Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 28 (25.7.1890)
- Date
- 1890-07-25
- Page
- Seite 374 (sequence 6)
- Language
- German
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374 man den .Maden schon mit acht Jahren oder noch früher in den Talmud einführte, um es dahin zu bringen, daß er bei seiner Barmizwa über irgend eine schwierige Stelle aus den Tosaphot oder aus Maimonidcs öffentlich disputircn konnte. Beides ist heute überwunden, das Drillen im Gcbetbuche wird in keinem Falle genügen und das Erzielen theologischer Gelehrsamkeit wollen wir der fachlichen Bildung ausschließlich Vorbehalten. Hingegen können wir es nicht dem Zufalle überlassen, daß die Jugend sich die Kenntniß der jüdischen Geschichte aneignet und wir wollen andererseits, daß ihr die äußere Geschichte des jüdischen Volkes, sowie sein geistiger Entwicklungsgang vollständig vertraut sei. Biblische Geschichte und nachbiblische Geschichte des jüdischen Volkes müssen aber, sowohl was Ziel als was Methode betrifft, streng von einander geschieden sein. Bei der biblischen Geschichte müssen wir immer das Ziel im Auge behalten, daß nicht die äußeren Thatsachen, wie sie sich wirklich vollzogen haben, die Hauptsache sind, sondern daß es uns nur auf die religiösen Lehren ankommt, in deren Licht dem Geschichtsschreiber diese Thatsachen erschienen sind. Das Königthum mag in Israel durch die Nothwendigkeit des Zusammenschlusses der unabhängigen Stämme zur Abwehr gegen äußere Feinde entstanden sein, es mag auch die Abneigung gegen eine überlebte Pricsterherrschaft an dieser Verfassungsänderung einen bedeutenden Authcil gehabt haben, für uns ist diese Geschichte nur in dem Sinne verwerthbar, daß sie ein Sinken des Vertrauens auf Gottes allmächtige Hilfe, das sich in der Folge selbst bestraft, darstellt. Kritik gehört nicht in die Schule, denn in der Schule soll Religion und nicht Alterthumskunde oder Theologie gelehrt werden. Damit soll nicht gesagt sein, daß das supranaturalistische Element im Religionsunterricht unbedingt betont und wo möglich erhöht werden müsse! Im Gegentheil bin ich dafür, daß der Anstoß, welchen auch die Jugend an manchen Wundcrerzählungen nimmt, nach Möglichkeit beseitigt werden soll, wo dies geht, ohne daß zugleich einzelne fromme Gcmüther daran Anstoß nehmen. So kann die Geschichte Jonas ohne Weiteres als Allegorie behandelt werden, da ja auch die Bibel durch Weglassung aller zeitgeschichtlichen Ncbenumstände auf diese Erklärung hindrängt; auch bei der Erzählung von der Schlange im Garten Eden, bei dem redenden Esel Bileams, bei dem Stillstände der Sonne in dem Kriege Josua's und bei der Umkehr des Schattens in der Geschichte König Chiskias mag es dem Lehrer freigestellt werden, den Allstoß, welchen manche Menschen an diesen Berichten nehmen, dadurch hinweg zu räumen, das; er sie als Sage betont, deren geschichtlicher Charakter Nebensache ist und hinter die allegorische Bedeutung zurücktritt. Selbstverständlich sage ich nicht, daß er cs thun müsse, sondern daß er es thun könne und nach meiner Allsicht auch thun solle, weil er damit gewiß weniger Schaden anrichtet, als weiln er der Jugend einredet, daß die religiöse Weltanschauung mit der wissenschaftlichen durchaus unvereinbar sei. Ganz anders aber als die Behandlung der biblischen Geschichte muß sich die der nachbiblischen gestalten. Hier kommt es darauf nicht an, was die Duellen berichten, sondern was wirklich geschehen ist. Schon in der Darstellung der makkabäischen Zeit wird man gut thun, so geschmacklose Wundcrgeschichten, wie die Prophezeiung des Essäers Judas von dem bevorstehenden Tode des Antigonus, dem er prophezeite, er werde im „Stratonsthurme" umkommen, während er sechshundert Stadien