Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 379 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Und er schwieg gerührt, l „Mein Lieber, in einer solchen Lage ist cs wohl schwer, daran zu denken, aber am Ende ist es doch ganz gleich, überall ist ja Gottes; Erde!" — So bemühte ich mich, ihn mit irgend welchen Redensarten ' zu trösten, aber der Jude sprang auf wie ein begossener Pudel. „Gottes? Was für eines! Welches Gottes? Was sagen Sie? Das ist eine Hundewelt! Pfui! Pfui! Gottes Erde? Sprechen Sie nicht so, schämen Sie sich, gnädiger Herr! Eine Gotteserde, die nicht aufthaut? Das ist eine verfluchte Erde! Gott will nicht, daß Menschen hier wohnen sollen; wenn er das wollte, wäre sie nicht so. Verflucht! ist sie! Niederträchtig! Pfui, Pfui!" Und nun fing er an, um sich zu spucken und mit den Füßen zu stampfen: mit zusammengekniffenen Lippen und krampfhaft geballten Fäusten drohte er der unschuldigen Erde von Jakutsk, er flüsterte sogar irgend welche jüdische Flüche vor sich hin, bis er von der Anstrengung erschöpft auf die Bank neben mir fast Hinsiel. Alle hierher Verbannten, ohne Rücksicht ans Religion und Nationalität, lieben natürlich Sibirien nicht; cs war aber ersichtlich, daß der fanatische Chassid nicht halb hassen konnte. Ich wartete daher, bis er sich beruhigte. In einer harten Schule des Lebens erzogen, kam der Jude schnell wieder zu sich; rasch bemächtigte sich seiner nun eine gewisse Rührung, und als ich nach einem Weilchen fragend in seine Augen blickte, antwortete er mir sofort: i „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich spreche mit Nieinandem davon; mit wem könnte man hier auch davon sprechen?" „Giebt es denn wenige Juden hier?"! „Sind denn das Juden, gnädiger Herr? Das sind schon fast solche, wie die Hiesigen .... Kein Mensch kümmert sich um die Ge-! bote des Herrn . . . Ich fürchtete einen neuen Ausbruch seines! Grimmes und ließ ihn deshalb gar nicht ausreden, sondern beschloß, die Unterredung abzukürzen, und frag ihn also geradezu, worüber er eigentlich mit mir zu sprechen wünschte „Ich möchte erfahren, was man von dort hört, gnädiger Herr. Ich bin schon so viele Jahre hier, und nie habe ich noch gehört, was dort zu Hause vorgeht." „Du fragst mich aber ganz merkwürdig; ich kann Dir doch nicht auf einmal Alles erzählen; ich weis; ja gar nicht, wofür Tu Dich; am meisten interessirst; vielleicht für die Politik?" Der Jude schwieg. Da ich glaubte, daß mein Gast, wie so viele Andere, sich am meisten! für die Politik interessire, ohne selbst den Namen der Sache zu keimen, so sing ich eine, für mich durch die häufige Wiederholung fast schon stereotype Erzählung von der politischen Lage Europas, unsercrHeimath :c.! an. Aber der Jude bewegte sich ungeduldig hin und her. „Nun also, das interessirt Dich nicht?" frng ich. „Ich habe noch nie an diese Sachen gedacht," erwicderte er : ganz offen. j „Ah! jetzt weiß ich schon, um was es Dir geht; Du willst wahrscheinlich wissen, wie sich die Juden dort befinden, wie der Handel j drüben geht?" j „Es geht ihnen jedenfalls besser wie mir!" „Ganz richtig. In diesem Falle willst Du also wahrscheinlich j wissen, ob das Leben bei uns jetzt theuer ist, was für Marktpreise j dort gelten, wie viel man für Mehl, Fleisch u. s. w. zahlt?"