Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 376 (sequence 8)
- Language
- German
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376 Newcastle, Rutland, des Grafen Derby, Marquis of Ripon, des Unterstaatssekrctürs Bnlfour u. s. w. statt. Es ist natürlich, daß die Juden sich dankbar zu erweisen streben. Für gemeinnützige Zwecke haben sie eine offene Hand, am Hospital Sunday ') fließen die Beitrage aus den Synagogen immer besonders reichlich. Es war Sir Moses Montcfiore, der Mann, welchen wir mit Recht als die Inkarnation des englischen Judenthums betrachten, der im Jahre 1861 die Sammlungen für die bedrückten syrischen Ehristen eröffncte. -) Daß jüdische Grundbesitzer Stücke Land zu Kirchenbauten schenken, gehört nicht zu den Seltenheiten, und zum Besten des Kirchenbaufonds hielt ein Jude, Herr Spielmaun, vor Kurzem einen Vortrag. Vielleicht der schönste Beweis aber für das einträchtige Zusammcnlebcn der verschiedenen Religionsgesellschaften sind die Vorträge, tvelche jüdische Rabbiner vor christlichen Zuhörern über Judaica gehalten haben. Als Erster sprach vor etwa 20 Jahren Rabbiner Marks von der Reformgemeinde auf Einladung der philosophischen Gesellschaft zu Edinburg über modernes Judenthum. Im vergangenen Jahr sind die Rabbiner Singer, Cohen, Joseph als Redner aufgetreten. Durch ihre Veranlassung sind die Vorträge interessant, welche Herr Rabbiner Green in Sheffield und Umgegend über Judaica gehalten hat. Ein getaufter Jude, Tr. Roßvally, suchte nämlich in öffentlichen Versammlungen Juden und Judcnthum durch unwahre Angaben verächtlich zu machen. Herr Green trat ihm in einem offenen Briefe entgegen und erhielt daraufhin verschiedene Einladungen zu Vortrügen, theils von gelehrten, theils von religiösen Gesellschaften. So sprach er z. B. im christlichen Verein junger Männer und vor den Unitariern in Sheffield. Gewissermaßen das Leitmotiv seiner Reden war der Gedanke, daß es über die engen Grenzen der Konfessionen eine Religion gebe, welche alle sittlichen Menschen verbinde, die Religion der Noachiden. Diese Ansprachen, denen auch eine große Anzahl Geistlicher beiwohnte, fanden viel Beifall und trugen dazu bei, die Beziehungen zwischen Christen und Juden zu freundschaftlichen zu gestalten. Umgekehrt sind wiederholt Christen in Jew’s College als Redner ausgetreten, so Tr. Richardson, Sir Charles Marren und Major Condcr"), und in der Jerusalemer Schule der Ango Jewisli Association war im vergangenen Jahr ein Schotte, Mr. Whitelaw, zu seinem Vergnügen als Lehrer der englischen Sprache thätig. c) Ursachen. Tie Ursache dieses freundschaftlichen Verhaltens zwischen den Anhängern der verschiedenen Religionen finde ich zunächst in der englischen Freiheit. Jahrhunderte der Preß- und Redefreiheit haben jene Toleranz zur Folge gehabt, oder richtiger — da das Mort Toleranz etwas hochmüthig Herablassendes hat — jene Achtung vor der fremden Meinung, von welcher Achtung vor der religiösen Meinung nur ein besonderer Zweig ist. Ein kontinentaler Redner, der von der Emanzipation der Juden spräche, würde die Gleichheit aller derer betonen, die Menschenantlitz tragen, der englische Redner spricht von der Freiheit. So sagte Lord Shaftesbury in jener Rathhaus-Versammlung zu Gunsten der russischen Juden: „Der Engländer liebt die Freiheit und wünscht, daß Jedermann so frei sei wie er selbst." Und in ') ES ist dies der Sonntag, an welchem in den Gotteshäusern für die Hospitäler der Stadt gesammelt wird. 0 Es war eine der ersten Handlungen der im Jahre 1860 gegründeten Alliance israelite universelle für denselben Zweck thätig zu