Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 in Konkurs gerathen. Hruschka war and) Vorstand - Stellvertreter des Landstraßer Männergesangvereins uub verwalte!e als solcher, da die Vorstaudstelle momentan unbesetzt ist. die Kasse dieses Vereines. Bei einer Nevisivu der Kasse, welche sorglvserweise erst lnm]imonuneu untvbe, als über die trostlose Vermögenslage des allgemein als wohlhabend augesehenen Hruschka kein Zweifel mehr bestehen konnte, ergab das bedauerliche Resultat, daß dem Vereine durch seinen obersten Funktionär sl. 520 veruntreut worden waren. Außerdem wird bekannt, daß Hruschka einer bei ihm wohnhaft gewesenen jungen Dame mehrere werthvolle Schmuckgegenstände veruntreut hat. . . . Ein antisemitischer Agitator als Cridar und Defraudant, das ist bereits eine alltägliche Erscheinung in unserem öffentlichen Leben. F—r. Budapest, im Juli. Im Herzen Ungarns, in der Hauptstadt Budapest, und in einer der ältesten Gemeinden des Landes, trug sich kürzlich folgende Szene zu: In Wien wohnt seit Jahren ein jüdischer Kaufmann, welcher nach österreichischem Gesetze seit 8 Jahren in einer Eivilehe mit der Tochter eines Wiedner Hausherrn lebt. Seiner Mutter, einer sehr frommen Frau, gab der Sohn das Versprechen, im Falle Kinder aus der Ehe entstammen, selbe nach jüdischem Glanbell! ]\i erziehen nnd das Hauswesen nach ihren Anweisungen echt jüdisch )\\ leiten. Sie erhielt sein Versprechen nnd Ehrenwort, Stirn ist die treue Anhängerin ihres Glaubens, die zärtliche Mutter ihres Sohnes, im Dezember 1889 den Weg alles Irdischen gegangen. Da bat die i nunmehrige Frau des Hauses ihren Gatten, er möge jetzt, nachdem die , Mutter nicht mehr unter den Lebenden weilt, mit den Kindern zum j Ehristenthum übergehen. Nach langem Zögern erklärte der Gatte, das! am Todtenbette gegebene Versprechen nur dann außer Acht zu lassen, wenn er vor Zeugen bei einem Rabbiner seines Versprechens entbunden würde. Obgeuaunter Kaunnaun wandte sich an die Wiener und Pester i Rabbiner, welche ihn aber Alle mit seinem Verlangen abwiesen. Nur der Rabbiner einer alten Nachbargemeinde brachte das Geschäft in Gegenwart des Schächters nnd Tempeldieners zu Stande und über- I lieferte die fünf jüdischen Seelen dem fremden Glauben! Großbritannien. * London, 15. Juli. Eine in den Annalen des Judenthums wahrscheinlich ohne Beispiel stehende Bewegung ist unter den Londoner Juden im Gange, welche beredtes Zeugniß ablegt von dem ernsten Wunsch der rechtlich denkenden englischen Juden, die Bande der Frenndschaft zwischen ihnen und ihren christlichen Landsleuten bei jeder sich darbietenden Gelegenheit fester zu knüpfen. Eine Anzahl tonangebender Juden, darunter der interimistische Oberrabiner, Dr. Adler, Sir Julian Gvldsmid, Sir John Simon, sowie die Herren Moeatta und Montej sivre, haben sich zn einem Ausschüsse verbunden zu dem Behufe, Kardinal Manning im Namen der Inden Großbritanniens eine prächtig ausgeschmückte Glückwunschadresse allläßlich seines silbernen Bischofsjubilänms zn überreichen. Diese Adresse ist theilweise ein Ausdruck der Dankbarkeit für die beredtsame Fürsprache des Kardinals zn Gunsterl der verfolgten Juden irr Rußland. * London, 15. Juli. Als Beitrag zn der jüngst in diesen Blättern; mehrfach besprochenen „Stellung der Juden in England" mag der j nachfolgende Artikel gelten, welchen die .,IZeäün(!s!,!te Times" über das l Thema „Bedford und die Juden" schreiben: „Unsere Leser werden sich wundern, daß in Londoner Blättern vor wenigen Wochen die Frage > aufgeworfen wurde, ob die Jrrden berechtigt seien, gewisse öffentliche i Schulen ohne bestimmte Eirrschrärrkungen zu besrrcherr. Bei dieser ' Gelegenheit wurde konstatirt, daß die Bedsorder Schulen schon seit i Langem in dieser Weise den Inden offen stehen. Seitdem erfahren j wir, daß sich da und dort Stimmen erhoben haben, um Bedford als j Aufenthaltsort für jüdische Eltern zrr empfehlen. Wenn sich solche hier i niederlassen wollten, so würde dies dazrr beitragen, Verhältnisse früherer , Zeit, als hier eine Synagoge und eine ziemlich bedeutende jüdische j Kolonie bestand, neu zu begründen. Bedford bat ein gewisses Anrecht j auf die Juden, denn es ist eine Stadt, in der seit jeher die Rechte der! Inden bereitwilligst anerkannt wurden. Nicht nur sind seine Schulen 1 den Juden seit mehr als einer Generation geöffnet, sondern Bedford ist i auch die einzige Provinzstadt in England, wo bedeutende Meetings! abgehalten wurden, um die Sympathie für die bedrückten Juden auf j dem Kontinente zum Ausdruck zu bringen. Im Jahre 1877 wurde; über Veranlassung des Bürgermeisters (Mr. Hobson) und einer Anzahl j einflußreicher Bürger in dieser Stadt eine zahlreich besuchte Ver- * sammlung