Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 377 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227854--47225-3268734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
377 >es Herrn fremden eligiöse Millionen Herrschaft erhalten, terthanen iservative er selbst Wahrung er weiß, nodcrnen ater den Engländer Volk des auf dem der Fall, bnng der rme und bei uns an ihren omwell's Christen mglischen umg dcS en nachmderbar, st. Ein ssen, das; : waren; öser Inmstes an in Nachchtigung, mg will ,en durch i Juden¬ oder die lung zu achgiebt, Religion laubensem Vornglischen eigenen t wirth- :rde von as Derlogischer ung des Feuilleton. 3n der Verbannung. Nach dem Polnischen von A. M. Es war im Jahre . . . aber das Jahr thut ja nichts zur Lache, genug, daß es einmal war, und zwar war es in Jakutsk, Anfangs November, so ungefähr ein paar Monate nach meiner Antnnft in dieser Residenz des Frostes. Das Thermometer zeigte 38 Grad Kälte. Ich dachte daher mit ivahrcr Angst an das zukünftige Schicksal meiner Nase und meiner Ohren, die, da sie erst vor Kurzem aus dem Westen hierher gebracht wurden, bis jetzt für mich stets in sehr empfindlicher Weise ihren stummen Protest gegen die Akklimatisation hier zur Schau getragen haben — und gerade heute sollten sie auf eine längere Probe gestellt werden. Diese Probe drohte ihnen, da vor einigen Tagen in dem Krankenhause der Stadt ein Mitglied unserer Kolonie, der Bauer Peter Baldyga, gestorben war — heute früh sollten wir ihm den letzten Lienst erweisen und in die hartgefrorene Erde seine müden Knochen legen. Ich wartete nur auf einen meiner Bekannten, der mir die Stunde vcs Begräbnisses melden sollte; aber ich brauchte nicht lange zu warten, nachdem ich meine Nase und die Ohren einigermaßen gesichert hatte, eilte ich hinter den Anderen nach dem Krankenhause. Dieses Krankenvaus lag hinter der Stadt. Im Hofe, ein wenig entfernt von den anderen kleinen Gebäuden, stand eine ziemlich große Scheune, die Leichenhalle! In dieser Halle eben lag die Leiche Baldyga's. Man öffnete »ns die Thür, wir gingen hinein, und das Innere machte auf unsere kleine Versammlung einen recht peinlichen Eindruck; wir waren unserer Zehn beisammen — oder vielleicht noch ein paar mehr — und wir blickten uns Alle unwillkürlich einander an, Angesichts der kalten und nackten Wirklichkeit, die mit keinem Fetzen irdischen Scheines mehr bedeckt >var. In der Scheune, wo kein Tisch, kein Stuhl, nichts außer den durch Schnee weiß gewordenen vier Wänden sich befand, lag auf dem durch den Schnee weißgcscheuerten Fußboden die gleichfalls durch den Reif völlig weiß gewordene Leiche, in ein Lacken oder Hemd gehüllt, aus dem nur der sehr große Schnurrbart hervorragte. Das war Baldyga. Die Leiche war fast ganz erfroren, und um sie leichter in den schon vorbereiteten Sarg hineinlegen zu können, rückte man sie näher der Thür zum Licht. Ich werde das Gesicht Baldyga's nie vergessen, wie ich es damals beim Tageslicht, vom Schnee gereinigt, gesehen habe. Das strenge Antlitz trug das Gepräge eines merkwürdigen, unbeschreiblichen Lchmerzes, und aus den weit geöffneten Augen schien etwas wie ein bitterer Vorwurf gegen den frostigen grausamen Himmel zu blicken. Einer meiner Nachbarn, der den Eindruck, welchen der Anblick Baldyga's ans mich hervorgebracht, bemerkt hatte, erzählte mir nun folgendes: „Der Verstorbene war ein braver Mann, er war stets frisch und arbeitslustig und gesellte sich immer zu den Aermeren; aber da er wie ein Bauer sehr eigensinnig war, glaubte er bis zu seinem Ende, daß er an die Narwa zurückkehren würde. Sicherlich hat er erst vor dem Tode es Ungesehen, daß dem doch nicht so sein werde!" Indessen legte man die erstarrten Ueberreste in den Sarg hinein, stellte diesen dann auf einen einspännigen Schlitten und, indem die Schneidersfrau W., die als in religiösen Ceremonien sehr bewandert galt, auch diesmal die Pflichten des Geistlichen erfüllte, begann sie mit lauter Stimme ein altes russisches Kirchenlied zu intoniren. So