Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Von Nah und Fern. Die unentgeltliche Ueberlassung von Nähmaschinen oder sonstigen Handwerksgeräthen aus der Adolph Paderstein-Stiftung an hilfsbedürftige Bewohnerinnen der Stadt Berlin, welche verarmten Familien angehören, und insbesondere Hilfsbedürftige gebildeter Stände, christlicher und jüdischer Religion, soll wieder erfolgen. Die Bewerberinnen um diese Wohlthat müssen ihre Gesuche unter Angabe ihrer Religion bis zum 8. August er. einschließlich in dem General- Bureau der Armendirektion, hier, Rathhaus, einreichen. — Der Zauberlehrling möchte die Geister, die er rief, gern wieder los werden. Wie Böckels „Reichsherold" ernstlich versichert, will der bekannte Hosprediger im Laufe dieses Monats, auf den besonderen Wunsch eines Geistlichen des Kreises Gießen, dorthin gehen, um vornehmlich in Beuern und Holzheim gegen Dr. Böckel und dessen Antisemitismus zu sprechen. — Es zirkulirte ein Gerücht, daß sich im sozialdemokratischen Lager eine starke antisemitische Strömung gegen den Abgeordneten Singer geltend machen soll. Ein sozialistischer Führer, der jüngst von einem Mitarbeiter der Münchener „N. Nachr." ausgesucht wurde, erklärte dies für thörichtes Gerede, da Jeder die Unvereinbarkeit eines irgendwie gearteten Antisemitismus mit dem Sozialismus einsehe. Auf die Bemerkung, daß indeß doch die von dem Antisemitenblatte behauptete Opposition gegen den Abgeordneten Singer thatsächlich vorhanden zu sein scheine, entgegnete der sozialj demokratische Führer: „Daran mag etwas sein, aber Niemand hat den! Abgeordneten Singer deshalb angegriffen, weil er Jude ist." Wir bemerken hierzu noch, daß der genannte Abgeordnete schon seit Jahren aufgehört hat, Jude zu sein. — Die Synagogen-Ge mein de Beuthen hat in Herrn Finkelstein, einem Zögling der Berliner königlichen Hochschule für Musik, eine vorzügliche Kraft für das Kantorat gewonnen. Herr Finkelstein ist ein Bruder der großherzoglich hessischen Kammersängerin gleichen Namens. - In Königsberg ist die einzige überlebende Schwester des bekannten Bolksmannes Johann Jaeoby dieser Tage im Alter von 91 Jahren gestorben. — Am 12. Juli fand in der Aula der Universität zu Halle die feierliche Uebergabe des Rektorats vom bisherigen Professor Hiller auf den neugewählten Professor Bernstein in üblicher Weise statt. Der neue Rektor hielt seine Antrittsrede über „Fortschritte auf dem physiologischen Gebiete." Die theologische Fakultät war vollzählig erschienen. Nachmittag schloß sich im Hotel „Stadt Hamburg" das Festessen der Professoren und Dozenten an. Die Studenten hatten Abends im „neuen Theater" großen Kommers. — Der jüdischen Zweiklassigen Privatschule tu Sitten (Rheinland) ist unter Umwandlung derselben in eine einklassige der Charakter einer öffentlichen Volksschule beigelegt worden. — Das Bezirksrabbinat Weilburg ist nach dessen Erledigung interimistisch dem Herrn Bezirksrabbiner von Wiesbaden, vr. Silberstein, durch den Königlichen Regierungs-Präsidenten übertragen worden. — Am 18. Juli war es ein Jahr, daß der Landtagsabgeordnete Justizrath Frankenburger in Nürnberg aus dem Leben scheiden mußte. Die Stadtgemeinde hat an diesem Gedenktage das in der städtischen Gemäldegalerie befindliche Porträt Frankenburgers bekränzen lassen, imb es gelangten auch zum erstell Male die Unterstützungen aus der Stiftung zur Vertheitung, welche die Wittwe des Verstorbenen zum Andenken an den Dahingeschiedenen errichtet hat. — Ein erhebendes Beispiel religiöser Duldsamkeit hat die katholische Gemeinde in Reichenhall bei dem plötzlichen Tode eines jüdischen Mitbürgers aus Schneidemühl, Herrn Solmsen, bewiesen: die Leiche des Verstorbenen wurde, wie man dem „Ostd. Volksbl." mittheilt, in eine dortige Kapelle geschafft und dort aufgebahrt, unter Entfernung aller konfessionellen Symbole. In Neichenhall besteht keine jüdische Gemeinde, und der katholischen lag eine Verpflichtung hierzu nicht ob. Dieses Entgegenkommen verdient in der heutigelt, von konfessionellen Gegensätzen bewegten Zeit rühmend hervorgehoben zu werden. — Die Buchhandlung von Raphael Levi in Stuttgart feierte in diesem Monat das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens. Zugleich waren es 25 Jahre, daß das Geschäft von dem Onkel auf den jetzigen Besitzer, Herrn Moritz Levi, übergegangen ist. Der Börsenvereitt der deutschen Buchhändler in Leipzig benutzte diese Gelegenheit, um den Geschäftsinhaber in warmen herzlichen Worten zu beglückwünschen. Hinsichtlich der Geschäftsführung