sein. :!) Derselbe hat auch wiederholt Artikel für den Jewisli Chronicle geschrieben. gleichem Sinne sagte der Lord-Kanzler bei der Einführung des Herrn Jsaacs: „Wir Engländer halten Verfolgung wegen einer fremden Meinung für ein unverantwortliches Verbrechen." Das englische Volk hat aber besondere Veranlassung, religiöse Meinungen zu achten. Ein Volk, welches in Indien über Millionen und Millionen Andersgläubiger herrscht, kann eine solche Herrschaft mit vergleichsweise so geringen Mitteln nur dadurch aufrecht erhalten, daß es die religiösen Meinungen und Gebräuche seiner Unterthanen auf das Gewissenhafteste achtet.') Aus der Achtung aber wurde Sympathie. Der konservative Zug im Judenthum ist dem Engländer kongenial. Wie er selbst charaktervoll am Alten hängt, sieht er in der treuen Bewahrung alter Bräuche nicht Eigensinn, sondern Charakter. Und wie er weiß, daß unter der Perrücke seines Richters ein Kopf mit modernen englischen Ideen sitzt, ist er davon überzeugt, daß unter den Gebetmünteln der englischen Juden die Herzen moderner Engländer schlagen. Der Engländer ist sich bewußt, daß die Juden das Volk des alten Testaments sind. Während anderwärts ein Makel auf dem Alttestamentarischen liegt, ist in England das Gegcnthcil der Fall. Hurley, Englands großer Physiologe sagt, keine Gesetzgebung der Welt sei zugleich so gerecht, zugleich so fürsorgend für Arme und Schwache, wie das Gesetz des alten Testaments. Während bei uns selbst orthodoxe Juden unter einem germanischen Pseudonym ihren alttestamentarischen Vornamen zu verbergen trachten, führten Cromwell's Puritaner solche Namen, führen auch jetzt viele englische Christen einen solchen.") Am deutlichsten aber zeigt sich die Sympathie des englischen Volkes in jener bändereichen Litteratur, welche die Abstammung des englischen Volkes von den verloren gegangenen zehn Stämmen nachzuweisen sucht. Und jene Sympathie ist durchaus nicht wunderbar, sondern in der Frömmigkeit des englischen Volkes begründet. Ein christliches Volk, welches fromm ist, wird sich bewußt sein müssen, daß der Stifter und die Apostel der christlichen Religion Semiten waren; ein ehrlicher Antisemitismus ist nur auf dem Boden religiöser Indifferenz denkbar. Auch den englischen Juden gebührt ein Theil des Verdienstes an der Erquicklichkeit der dortigen Verhältnisse. Es fordert zum Nachdenken auf, daß in England, dem Lande vollster Gleichberechtigung, der Jude am meisten Jude geblieben ist. Gleichberechtigung will nicht erbettelt sein durch sklavisches Nachgeben, sondern errungen durch Ueberzeugungstreue. Nichts hat die Achtung vor Juden und Judenthum mehr beeinträchtigen müssen, als die Fahnenflucht oder die Indifferenz derjenigen, welche durch ihre bürgerliche Stellung zu Führern in Israel berufen waren. Wer einein Vorurtheil nachgiebt, der kräftigt es, wer demselben trotzt, wird es besiegen. Darum haben jene englischen Juden, die treu zu ihrer Religion gehalten haben, sich wohlverdient gemacht, nicht nur um ihre Glaubensgenossen, sondern um die Menschheit. Ehre den englischen Juden! Sie haben verstanden, einem Vorurtheil muthig zu widerstehen. Größere Ehre aber den englischen Christen, denn sie haben den Sieg davongetragen über die eigenen Vorurtheile. *) Kleinere Ursachen kommen hinzu. Der Engländer ist wirthschaftlich zu gebildet, als daß man ihm vorlügen durfte, er werde von einer Handvoll Juden beherrscht. Er wäre auch zu stolz, etwas Derartiges zu glauben. Größere Verbreitung historischer und theologischer Kenntnisse trägt dort ebenfalls zu einer gerechteren Würdigung des Judenthums bei. 0 Aehnlich auch in Holland.