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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-01 · Heft 29 (1.8.1890) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 29 (1.8.1890)
Date
1890-08-01
Page
Seite 387 (sequence 7)
Language
German
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Mit Recht konnten diese der Republik vorstellen, welchen Nutzen sie dem Staate brachten, wissen wir doch sowohl aus dem Zeugnisse des deutschen Reisenden Niclas Nicolai als aus dem des venezianischen Fürsten Soranzo '), daß die aus Spanien vertriebenen Juden in allen Handwerken, besonders aber in der Waffenfabrikation wie in allen Kriegsartikeln die vorzüglichsten Arbeiter lieferten. Ihre Vorstellungen waren vergebens, es war wieder einmal in den Sternen geschrieben, daß die unglücklichen Nachkommen der spanischen Exulanten von Neuem wandern sollten. Das Gewitter gegen sie zog in ganz Italien sich zusammen; der Schwefelgeruch lag bereits in der Luft, das Grollen und Beben kündigte sich an, das wenige Jahre später zu den Lavaausbrüchen des vulkanisch gehässigen Paul IV. führte. Tie Republik hatte lange den Einflüsterungen der geistlichen Macht ividerstanden und ihre kaufmännische Politik über die eingebildeten Interessen der katholischen Religion gestellt. Endlich aber mußte auch üe nachgeben, denn eine Reihe von Umständen wirkte zusammen, um das Schicksal der Marranen zu beschließen. Die jüdische Gemeinde in Venedig scheint selber sie mit scheelen Augen angesehen und zu ihrer Entfernung aus der Stadt beigetragen zu haben. Es waren gefährliche Konkurrenten, in denen der christliche Brodneid gern Juden, der jüdische Christen erblickte. Wie die Gemeinde Rom nach Aben Verga's Bericht den Papst anrief, die flüchtigen Marranen ja nicht mich Rom aufzunehmen, wodurch sie freilich die gegentheilige Wirkung hervorriefen, so stellten sich die jüdischen Stammbewohner Venedigs auf die Seite der Feinde der Marranen. Von den Juden im Ghetto wurde kein Schaden befürchtet, aber diese getauften und doch so hartnäckig judaisirenden Spanier lebten unter den Christen über die ganze Stadt zerstreut und säeten gleichsam böses Beispiel, eine wahre Ansteckungsgefahr für die Seelen der christlichen Einwohnerschaft Venedigs. Dieselbe Gefahr sollte aber für ihre Leiber bestehen, da sie Marranen als Träger von Pestkrankheiten hingestellt wurden, ivelche durch die angeblich schmutzige Lebensweise, die sie führten, noch gesteigert würden. Wer die Darstellung liest, die hier plötzlich von diesen Unglücklichen entworfen wird, der wird cs nicht begreifen können, wie dieselben Leute, die von unabhängigen christlichen Be- »rtheilcrn als die Muster nützlicher Staatsbürger in der Türkei be-;eichnet werden, hier als Inbegriff aller bösen Liste und schlechten Praktiken erscheinen sollen. Aber das Schlimmste war, das; der Kaiser, daß Karl V. selber sich zu ihrem Verfolger aufwarf. Wir haben das Zeugniß des Gesandtschaftssekretürs des Herzogs von Urbin, Messer Giovan Francesco, dafür, daß die Ausweisung der Marranen aus Venedig über Einwirkung des Kaisers selber vom Senate verhängt worden sei. Es war dem Kaiser unerträglich, das; diese Teufelsbrut, wie er die Marranen nannte, auf katholischer Erde sollte geduldet werden. Herr von Morvilliers, dem wir über die Geschichte Don Josephs, des Herzogs von Naxos, so viele Mittheilungen verdanken, bis zum September des Jahres 1550 Gesandter Frankreichs in Venedigs), war daher zu optimistisch, wenn er eine Zurücknahme oder Milderung dieses Beschlusses für möglich hielt. Im November des Jahres 1549 scheint der Beschluß gefallen zu fein, dem auch Don Joseph Naßi zum Opfer werden sollte. Ich glaube wenigstens nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß der Ausweisungsbefehl, dessen Don Joseph noch 1565 gegen den venezianischen Gesandten in Stelle aus ibelt. >) Siehe M. A. Levy: Don Joseph Naßi, p. 4—5. 