Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 378 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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378 meine $ eher, sie tarnt ihn noch nicht beschreiben, diesen gewaltige»! Zander! — Ich sehe die goldigen Felder, die smaragdgrünen Wiesen, * die mächtigen Wälder, die mir alte Sagen in's Ohr flüstern.! Ich höre das Rauschen der Aehrenwellen, das Zwitschern der beflügelten Gottes-Sänger, das Gemurmel der Riesen-Eichen, die den Wind hochmüthig oerhöhnen. Und ich sauge in mich ein den balsamischen Duft dieser Wälder und sättige mich an der Schönheit unserer i» jnngfrünlicher Frische drängenden, mit blauen Kornblume» überdeckten masowischen Felder. . . . Jeder einzelne meiner Nerven suhlt das Wehen der Heimathluft. ... Ich selbst fühle die belebende Wirkung der Sonnenstrahlen, und obwohl draußen der Frost immer stärker knirscht lind immer drohender mir seine Zähne j auf den Scheibe» weist, so kreist doch das Blut nun rascher in j meinen Adern, der Kopf ist entflammt und scheint wie festgebannt; ganz vertiert in meine Gedanken seh' und höre ich schon lange nichts mehr um mich. . . . Ich sah und hörte auch nicht, wie die Thür aufging und Jemand in mein Zimmer hineintrat; ich bemerkte nicht einmal die großen Rauchsäulen, die hier jedes Mal, sobald die Thür geöffnet wird, so dick aufsteige», das;'es unmöglich wird, im Augenblick den Hereintretenden zu erkennen; ich fühlte auch die Külte nicht, die mit \ einem gewissen frechen, absichtlichen Ungestüm sich hier in einen menschlichen 'Wohnsitz hineindrängt; ich wußte und hörte gar nichts, und erst als ich einen Menschen unmittelbar vor mir sah, begrüßte ich ihn, bevor ich ihn noch erkannt hatte, unwillkürlich mit der in Jakutsk üblichen Frage: „Tool, uocku?" („Was wird gebraucht?" das erste Wort in Jakutsk). „TaS bin ich, gnädiger Herr!" („z mietoczem torgiiju", ich i handle mit Kurzwaaren) — klang die Antwort. j Ich erhob die Augen. Es war kein Zweifel, das; trotz des seitj samen Anzuges, der aus ihn gepackten Thier- und Hirschfelle, ein i kleinstädtischer, polnischer Jude vor mir stand. — Wer ihn in Losiee! oder Saruaki gesehen hat, der wird ihn nicht nur in Jakutsk, sondern auch in den patagonischen Wäldern erkennen. Darum erkannte auch ich ihn sofort. Und da ich, wie schon erwähnt, noch nicht ganz zu mir gekommen war, als ich ihm fast im Traum noch z die erste Frage stellte, unterbrach auch der Jude nicht in brutaler; Weise meine Träume durch das Bild einer fremden, entsetzlichen j Wirklichkeit; ja, er war auch nicht einmal ein peinlicher Kontrast zu! der Welt meiner Träume. Im Gegentheil! Ich heftete mit einem gej wissen Interesse mein Ange auf die mir bekannten Züge; das Erscheinen j dieses Juden im Augenblick, da ich mit meinen Gedanken und meinen > Herzen mich in mein Heimathland versetzt hatte, erschien mir na-! türlich, und ein paar polnische Worte liebkosten in angenehmer Weise mein Ohr. Mit einer gewissen Selbstvergessenheit betrachtete ich ihn freundschaftlich. Der Jude blieb einen Arigenblick stehen, dann wendete er sich um, zog sich zur Thür zurück lind fing sehr eilig an, die verschiedenen Kleidungsstücke von sich abzuwerfen. Jetzt erst kam ich wieder zu mir und bemerkte, daß ich ihm eigentlich noch nicht geantwortet, daß der leicht kombinirende Landsmann sich mein Schweigen ganz falsch erklärt hatte und wahrscheinlich alle seine Waaren vor m irausbreiten wollte. Ich beeilte mich nun rasch, ihn von diesem Jrrthlnn zurückzubringen. „Um Gottes Willen, Mensch, was thust Du denn?" — rief ich lebhaft aus. „Ich kaufe nichts, ich brauche nichts, kleide Dich nicht umsonst ans und gehe mit Gott weiter." Ter Jride hörte nun auf, seine Kleider abzulegen; er dachte ein wenig nach und den halb nusgezogenen