Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 29 (1.8.1890)
- Date
- 1890-08-01
- Page
- Seite 384 (sequence 4)
- Language
- German
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384 ungeduldig dem wunderbaren Reiche entgegensetzen, welches die gegenwärtige Dynastie und Verfassung Englands beseitigen wird, unb weit sie deshalb dem König Wilhelm nicht in herzlicher Treue ergeben sein können? In einem wichtigen Punkte muh mein Freund, das Mitglied für die Universität Oxford, einräumen. daß von allen Religionen die jüdische die geringste Gefahr in sich birgt. Es ist nicht die mindeste Aussicht, daß die jüdische Religion sich weiter ausbreiten werde. Der Jude will keine Proselyten machen, ja man kann behaupten, daß er sie zurückweist. Er hält es beinahe für sträflich, daß, wer nicht zu seiner Rasse gehört, zu seiner Glaubensgemeinde zu gehören beansprucht. Es ist daher nicht auffallend, daß ein Uebertritt vom Christenthum zum Judenthum seltener sich ereignet, als eine totale Sonnenfinsterniß. Im letzten Jahrhundert gab es eineu hervorragenden Konvertiten, Lord George Gordon, und die Geschichte seines Uebertritts verdient erwähnt zu werden. Gab es je einen Proselyten, auf den die bekehrende Sekte stolz sein tonnte, so war es Lord George, nicht blos, weil er von hoher Geburt und Stellung, nicht blos, weil er ein Mitglied des gesetzgebenden Körpers war, sondern auch, weil er durch die Unduldsamkeit, ja Zügellosigkeit seines Eifers für die ihm eigene Form des Christenthums sich hervorthat. Wurde er aber für die Synagoge geködert? Wurde er auch nur willkommen geheißen? Nein; kühl und widerwillig gestattete man ihm, die Schmach und die Leiden des auserwählten Volkes zu theilen, von seinen Vorrechten aber schloß man ihn hartnäckig aus. Er unterwarf sich der schmerzlichen Ceremonie, die vom jüdischen Gesetze vorgeschrieben ist. Als er aber auf dem Sterbebette darauf drang, auf dem jüdischen Friedhof dem Ceremoniell entsprechend beerdigt zu werden, da wurde ihm erwiedert, daß seiner Bitte nicht entsprochen werden könne. Ich verstehe Ihr „Hört". Es erinnert mich an eine der Einwendungen gegen den vorliegenden Antrag, daß die Juden der geselligen Verbindung abhold sind, daß sie nur mit ihresgleichen sich eng zusammenschließen, von Fremden aber fern bleiben Es ist in Wirklichkeit unterhaltend, die Art, in welcher früher von gewisser Seite gegen die Katholiken-Emanzipation gestritten wurde, mit derjenigen zu vergleichen, in welcher mail jetzt ans derselben Seite gegen die Juden-Emanzipation kämpft. Als es sich um die Kntholiken-Emanzipation handelte, da hörte man: „Seht den Christen der römischen Kirche, wie rastlos, wie gewandt, wie schleichend, wie einschmeichelnd er ist. Seht, wie ihre Priester zu Lande und zu Wasser umherschweifen, uin einen Proselyten zu machell, wie nllermüdlich sie arbeilen für die Verbreitung ihres Glaubens, wie aufmerksam sie Schwächen und Vorzüge jedes Charakters studiren, wie klug sie Litteratur, Künste itnb Wissenschaften als Hilfsmittel gebrauchen. Ihr findet sie in jeder Gegeild und unter jeder Verkleidung, — sie vergleichen Grundschriften in der Bodlejanischen Bibliothek, sie stellen Fernrohre auf in der Sterllwarte von Peking, sie unterrichten die Wilden von Paraguay im Gebrauch des Pfluges und des Spinnrades. Wollt Ihr den Mitgliedern einer so geschäftigen, so streitbaren, so unersüttlichell Kirche eine Macht einränmen?" Jetzt