Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 380 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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380 Winter weg, da kann doch so ein kleines Ding noch viel weniger aushalten, aber bei »ns sind sie wahrscheinlich noch? Nu, Herr, sind sie noch?" Nun aber antwortete ich ihm nicht mehr; ich zweifelte nicht länger, das; der alte Jude, der fanatische Chassid, sich nach seinem Heimathlande sehnte ebenso wie ich, und das; wir Beide an derselben Krankheit litten; ein so »»erhofftes Finden eines Mitgenossen meines Schmerzes rührte mich bis zu Thrünen; ich nahm ihn also bei der Hand und frug ihn selbst: „Du wolltest also darüber mit mir sprechen? Dn denkst also nicht an die Menschen, an die harte Lage, die Dich drückt, an das Elend, in welchen; Tu Dich befindest, Du sehnst Dich nur nach der Sonne, nach der Luft, nach der Erde Deiner Heimath? ... Du! denkst an die Felder, Wiesen und Wälder, an ihre herrlichen Einwohner, die Tu in Deinem armseligen Leben nicht einmal die Zeit hattest, gut kennen zu lernen, und heute, wenn diese lieben Bilder aus Deinem Gedächtnis; verschwinden, fürchtest Du die Einöde, die Dich umgeben wird, die große Verwaisung, die Dich betreffen wird, wenn sich diese thcurei; Erinnerungen verwischen werden? Du willst, ich soll sie Deinem Gedächtnis; wieder zusiihren, ich soll sie auffrischen; l Du nullst, ich soll Dir erzählen, wie unser thcurcsBaterland aussieht?..." „0 ja, ja, lieber Herr! deshalb bin ich hergekommen, das wollte ich mir von hier holen! . .." Und er drückte meine Hände und lachte freudig wie ein Kind. „So höre denn, mein Bruder! ... Und Srul hörte mir zu, ganz in Gedanken vertieft. Mit offene»; M;»;dc und mit den; fragenden Blick auf meinen Mund geheftet, mit diesen; Blick spornte er mich an, entriß er nur förmlich die Worte von; Munde; er griff sie durstend auf und legte sie tief ans den Grund seines heißen Herzens ... er legte sie sicher dahin, ich zweifle nicht daran, denn als ich meine Erzählung beendet hatte, stöhnte der Jude schmerzlich auf. „O weh mir!" Sein großer röthlicher Bart bewegte sich, und über sein elendes Gesicht rollten Thränen, große, reine Thränen .. . Und noch lange schluchzte der alte Chassid, und ich weinte mit ihm.... * * * Biel Wasser ist seitdem die kalte Lena hinabgeflossen, und wahrscheinlich nicht weniger Thrünen sind über von; Schmerz gebeugte Gesichter geronnen. Aber noch jetzt, obwohl cs schon sehr lange her ist, taucht oft in nächtlicher Stille und in schlaflosen Nachten vor mir das statuenhafte, durch das Stigma eines großen Schmerzes fast belebte Gesicht Baldhga's auf, und immer erscheint neben demselben vor meinen Augen das vergilbte, runzelige, von heißen Thrünen iibergosseue Gesicht Sruls. Und wenn ich länger in diese nächtlichen Erscheinungen meinen Blick vertiefe, so tritt die Erinnerung an jenen merkwürdigen sibirischen Wintcrtag innner klarer hervor, und es scheint mir inanchinal, als sähe ich, wie die blassen und zitternden Lippen des Juden sich bewegen, und eine leise, verzweiflungsvolle Stimme flüstert neben mir: „O Gott! warum bist Du so unbarmherzig gegen einen Deiner treuesten Söhne?" U Gruß an Zion. Von Jehuda Halewi. Deutsch von S. Heller. Denkst, Zion, Du der armen Kinder nicht, Des kargen Rest's, der nur von Zion spricht? Von Ost, West, Nord und Süd, von überall Wie drängen sich die Schnsuchtsgrüße dicht! Mein Gruß auch, Thrünen, reich wie Hermons