Wintermantel nachschleppend, der aus zwei starken Fellen zusammengenäht und inwendig wie nach außen mit Haaren bedeckt war, näherte er sich mir und fing an, rasch und wirr, mir Folgendes zu erzählen: „Das thut nichts, ich weiß, daß der gnädige Herr nichts kaufe» wird. Sehen Sie, lieber Herr, ich bin schon lange hier, sehr lange.... Ich wußte es bis jetzt nicht, daß Sie hergekommen sind. Sie sind wahrscheinlich ans Warschau, gnädiger Herr? Gestern erzählte mir man erst, das; der Gnädige hier schon über vier Monate weilt. Sehr schade, daß ich cs so spät erfahren habe! Ich wäre gleich gekommen. Heute habe ich Sie über eine Stunde gesucht, ich war sogar am Ende der Stadt, und es ist eine Külte draußen zum Teufel holen! Erlauben Sie, gnädiger Herr, ich werde Sie nicht lange stören, nur ein paar Wörtchen?" „Was willst Tu von mir haben?" „Ich möchte nur ein wenig mit dem gnädigen Herrn plaudern." Diese Antwort wunderte mich gar nicht; ich bin schon hier viele» und sehr verschiedenen Leuten begegnet, die einzig darum kamen, um „ein wenig zu plaudern" mit einem Menschen, der erst unlängst aus der Heimath gekommen ist. Unter diesen waren auch Juden. Die mich Besllchenden interessirten sich für die verschiedenartigsten Dinge: es kamen wohl auch gewöhnliche Neugierige und Schwätzer oder Menschen, die nur nach ihren Verwandten frugen, auch einige Politiker, denen es schon ganz wirr im Kopfe war. Im Allgemeinen aber hatte die Politik bei ihnen Allen einen besonderen Reiz und eine hohe Achtung. Darum, ich wiederhole es, wunderte mich der Wunsch des Ankömmlings nicht im Mindesten, und obwohl ich mein Zimmer von dem unangenehmen Geruch der gewöhnlich schlecht gegerbten Felle sehr gern befreit Hütte, bat ich ihn doch sehr liebenswürdig, seinen Mantel abznlegen rmd Platz zu nehmen. Der Jride war sichtlich erfreut, nach einem Augenblick saß er schon neben mir, und ich konnte ihn erst jetzt näher betrachten. Es schien, daß alle häßlichen Züge des jüdischen Stammes sich in der neben mir sitzenden Gestalt verkörpert hatten, sowohl die dicke, ein wenig von der Seite krumm gebogene Nase, als die durchdringenden Habichtsaugen und der keilförmige Bart von der Farbe einer schon ziemlich überreifen Gurke, zuletzt noch die niedrige, mit dickem Haar umringte Stirn. Alles dies besaß mein Gast, aber merkwürdig, alles dies zusammengenommen machte, vielleicht durch den Ausdruck eines leidenden Gesichtes, auf welchem herzliche Offenheit und wahre Freundschaft ausgeprägt waren, in diesem Augenblick keinen schlechten Eindruck auf mich. „Sage mir nur jetzt, woher bist Du, wie heißt Du, was treibst Du hier und was möchtest Du von mir erfahren?" „Ich bin der Srul aus Lubartow, vielleicht weiß der gnädige Herr, das Städtchen liegt gleich neben Lublin; bei uns meinten Alle, das; es so sehr weit sei, früher dachte ich auch so, aber jetzt," fügte er mit Nachdruck hinzu, „wissen wir, das; Lubartow sehr nahe von Lublin ist, ja gleich daneben liegt. „Und bist Du schon lange hier?" „Sehr lange, ungefähr drei Jahre." „Das ist doch nicht so sehr lange; ich kenne so Manche, die schon über zwanzig Jahre hier wohnen, und auf dem Wege begegnete ich einem Greis aus Wilna, welcher seit fast fünfzig Jahren hier lebt; diese sind in der That schon lange hier." Aber der Jude schrie mich fast an: „Was diese betrifft, weiß ich nicht, ich weiß nur, das; ich schon sehr lange hier bin!" „Wahrscheinlich bist Du ganz allein hier, wenn Dir die Zeit so lang vorkommt." „Mit einer Frau, und mit einem Kinde, und mit einer Tochter; ich hatte vier Kinder, als ich hierher ging, aber das ist eine Reise, Gott behüte Jeden davor, wir gingen ein ganzes Jahr lang; Sie wissen nicht, was Etappen bedeuten?... Drei Kinder sind mir zugleich gestorben, in einer Woche, das ist wie zugleich. Drei Kinder!..