handelt es sich um eine Nation, die niemals einen Fremden zu sich hinüberzuziehen versucht, nnb welche nicht wünscht, daß irgend Jemand zil ihrem Glauben sich bekenne, der llicht zu ihrein Stamme gehört. Jetzt wird der Ruf laut-. „Wollt Ihr Gliedern einer Sekte Macht verleihen, die finster sich voll beit andern Sekten trennt, die zur Bekehrung nicht anffor'oert, ja die Bekehrten kaum ausnimmt?" Die Wahrheit ist, daß es der Bigotterie niemals an einent Vorwände fehlt. Welches auch die Sekte sei, deren Duldung in Vorschlag gebracht wird, — die Eigenthümlichkeiten dieser Sekte werden voll Unduldsamen als die haßwürdigsten und gefährlichsten bezeichnet, die mail sich denken kann. Was die Juden betrifft, so ist es wahr, daß sie in ihre Religionsgemeinschaft keine frenlden Mitglieder aufnehmen mögen; mib desto besser: denn als Ehristell können wir llicht wünschen, daß sie sich beetfern sollen, uns zu bekehren. Aber daß die Juden unzugüllgliche Mitglieder des bürgerlichen Gemeinwesens seien, wenn dieses seine Pfllcht gegen sie thut, ist niemals erwiesen worden. Meill Freund, (Mr. Robert Grant), der den zur Verhandlung stehenden Antrag eingebracht hat, hat in umfassellder Weise dargethan, daß man sie iit grober Weile falsch dargestellt hat, und sein Erweis ist von dem Mitgliede für die Universität Oxford nicht widerlegt worden. Wenn es nun aber auch wahr wäre, daß die Inden unzugänglich sind? Wenll es wahr wäre, daß sie England nicht als ihr Vaterland betrachten? Würde die Behandlung, unter welcher sie gelitten habell, ihren Widerwillell gegell die Gesellschaft, in welcher sie leben, llicht erklären und entschuldigen? Haben nicht verfolgte Christen oft einen gleichen Widerwillen empfunden gegen die Gesellschaft, von der sie verfolgt wurden? Was war die Vaterlandsliebe der englischen Katholiken zu der Zeit, da das blutige Gesetzbuch Elisabeths gegen die Katholiken in Anwendung kam? Oliver Crom, well sagte, daß sie zu feiner Zeit in Spanier verwandelt waren. In einem späteren Zeitabschnitt konnte man sagen, daß sie Franzosen geworden. Gailz so war es mit den Calvinisten. Hatte Frankreich zur Zeit Ludwigs XIV. schlimmere Todfeinde, als die verfolgten Hugenotten' Kailll man aber hieraus vernünftiger Weife schließen, daß der Katholik als solcher oder der Calvinist als solcher sein Vaterland nicht zu lieben vermöge? Wenn England heute von Katholiken überfallen würde, wie viele englische Katholiken würden zu dem Feinde übergehen? Wenn Frankreich jetzt von einer protestantischen Macht angegriffen würde, wie viel französische Protestanten würden ihr zu Hilfe kommen? Warum wollen wir nicht die Probe machen, in welcher Art auf die Juden jene duldsame Politik wirken möchte, die aus dem englischen Katholiken einen guten Engländer und aus dem französischen Calvinisten einen guten Franzosen gemacht hat? Ein anderer Vorwurf ist gegen die Juden vorgebracht worden, nicht von dem Vertreter der Universität Oxford — er besitzt zu viel Gelehrsamkeit und zu viel Wohlwollen, um einen solchen Vorwurf zu erheben sondern von dem Vertreter für Oldham, der zu meinem Bedauern nicht mehr anwesend ist. Das Mitglied für Oldham sagt uns, daß die Juden eine gemeine, geizige, geldgierige Rasse sind; daß sie jedem ehrbaren Berufe abgeneigt sind; daß sie weder säen noch ernten noch Viehzucht treiben; daß Wucher das einzige Geschäft sei, zu dem sie sich eignen daß sie aller erhabenen, wohlwollenden Gesinnung bar