Thau — O, weint' ich sie in Deiner Berge Sicht. Mich Schakal Deines Leids macht Hoffnungstraum Zur Harf' in ew'gem Jubelfestgedicht. Wie seufz' ich, anzusehen jeden Ort, Wo Deinen Reinen ward ein Gottgesicht! Dort war er nahe Dir, der Gnadcuthron, Dein Thor dein Himmelsthor im Angesicht. Und Stern' und Sonn' und Mond — was waren sic. Da Gott allein Dir Licht und Zuversicht? Die Seel' ergöss' ich, wo sich Gottes Geist Ergoß auf die Erwählten, groß und schlicht. Du Königssitz, Du Gottesburg, und wiegt In Deinem Herrscherstuhl sich' jetzt ein Wicht? O schweift' ich dort, wo einst von Sehern klang Der Gottesoffenbarungen Bericht! Zu Deiner Berge Klüften flog' ich hin Mit einen; Herzen, das, zerklüftet, bricht, Den Boden küßt' ich, herzte jeden Stein, Drückt' in den Staub nrein glühend Angesicht. Und übt' ich auf der Väter Grüften erst, Auf Hebrons Gräbern fromm der Andacht Pflicht, Den Wald durchzog' ich. Karmel, Abarim, Verklärt von der Erinn'rung Zauberlicht. Hör, Abariin, wo einst das'Lichterpaar, Wo ihr, ihr theuern Lehrer, ach, erblicht. O, Leben ist die Luft, die Dich umwallt, Die Ströme Seim, Gewürz des Staubes Schicht! Barfuß auf deinen Trümmern wallt' ich gern, Da Tempelschimmer aus den Trümmern bricht, Wo Cherubim im Allerheiligsten, Die Lade, die zum Heil uns jetzt gebricht. Fort, Glanz! und Fluch dir, Zeit,'stets zu entweih;; Geweihtes in der Fremde Land erpicht! Seh ich von Hunden Deine Leu';; geschleift, O wie es tief mir in die Seele sticht! Und hacken Raben Deine Adler todt, Auf Speis' und Trank und Sein thu' ich Verzicht. Genug, du Leidenskelch, du Bitternis;, Die ihr in's Mark mit Gallengift nur schlicht. Denk' Ohlahs ich und Ohlibahs, dann ist Vollendet meines Elends Unterricht! Du, schönes Zion, knüpfst der Liebe Band, Das Deine Leidgcnossen all umflicht. Sie freut Dein Glück, und sie durchzuckt der Schmerz, Wenn Deine letzte Kraft zusammenbricht. Gefangen, bücken sie voll Sehnsucht sich Bor'm Osten, wo einst stand Dein Tempel licht. Ihr Hcerden, nie vergaßt die Hund' ihr doch, Wie ihr zerstreut die Berge rings durchstricht. Sie fassen Deinen Saum, sie streben hin, Wo in den Aether Deine Palme sticht. Was Hütten Nil und Euphrat Großes auch? Was hütt' ihr Wahn, das Urims Kraft entspricht? Gesalbte, Dichter, Priester und Prophet — Was hätte neben diesen noch Gewicht? O, Deine Kronen wahren ew'gen Glanz, Denn über Götzen flammt einst das Gericht. Nach Dir sehnt sich selbst Gott — Heil, Menschen, euch, Die nimmer ihr aus Zions Nähe wicht. Heil ihm, der noch erharrt, erlebt die Zeit, Wo sich durch Nacht Dein Morgen strahlend ficht; Wenn die Erlesnen jauchzen auf vor Lust. Der Jugend Goldkranz Dir in's Haar sich flicht. Mit einem Gefühl inniger Wehmnth übergeben wir diese letzte Gabe S. Heller's, des großen Dichters und genialen Uebersetzers, der uns zu Anfang d. I. entrissen ward, der Leserwelt. Ein seiner Kenner der hebräischen Sprache und Poesie, ein deutscher Dichter von tiefer Empfindung und hoher Begabung, hat er es wie kaum ein Anderer verstanden, die Schätze der ueuhebräischen Dichtung in deutsches Gewand zu kleiden. Eine Probe dieser Uebersetzungskuust ist diese Uebertragung des weltberühmten ZionsliedeS, das am 9. Ab in allen Synagogen Israels gesungen wird. Möge sein pietätvoller Sohn den reichen Nachlaß, den S. Heller au poetischen Ilebertragungen hinterlafsen wird, bald der Oeffentlichkeit übergeben. Die Red. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.