkommen und für ewige Zeiten husfrei. Die Pflichten und Rechte der neu entstandenen Gemeinde dem Grundherrn gegenüber waren in ungewöhnlich mildem Sinne geordnet, man erkennt dies am besten, wenn man sie mit den Bedingungen vergleicht, unter welchen kurze Zeit nach der Ansiedelung der Juden die Deutschen", d. h. protestantische Christen deutscher Rationalität, in die Stadt ausgenommen wurden. (Schluß folgt.) U Feuilleton. Ein Täufling. Bon Dr. Josef Ruff. „Herein!" Erst ans meinen zweiten Ruf schob sich durch die nur zur Hälfte geöffnete Thür eine Figur, die mir, so eigenartig sie auch aussah, bekannt erschien; ich konnte nur den Namen nicht sofort finde». Die Figur blieb mit ängstlichem Blick sprachlos an der Thür liehen. „Was bringt Sie zu mir, Herr — Schmock!" Wahrhaftig, das war der passende Name für die Figur an meiner Thür. Ein bleiches, abgehärmtes Gesicht, tiefliegende Augen, die den Boden suchten, die aber, wenn in die Höhe gerichtet, unverkennbare .Intelligenz verriethen; eine Stimme, wie ich später empfand, der man den Hunger und das Leid nachfühlte, die aber trotzdem nicht aufgehört hatte wohltönend zu sein; dazu die kleine, unansehnliche Gestalt, die sich mit ihren Lumpen noch anständig zu orapiren suchte. Ich hatte noch kein Wort von den Lippen meines Besuchers gehört, und schon fühlte ich einen Theil seines Wehs. „Was wünschen Sie?" fragte ich so aufmunternd ich nur konnte. „Herr Doktor! ich bin krank!" Ich athmete erleichtert auf; also nur ein Patient! „Was fehlt Ihnen?" Er streckte mir seine blassen, nicht unschönen Hände entgegen. Sie waren rein gehalten, zeigten jedoch an gewissen, für den Arzt signifikanten Stellen kleine Abschürfungen. „Sie müssen solche Abschürfungen auch noch an anderen Körperitellen haben. Legen Sie doch einmal ab!" Ich wollte hierbei seinen eng zugeknöpften Rock öffnen. Entsetzt wich er zurück. „Ich habe solche Dinger da und da und da — und sie sehen überall gerade so aus wie an der Hand." Krampfhaft hielt er seinen Rock geschlossen und sah mich dabei so erbärmlich an, daß ich von einer weiteren Untersuchung abstand. Ich wollte nun die gewohnheitsgemüßen Eintragungen in mein Buch machen. „Wie heißen Sie?" Ein böser Blick entfuhr seinen Augen. „Werden Sie mich denn der Polizei anzeigen?" Ich klappte mein Buch wieder zu. Ich schrieb ein Rezept und übergab ihm's mit der Andeutung, was er zu thun habe. „Herr Doktor sind nun böse?" fragte er anscheinend tief betrübt. Ich erklärte ihm den Zweck meiner Aufzeichnungen. Das leuchtete ihm ein, und wie um sein Anfangs gehegtes Mißtrauen wieder gut zu machen, erzählte er nun Folgendes: „Ich heiße N. N., bin aus Kiew, wo ich als jüdischer Melnmcd mich ernährte. Meine Eltern sind todt, Verwandte habe ich keine, und so bin ich vor einem Jahre ohne Paß über die deutsche Grenze gekommen. Ich wollte hier irgend ein Gewerbe erlernen. So zog ich von einer Judengemeinde zur andern. Man unterstützte mich mit Kleidern, gab mir zu essen, wohl auch etwas Geld — das jedoch, was ich suchte, fand ich nicht, denn Niemand wollte einen unbekannten Paßlosen ins Hans nehmen, der jede Minute durch die Polizei ausgewiesen werden könnte. So bin ich denn znm Landstreicher geworden. Hier aber in dieser Stadt könnte ich's jetzt besser bekommen — wenn ich nur könnte." Hierbei senkte sieh seine Stimme, und die Augen suchten den Boden. „Nun, warum greifen Sie nicht zu?" Wie einen plötzlichen Entschluß fassend, fragte er plötzlich: „Sind Sie ein Christ, Herr Doktor?" „Nein, ich bin ein Jude." „In der Herberge, wo ich immer übernachte, hat mau mir versprochen, wenn ich ein Christ würde, wolle man für mich sorgen." „Nun so thun Sie's, wenn Sie's mit Ihrem Gewissen abmachen können." „Gewissen? Wenn man die Polizei aus dem Halse, oft tagelang nichts Warmes zu essen, seit Wochen kein Hemd mehr zum Wechseln hat und Einen dann auch noch eine Krankheit Nächte hindurch kein Auge schließen läßt — daun spricht das Gewissen ganz anders, als wenn man gesund und satt ist." Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren. Er mißdeutete dies und fuhr fort: „Sehen Sie, Herr Doktor — es sind noch zwei Inden auf der Herberge, die haben aber ein Extrazimmer, gehen gut gekleidet und haben ordentlich z» essen — die nehme» schon Unterricht — und die haben mehr gelernt als ich und könnten auch als Juden ihr Fortkommen finden. Der Eine ist ein Chaßid, »ud sehen Sie, er hat dieses Gedicht gemacht." Er überreichte mir ein etwa 10 Strophen langes Gedicht mit der Ueberschrift: „Zur Geburt unseres Erlösers", in hebräischer Sprache. „Der Andere soll gar ein Doktor der Rechte sein. Wenn das Gewissen eines Chaßids gegen die Taufe nichts einznwendcn hat, warum soll mein Gewissen, da ich nichts kann als Kinder tut Gebet unterrichten, nicht auch einverstanden sein." Ich wußte nichts einzuwendeu. Er schien mit meinem Stillschweigen nicht einverstanden zu sein. „Haben Sie Eltern, Herr Doktor?" „Ja wohl, Vater und Mutter noch!" „Nun, sehen Sie, Herr Doktor, deshalb kann ich mich nicht j taufen lassen." j „Ihre Eltern sind ja doch todt." „Ja, aber ich kann ja dann am Jahrzeit kein Kadisch für sie I sagen, und es ist sonst Niemand da, der dies thut." Dieses qualvolle Ringen eines einfältigen, aber nicht schlechten Gemüthes mit den Mahnungen seiner kindlichen Pietät und der ans; seinen Leib einstürmenden Noth bedrückte mich tief, und ich entließ ihn mit dem armseligen Scherflein, das meine Verhältnisse ihm zu! bieten gestatteten. Ob er übergetretcn? Ich weiß es nicht. Wenn aber die Sprache s seines Gewissens verstummt ist, am Tage des Kadisch wird sie laut : zu ihm sprechen, und zur Folter wird ihm, was uns Juden eine Quelle unversiegbarer Freuden ist — das Andenken an Vater und Mutter! U f i i