abgehalten, um das lebhafte Mitgefühl für die verfolgten Juden in Serbien und Rumänien kund zu geben. Ein ähnliches Meeting, in ähnlicher Weise durch den Bürgermeister (Mr. Hill) einberufen, wurde im Jahre 1882 abgehalten, um die Sympathie für die verfolgten russischen Inden zum Ausdruck zu bringen. Diese Versammlungen wurden von Christen geleitet, und aus diese Weise gaben sie beredtes Zeugniß von dem herzlichen Einvernehmen, welches zur Zeit uub schon seit vielen Jahren zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung in Bedford besteht." Rußland. T. Z. Moskau, 18. Juli. Zu den vielen Beschränkungen und Ausnahmegesetzen, unter welchen die russische Judeuheit schmachtet, gehört auch die Zurückweisung der Juden von den Verbänden der Gehilfen vereidigter Rechtsanwälte. Es hat dadurch eine große Anzahl jüdischer Rechtskandidaten jede Aussicht, ihr jahrelanges, mühevolles Studium je praktisch verwerthen zu können, verloren, und bleibt denselben nichts Anderes übrig, als entweder eineil neuen Beruf zu wählen oder ihr Vaterland zu verlassen lind nach Amerika auszuwandern. Der „Kiewlianin" berichtet, daß die jüdischen Kaufleute zweiter Gilde, welche in irgend eiuerStadt desAnsiedlungsrayons Handelsgeschäfte betrieben und nun in den Verband der Kiewer Kauflente erster Gilde ausgenommen 31t werden wünschen, vielen Hindernissen begegnen. Die Ursache bildete ein neues Gesetz des Inhalts, daß nur Kaufleute erster Gilde berechtigt sind, sich den Kiewer Kaufleuten erster Gilde anzuschließen, woraus zil entnehmen ist, daß ein jüdischer Kaufmann, der diesem Verbände beitreten will, schon vorher ein Kaufmann erster Gilde in einer anderen Stadt gewesen sein muß. Viele Kaufleute zweüer Gilde, denen dies Gesetz die Allsiedlung in Kiew Ullmöglich macht, haben sich mit den Bittgesuchen all den Minister des Innern gewandt, aber bis jetzt noch keine Antwort erhalten. Demselben Blatte zufolge verlassen viele fremde Juden, die den Tag über in Kiew zu thun haben, allabendlich die Stadt uub übernachten in dem jenseits des Dniepr gelegenen Dorfe „Tschernigubi", um, nicht da ihnen der Aufenthalt in Kiew ulltersagt ist, den ihnen nachstellenden Polizeibeamten in die Hände zu gerathen. — Gelegentlich eines Besuches des Erzbischofs Nikanor in Onaniew drückte derselbe gegenüber einigen bei ihm zllr Begrüßung erschienenell Jllden sein lebhaftes Bedauern über die gegenwärtige traurige Lage der Israeliten aus und spelldete ihnen Trost mit dem Hiilweis ans das Wort des Psalmisten: „Siehe! es schlummert nicht und es schläft nicht der Hüter Israels". Der griechisch-katholische Geistliche in Targowitza, der im Jahre 1887 die Jllden dieser Stadt vor einem Uebersall seitens der christlichen Bevölkerung beschützte, feierte kürzlich teilt fünfzigjähriges Amtsjubiläum, au welchem die Juden der Stadt 1111b Umgegend regen Antheil nahmen. Thränenden Auges dankte Herr Zanowski — so ist der Name des edlen Geistlichen — für die ihm dargebrachten Ovationell uub versicherte, auch fernerhin für die Erhaltung des Friedens und der Eintracht zwischen den verschiedenen Korlfessionen in der Stadt nnd Umgegend nach Kräften 31t wirken. — Bei dem Kongreß in Petersburg für das Gefüngnißwesen zeichnete sich unser Glaubensgenosse, der vereidigte Rechtsanwalt Herr Hußberg, durch seine Anträge alls, die von den Theilnehmerll des Kongresses zum Beschluß erhoben wurden. — Wie die „Nowoje Wremja" erfährt, werden die jüdischen Meister, die christliche Lehrlinge oder Gesellen beschäftigen, von nun an verpflichtet sein, alljährlich der Regierung eine von den Geistlichen des betreffellden Ortes ausgestellteBescheinigung einzureichen, daß die bei ihnen beschäftigtell Lehrlinge oder Gesellen die Fasttage beachtet haben und zur Beichte gegangen sind. Jüdischen Meistern, die wider dieseVerfngungverstoßen, wird strengstens untersagt werden, christliche Lehrlinge oder Gesellen zu beschäftigen. Aus Odessa wird berichtet, daß die Vorsteher des dortigen jüdischen Waisenhauses von der Regierung die Genehmigung erhalten haben, in der Nähe der Stadt eine Kolonie zu gründen, um die unter ihrer Aufsicht stehenden Waiseir praktisch in der Landwirthschaft unterrichten 311 können. — Dem „Woschod" wird aus Kelm im Gouvernement Kowno mitgetheilt, daß die Auswanderungsbewegung, welche im vorigen Winter bedeutend nachgelassen hatte, nun wieder sich bemerkbar macht. Die meisten Auswanderer sind junge Professionisten oder junge Leute, die im Gonvernemellt Wilna das Gymnasium absolvirt haben und von den Universitäten zurückgewiesen worden sind, nnd die auf diese Weise gezwungen sind, in der Ferne das Wissen zu verwerthen, dessen Entfaltung ihnen das eigene Vaterland verbietet.