2) Scheuet Jehuda § 57; eck. Wiener p. 92, Uebersetznng p. 188. 3) M. A. Levy a. a. O. p. 41. Konstantinopel, Bonrizzo, gedachte'), mit diesem Beschlüsse der Vertreibung der Marranen aus Venedig im Zusammenhänge stehen wird. Das; übrigens das Ghetto den Verkehr zwischen Christen und Juden, der in Venedig besonders ausgebildet war, nicht aufzuheben vermochte, das beweist der Beschluß des Senats aus dem Jahre 1671, der den Juden das Tragen von Waffen und spitzen Messern streng verbietet. Es war also nach Landessitte der Brauch, bewaffnet oder wenigstens mit einem Dolchmesser auszugehen, auch unter den sonst so friedsamen Juden Venedigs eingerissen, ein Beweis von der vollständigen Assimilirung der Juden im Guten wie im Bösen, die mit Ausnahme-Bestimmungen hier so wenig wie sonst zu bekämpfen war. Die Entstehung einer jüdischen Gemeinde.) Von A. Warschauer. Etwa 14 km von der Hauptstadt der jetzigen Provinz Posen und des früheren Großpolens, Posen, liegt an einem schönen See die Stadt Sch werfe n z. Sie ist ziemlich unbedeutend, aber, wie bei vielen Städten der Provinz Posen, ist auch bei dieser ihre historische Vergangenheit ungleich bedeutsamer als ihre jetzige Stellung. Besonders ist die Entstehungsgeschichte dieser Stadt ein merkwürdiger Beitrag zur Geschichte religiöser Duldsamkeit in erster Reihe gegen die Juden, ferner aber auch gegen die Protestanten zu einer Zeit, wo auch in Polen die großen Judenverfolgungen und Dissidentenhetzen losbrachen, und sie fordert um so eher unsere Aufmerksamkeit heraus, als wir in ihr einmal mit seltener Deutlichkeit die Entstehung einer jüdischen Gemeinde bis in die Einzelheiten verfolgen können?) Ein Dorf Schwersenz mit einer Parvchialkirche existirte nachweislich schon im 14. Jahrhundert. Besitzer der Herrschaft, in welcher es lag, war zuerst das erlauchte Geschlecht der Gürka, von denen es auf die Czarnkowski's und dann auf die Grudzinki's überging. Dieser letzten Familie, welche dem polnischen Reiche viele Großwürdentrüger und in den öffentlichen Angelegenheiten wohlverdiente Männer gegeben hat, gehörte am Anfang des 17. Jahrhunderts der Besitzer der Herrschaft Sigismund von Grudno Grudzinski an. Der Reichthum und die Machtfülle dieses Mannes müssen ebenso groß gewesen sein, wie die Hochherzigkeit seiner Gesinnung. Einer alten Ueberlieferung zufolge besaß er nicht weniger als 8 Städte, darunter Kurnik, Flatau, Krojanke, Lobsenz, Bartschin, Bnin und 736 Dörfer. Dazu bekleidete er als Wojwodc von Kalisch eines der höchsten Staatsümter, war Senator des Reiches und wurde zu wichtigen Staatsgeschäften verwendet. Unter der Regierung Sigismunds III., Wasa, unter der in Polen die Zügel monarchischer Zucht sich schon bedenklich zu lockern anfingen, konnte ein Mann von solchem Ansehen unbeirrt seine eigenen Wege gehen und auf seinen Gütern eine 9 ib. p. 45. 2) Wir entnehmen den obigen interessanten Aufsatz dem eben erschienenen Schlußhcft des vierten Bandes der von Prof. Geiger so vortrefflich geleiteten „Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland", die wir bei diesem Anlässe allen unseren Lesern als eine ebenso werthvolle wie interessante Lektüre ans das Eindringlichste empfehlen. D. Red. 3) Die folgenden Bemerkungen sind, abgesehen von den geringfügigen gedruckten Hilfsgnellen, ans dem Archiv der Korporation zu Schwersenz geschöpft. Allerdings hat dieselbe ihre Originalprivilegien bei einem Brande verloren, aber die Sorgfalt besessen, sich Abschriften von ihnen ans der Kronmetrik z» Warschau zn verschaffen. Weiteres ergab das Stadtarchiv zn Schwersenz. Auch die von Perles, Geschichte der Juden in Posen, S. 55 ff. beschriebenen Gemeindebücher von Posen wurden herangezogen.

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