seien. Dies ist in jedem Zeitalter die Beweisführung der Bigotterie gewesen; sie hat nie versäumt, zur Rechtfertigung der Verfolgung die Laster auzuführeu welche die Verfolgung erzeugt hat. England hat sich den Juden auch nicht halb als Vaterland erwiesen, und wir schmähen sie, weil sie für Eng laud nicht mehr als halbe Vaterlandsliebe hegen. Wir behandeln sie ob:. Sklaven und wundern uns, daß sie uns nicht als ihre Brüder betrachten. Wir treiben sie zu niedrigen Beschäftigungen und werfen ihnen dann vor, daß sie nicht ehrbare Berufsarten ergreifen. Wir haben ihnen lange Zeit den Besitz von Grund und Boden vorenthalten und beklagen uns, daß sie sich hauptsächlich dem Handel ergeben. Wir verschließen ihnen jede ehrenvolle Laufbahn und verachten sie, das; sie zur Geldgier ihre Zuflucht nehmen. Während vieler Jahrhunderte haben wir, in allen Beziehungen zu ihnen, unsere ungeheure Ilebermacht gemißbraucht, und nun ekelt es uns an, das; sie durch jene Schlauheit sich schadlos halten, welche das natürliche und allgemeine Vertheidigungsmittel des Schwachen gegen die Gewalt thätigleit des Starken ist. Hat ihre Rasse zu allen Zeiten nur Gold gewechselt, Geld erhandelt, Gold anfgehüuft? Niemand weiß besser, als das Mitglied für die Universität Oxford, daß in ihrem National-Charakter nichts liegt, was sie ungeeignet macht zur Erfüllung der höchsten Bürgerpflichten. Er weiß, daß in der Kindheit der Gesittung, da unser Eiland so wild war wie Nen-Gninea, da Wissenschaft und Kunst noch! in Athen unbekannt waren, da auf der Stelle, wo nachmals Rom lag, kaum j eine Strohhütte stand, dieses verachtete Volk seine festen Städte, feine! Eedern - Paläste, seinen glanzvollen Tempel, seine Flotten von Handels! schiffen, seine Schulen für Gottesgelehrtheit, seine großen Staatsmänner und Krieger, seine Naturphilosophen, seine Geschichtsschreiber und Dichter hatte. Welche Nation kämpfte jemals gegen überwältigende Ilebermacht mannhafter für ihre Unabhängigkeit und ihren Glauben? Welche Nation gab in ihren letzten Zuckungen so aus gezeichnete Proben des durch verzweifelte Tapferkeit Erzwingbaren? Und wenn im Laufe vieler Jahrhunderte die unterdrückten Abkömmlinge von Kriegern und Gelehrten gegenüber den Eigenschaften ihrer Vorfahren entartet sind, wenn sie, ausgeschlossen von denWohlthaten des Gesetzesund unter das Joch der Sklaven gebeugt, einige von den Lastern der Geächteten und Sklaven eingetauscht haben, dürfen wir dies als einen Vorwurf gegen, sie ansehen? Haben wir es nicht vielmehr als eine Schmach und eine Aufforderung zur Reue für uns selbst zu betrachten? Seien wir gerecht gegen sie. Oeffnen wir ihnen das Hans der Gemeinen. Oeffnen wir ihnen jede Laufbahn, in der Fähigkeit und Thatkraft sich entfalten kann. Bevor dies geschehen, wollen wir uns nicht anmaaßen, zu behaupten, daß es keine Schöpferkraft gebe unter den Stammesgenoffen des Jesaia, keinen Heldenmut!) unter den Nachkommen der Makkabäer. Indem ich den Antrag meines Freundes vertheidige - das ist meine feste Ueberzeuguug, — vertheidige ich die Würde und das Jnleresse (stauben stehen l sie sich und d lands über d; ahmte ulke i ander christli wlgun ne sich rand s Weltw innere mensch Hoffm irdisch und il k.es Ir welche nredig Ratioi siultei oit a 'Riste ner ir man niltißf mtnbc was 11 oie Gl 3 ans. lialts, in bc ihrem!i«ä (■ H'i, l : ich es Ä)ssu mib <! einen hätte G X suihrl die ui heit > halb der n erfahi in be unser dow