heißt es in der künstlerisch ausgefuhrten Adresse: „Ihre Firma hat sich durch umsichtige Leitung, durch Fleiß und Ausdauer ihrer Inhaber, sowie durch Ehrenhaftigkeit der Gesinnungen derselben einen im deutschen Antiquariatsbuchhandel hoch angesehenen Namen erworben." Ueberreicht wurde diese Adresse durch den Vorstand des süddeutschen Buchhändlervereitts, Herrn Egon Werlitz, der auch gleichzeitig die Wünsche der Korporation überbrachte. — Die technische Hochschule in Darmstadt hat Herrn Professor Th. Landsberg zum Direktor für das Studienjahr 1890/01 ernannt. Die Genehmigung des Großherzogs ist bereits erfolgt. - Zu Travemünde ist am Sonnabend den 10. Juli ein Betfaal eingeweiht worden. — Das Wiener „Israelitisch e Blindeninstitut" veröffentlicht seinen Bericht, aus welchem hervorgeht, daß in dein letzten Triennium 50 Zöglinge — 34 männliche und 16 weibliche - Erziehung und Unterricht in dem Institut gefunden haben. Direktor und erster Lehrer der Anstalt ist Herr Simon Heller. - Am 5. Juli hat zu Wien im Stadttempel anläßlich der Beendigung des Schuljahres ein feierlicher Gottesdienst für die Schüler der Gymnasien und Real-Schulen stattgefundeu. Die Festrede hielt Herr Dr. Kanitz, der in gewohnter Meisterschaft die zahlreich versammelte Jugend zu belehren und zu begeistern verstand. Es wäre zu wünschen, daß dieser schöne Brauch in anderen Gemeinden Nachahmung fände. — Der Sohn Sulzers, Herr Joseph Sulzer, Solospieler der k. k. Hofoper, veröffentlicht den musikal ischen Nachl aß seines Baten nebst dessen Biographie und Bildniß. Diese „Gedeukblätter" enthalte» 20 Kompositionen des Altmeisters für Solo, Chor und Orgel. — Der israelitische Lehrerverein in Veßprim regte vor Kurzem die Idee mi ein isr aeli tische s Landes - Lehrerwaisenhaus zu errichten. Bereits haben die Sammlungen für diesen schönen Zweck einen erfreulichen Anfang genommen. — Die Auswanderung nach Palüstin» nimmt im südlichen Rußland immer größeren Umfang an. Wir aus Akkermann (Bessarabien) berichtet wird, wurden von dort drei mit dem Ackerbau wohlvertraute Männer nach Palästina entsandt, um dir Bodenbeschaffenheit und die Lage der Laudbebauer kennen zu lernen. Falls die Urtheile günstig lauten werden, haben sich einige hundert Familien bereit erklärt, je 500 Rubel zum gemeinsamen Landankani und zur Anschaffung von Ackergeräthen beizusteuern, um sich alsdann im heiligen Lande niederzulaffen. — Der Suwalker Staatsanwalt, der „semitisch" aussieht, ging kürzlich mit zweien seiner Kinder außerhalb der Stadt im Walde spazieren, als er sich plötzlich von einer Bande Antisemiten umgeben sah, die ihn^mit ihren bekannten Schimpfe uamen beehrten und sich daran machten, ihn und seine Kinder thätliäi anzugreifen. Nur mit großer Mühe und Aufgebot seiner ganzen Kraft gelang es ihm und den Kindern, der Lebensgefahr zu entgehen. Natürlich wird matt nun in Suwalki gegen den Antisemitismus Vorgehen. — Der Gouverneur von Bessarabien hat die dortige Polizei beauftragt, ihm statistische Angaben über die Anzahl der in den bessarabischen Dörfern wohnenden Juden einznschicken und ihr Attfeuthaltsrecht zu prüfen. — Der britische General-Konsul in Warschatl übersandte nach London eine Depesche, wodurch er britische Reisende in Rußland in Kenntniß setzt, daß sie, - um Schwierigkeiten anszuweichen, sich mit einem Taufschein zu versehen haben. — Jüngst waren die anglikanischen Erzbischöfe und Bischöfe die Gäste des Lordmajors Jsaacs. Die hohen kirchlichen Würdenträger besprächet! mit dem jüdischen Oberbürgermeister die Mittel zur Verbesserung der Lage der Arbeiter. — In der Synagoge in Upper Berkeley-street hatte die Trauung vott Sir Charles James Jessel, ältestem Sohn des verstorbenen Präsidenten des Appellhofeo Sir George Jessel, mit Fräulein Edith Goldsmid, zweiten Tochter des Parlamentsmitgliedes und Baronets Sir Julian Goldsmid, stattgefunden. — Das Pariser Konsistorium hat Herrn Salomon, bisherigen Unter-Chasan am Tempel in der Rue Nazareth, an Stelle deo verstorbenen Herrn Salomon Ketten zum Ober-Kantor an jenetn Tempel ernannt. — Man meldet aus Rom: Unser Glaubensgenosse Signor Franchetti ist zum Direktor des Departements der Ackerbaukultur in den Kolonien ernannt worden und besitzt in dieser Eigenschaft den Rang eines Vizemiuisters. — In Sidi-bel- Abbäs starb Herr Moses Benacen im Alter von 114 Jahren. Er war Waffenträger des Emir Abd-el-Kader bei seinen Kämpfen in Afrika gewesen. Seine noch lebende Frau soll noch älter als er sein. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.