! „Was kommt mir davon heraus, da man hier doch nichts bekommen kann, wenn es auch am allerbilligsten wäre?" „Das ist noch richtiger; aber endlich, um was geht es Dir denn zum Teufel?" „Ich weiß nicht, mein gnädiger Herr, wie ich es ausdrückcn soll. Sehen Sie, ich denke und denke manchmal so viel, daß mich Rifka — meine Frau heißt nämlich so — oft fragt: „Srul, was ist Dir?" Und was soll ich ihr sagen, wenn ich selbst nicht weiß, was mir ist? — Und vielleicht würden die Menschen mich dann auslachen!" fügte er schüchtern hinzu, als ob er nachforschcn wollte, ob ich ihn nicht etwa auch auslachen werde. Aber ich lachte nicht. Mein Interesse war vielmehr erregt . .. Sichtlich bedrückte ihn irgend eine Sache, von welcher er sich selbst keine genügende Rechenschaft geben konnte, und dies in einer Sprache auszudrückcn, die er nur ungenügend beherrschte, wurde ihm natürlich noch schwerer. Um ihm in dieser Lage zu helfen, beruhigte ich ihn, er möge nur nicht eilen, meine Arbeit habe noch Zeit, und ich verlöre nichts, wenn wir noch eine Stunde zusammen säßen und plauderten. Der Jude dankte mir mit einem innigen Blick, und nach kurzer Bcsinnung fing ec folgendes Gespräch an: „Wann haben Sie, gnädiger Herr, Warschau verlassen?" „Nach dem russischen Kalender Ende April." „Und war es zu dieser Zeit dort kalt oder warm?" „Es war sehr warm; zuerst reiste ich in einem Somnicraiizug." „Nun, sehen Sie? Und hier ist ein Frost!" „Was heißt das? Hast Du denn schon vergessen, das; im April bei uns die Felder schon besät und alle Bäume grün sind?" „Grün?" — Helle Freude leuchtete in Sruls Augen auf. - „Ja freilich, sie sind grün, und hier ist ein Frost!" Nun wußte ich schon, um was es ihm ging; aber ich wollte mich noch vergewissern und schwieg; der Jude war sichtlich neu belebt. „Nun sagen Sie mir, gnädiger Herr, ob bei uns jetzt ... schon, nun sehen Sie, gnädiger Herr, ich weiß schon nicht einmal, wie es heißt, ich habe schon das Polnische vergessen" — er vertheidigte sich ganz beschämt, als ob er es je gekannt hätte —, „das ist so weiß, so weiß wie Erbsen, aber doch keine Erbsen; neben den Häusern in den Gärten wächst es im Sommer, auf solchen großen Stöcken . . ." „Gartenbohnen?" „Ja, das ist es gerade! Gartenbohnen, Gartenbohnen" — wiederholte er vor sich hin, ein paar Mal, als ob er dieses Wort sich auf immer einprügen wollte. „Natürlich giebt es dort jetzt viele, wachsen denn hier keine Gartenbohnen?" „Hier? Während der ganzen drei Jahre habe ich hier kein Körnchen gesehen; hier giebt cs nur solche Erbsen, die bei uns, mit Ihrer Erlaubnis;, nur ... nur ..." „Die Schweine essen" — sagte ich rasch. „Nu ja, freilich, hier verkauft man sic pfundweise, und man kann sie doch nicht immer bekommen." „Liebst Du denn die Gartenbohnen so sehr?" „Nein, das ist es nicht, daß ich sie gern habe, aber ich denke so oft daran, es ist doch schön, sie wachsen, wie, ohne es zu vergleichen, ein kleiner Wald um das Haus herum. Hier hat man gar nichts!" „Und jetzt," — fing er wieder an — „jetzt sagen Sie mir, gnädiger Herr, ob es noch bei uns zu Hause im Winter diese kleinen, sehen Sie, solche" — und er zeigte mit dem Finger — „kleine graue Vögelchen giebt? Ich habe auch schon vergessen, wie sie heißen! Früher gab es eine Menge von diesen! Es kam vor, daß, wenn ich am Fenster betete, sich die kleinen Dinger wie ein Ameisenhaufen sammelten. Nu, aber wer hätte sie da überhaupt angeguckt? Wissen Sie, gnädiger Herr, ich hatte es nie geglaubt, daß ich einmal an sie denken würde! Denn hier, hier laufen selbst die Krähen vor dem