gingen wir zum Kirchhofe, den Gesang mit leisem Murmeln begleitend. Wir gingen rasch, der Frost wurde immer stärker und trieb zur Eile an. Endlich sind wir auf dem Kirchhof angelangt; Jeder von uns wirft ein Klümpchen gefrorener Erde auf den Sarg; ein paar geschickte Schläge mit dem Grabscheit .... und nach einer Weile zeugt nur noch ein frisch aufgeschütteter Erdhügel von dem noch nicht lang entschwundenen Dasein Baldyga's auf dieser Welt. Aber auch er wird dies nicht lange bezeugen; kaum ein paar Monate, dann wird der Frühling kommen, der Grabhügel, durch die Sonne erwärmt, wird aufthauen und wieder zu Erde werden, mit Gras und Unkraut bewachsen. Nach einem oder zwei Jahren werden auch die Zeugen des kalten Begräbnisses anssterben oder sich in der weiten Welt zerstreuen, und wenn Dich dann selbst Deine leibhafte Mutter suchen würde, fände sie Dich nirgends mehr auf dieser Erde, armer Freund! — Aber Niemand wird Dich hier suchen, und nicht einmal Dein treuer Hund wird nach Dir hier fragen. Baldyga wußte es wohl, und wir wußten es auch, und schweigend gingen wir auseinander unseren Wohnungen zu. * * * Am Mittag nach dem Begräbnis; wurde der Frost noch stärker. Auf der anderen Seite der ziemlich schmalen Straße, in welcher ich wohnte, sah man kein einziges Gebäude; ein dichter Schnecschleicr hing wie eine große Wolke über der Erde. Durch diesen dichten Nebel konnte nicht einmal die Sonne hervorblicke», aber trotzdem, daß man auf der Straße keine lebendige Seele finden konnte, drang doch durch die in Folge der großen Kälte ungemein verdickte Luft bald der metallische Klang des knarrenden Schnees, bald ein Getöse der zersprengenden dicken Wände in den benachbarten Häusern oder der in Rissen aufspringenden Erde, bald ein wehmiithiges Lied einer Jakutskerin, das wie leises Stöhnen an mein Ohr klang. — Augenscheinlich begannen jetzt jene schrecklichen Kälten von Jakutsk, angesichts welcher selbst die starken Polarfroste erblassen, und bei denen sich eine unbeschreibliche Furcht des Menschen bemächtigt; da alles Lebendige in diesen entsetzlichen Tagen die Empfindung einer wahren Ohnmacht hat, so schließt es sich eng an einander an und schrumpft zusammen, wie ein elend gewordener Hund, der sich von einer Schaar hartnäckiger Bullenbeißer umringt sieht und genau weiß, daß alle Verthcidigung vergeblich, und daß der unerbittliche Feind früher oder später doch siegen werde. Und merkwürdig, Baldyga trat jetzt immer häufiger vor »reine Augen, gleich als ob er noch lebendig wäre. Seit einer Stunde schon sitze ich vor einer mir zurecht gelegten Arbeit, doch es glückt mir nicht, sie anzufangen; die Feder fiel mir von selbst aus der Hand, und der Gedanke riß sich unfolgsam los und flöh weit über die Grenzen dieses schneeigen und frostigen Landes hinaus. — Ganz vergeblich appellire ich an meinen Verstand, vergeblich wiederhole ich mir schon zum zehnten Male die Rathschlügc meines Arztes. Bis jetzt leistete ich der mich seit ein paar Wochen verzehrenden Krankheit noch einen gewissen Widerstand; heute aber fühle ich mich ganz gelähmt und kraftlos. Die Sehnsucht nach der Heimath reibt mich auf und verzehrt mich erbarmungslos. — So oft schon konnte ich den täuschenden Träumen nicht widerstehen, werde ich heute wohl der Versuchung Stand halten? Und die Versuchung ist stärker und ich selbst schwächer wie gewöhnlich. — Weg denn, Frost und Schnee, weg, du traurige, schaurige Wirklichkeit von Jakutsk! Ich werfe ineine Feder, fort und von Tabakswolken umschwebt, lasse ich meiner Phantasie frei die Zügel schießen. Und sie, die Uebermüthige, trügt mich mit sich fort in weite, weite Fernen. . . . Durch Wälder und Steppen, über Berge und Flüsse; durch das weite Zarenreich und zahllose Länder läuft der geflügelte Gedanke nach dem weiten Westen und entrollt vor mir einen wahren Zauber: die Fluren meiner Heimath am Strande des Bug, voll von Schönheit und erhabener Harmonie und frei von menschlicher Bosheit und Elend!! Meine Lippen, sie können von ihm nicht erzählen