davon entfernt war, und wie sich die Prophezeiung doch in einem anderen Stratonsthurme erfüllte (Josephus, Altcrthümer 13,11), bei Seite zu lassen. Noch weniger wird es Jemandem einfallen, die Geschichte von dem Uhu, welcher dem Könige Agrippa bei feinem ersten Erscheinen das höchste Glück und bei seinem zweiten Erscheinen seinen baldigen Tod verkündigte (Josephus, Alterthümer 18, 1; 19, 8), als eine uubezweifelbare Thatsache hinzustellen. Wenn nun aber der Unterricht die Aufgabe hat, die Thatsachen, wie sie wirklich geschehen sind, darzustcllen, so muß er darum kein trockener sein; er muß vielmehr immer die Aufgabe sich vor Augen halten, den religiösen Entwicklungsgang des Judenthums, wie er sich in diesen Thatsachen ausspricht, dem Schüler begreiflich zu machen. Dieser Zweck wird am besten dadurch erreicht werden, daß man einzelne Persönlichkeiten von hervorragender Bedeutung aus dem Rahmen der Geschichte hervorhebt und sie als Typen ihrer Zeit zur Anschauung bringt. Dadurch wird allerdings der pragmatische Zusammenhang der Geschichte zerstört, aber sie wird der Jugend viel verständlicher, und auch abgesehen von diesem pädagogischen Moment müssen wir uns ja darüber vollkommen klar sein, daß die jüdische Geschichte, in Folge der Spärlichkeit unserer Quellen bis ins 18. Jahrhundert, überhaupt nicht in pragmatischem Zusammenhänge dargestelll werden kann; für unsere Zwecke aber ist auch sonst nicht die wissenschaftliche Kenntnis;, sondern die religiöse Nutzung die Hauptsache. 9 Die Juden im heutigen England. Von Dr. Heinrich Meyer Cohn. III. Stellung der Regierung. In England genießen die Juden politische Gleichberechtigung, nicht nur auf dem Papier, sondern in Wirklichkeit. Mehr als das, auf ihre religiösen Bedürfnisse wird Rücksicht genommen. So sollen Juden in Oxford und Cambridge Examina, die auf den Sonnabend oder einen jüdischen Feiertag fallen, an anderen Tagen nachholen dürfen; bei Wahlen, die auf einen solchen Tag fallen, soll der Wahlvorstand auf Wunsch des jüdischen Wühleredessen Wahlzettel ausfüllen. In einem Irrenhaus wird gestattet, das; einem in der Nacht sterbenden Juden ein Glaubensgenosse zur Seite steht, während sonst während dieser Zeit der Besuch von Fremden untersagt ist. Im London-Hospital giebt es für den jüdischen Patienten koschere Küche, und was dergleichen Vorschriften mehr sind, die, an sich von keiner Wichtigkeit, durch den Geist edler Toleranz, den sic athmen, von Bedeutung sind/) Besonders bemerkenswert!) ist die Stellung des Auswärtigen Amtes. Die sorgenfreie Lage, in welcher sich die englischen Juden befinden, hat sie gegen die Leiden ihrer unglücklicheren Glaubensgenossen in weniger civilisirten Ländern nicht gleichgiltig gemacht. Um die Lage derselben zu mildern, haben sie oft den Minister des Auswärtigen um seine Intervention bitten müssen. Sie durften mit innigem Danke anerkennen, daß der Appell an die Menschlichkeit des Ministers niemals vergeblich war. ft Die englischen Konsuln versehen gegenüber den Schulen der Anglo-Jewish Association gewissermaßen das Amt von freiwilligen Schulräthen, ähnlich wie ihre französischen Kollegen gegenüber den Schulen der Alliance israelite universelle. Namentlich sind die Briefe des Ministerresidenten Sir Kirbeh Green in Tanger und des Konsul Payton in Mogador 9 Dabei dürfte England schwerlich weniger christlich sein als andere Länder. '-) S. Memorandum des Board of Depulies an Lord Salisbury betr. die jüngsten Unruhen in Bagdad. Der Premier wies seinen Gesandten telegraphisch an, die Sachlage zu untersuchen und begründeten Beschwerden abzuhelfen. Das Auswärtige Amt vermittelte auch eine Audienz des Board ok veputies beim Schah anläßlich seiner Anwesenheit in England.