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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-18 · Heft 27 (18.7.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 27 (18.7.1890)
Date
1890-07-18
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Um i Uhr fand hierauf ein gemeinschaftliches Mahl statt, an welchem auch Damen Theil nahmen. Das erste, von dem Vorsitzenden ausgebrachte Hoch galt Sr. Majestät dem Kaiser. Ernste und heitere Trinksprüche wlgten sodann in bunter Abwechselung, bis in später Abendstunde die Zeit zur Trennung herangekommen war. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 14. Juli. Ich berichtete jüngst, daß der Gememde- Zorstand beschlossen habe, in den Lehrplan für den Religionsunterricht die Uebersetzung der Bibel im Urtexte (zunächst des Pentateuch) ansinnehmen. Wie ich nun höre, wird dieser Beschluß zurückgestellt und wll im nächsten Schuljahre noch keine Aenderung eintreten. * Wien, 11. Juli. Der bekannte Schachmeister Isidor Gunsn erg in London wurde vor einigen Wochen in dem hiesigen Antisemitenntatte heftig angegriffen. Es wurde von ihm behauptet, daß er nach dem mit Tschigorin in Havannah durchgefochtenen Match seinem Gegner den Antrag gestellt habe, einer Einladung des New-Norker Schachklubs;u folgen, das Turnier in New-Uork fortzusetzen und den ausgesetzten Diegespreis von 500 Dollars unter allen Umständen zu theilen, auch oenn Gunsberg unterliegen sollte. Das „Deutsche Volksblatt" hatte an diesen angeblichen Sachverhalt noch weitere schmähende Bemerkungen geknüpft, welche sich insbesondere aus Gunsbergs jüdische Abstammung dezogen. Gunsberg hat nun durch den Vertheidiger Dr. Jaques Fischer die Ehrenbeleidigungsklage eingebracht. Die in Folge derselben vorgestern im Redaktionslokale vorgenommene Hausdurchsuchung war von Er iolg begleitet, das inkriminirte Manuskript wurde vorgefunden und saisirt. Man sieht dem Ausgange des Prozesses in Schachkreisen mit gespannter Aufmerksamkeit entgegen, zumal Gunsberg an dem im nächsten Jahre in Wien stattfindenden internationalen Schachturnier Theil zu nehmen gedenkt. * Prag, 7. Juli. Am 30. Juni wurde mit der Beerdigung des!. k. Lieutenants Alexander Popper der israelitische Friedhof in Wolschau bei Prag geschlossen, und von diesem Tage ab bis zum 4. Juli fand in der ganzen großen Judengemeinde Prags kein einziges Leichenbegängniß Aatt, ein Fall, der sich seit nahezu 100 Jahren nicht ereignet hatte. Am Freitag wurde ein zweijähriges Kind zur ewigen Ruhe bestattet, doch fand ste feierliche Eröffnung des Friedhofes erst anläßlich des Leichenbegängnisses des Herrn I. U. C. Porges am Sonntag statt. Zuvor batten nach alter Sitte die Kohanim das erste Grab gegraben. Den ersten Spatenstich machte Herr Raphael Kauders, ein wegen seiner Frömmigkeit, seines Wohlthütigkeitssinnes und seiner Bescheidenheit allseitig hochgeachteter Mann. Ihm folgte bei diesem pietätsvollen Akte der nicht minder geachtete autb nicht minder fromme Schriftsteller S. Kohn, Mitglied der Kultusgemeinde-Repräsentanz, der sich durch seinen vielgelesenen Roman „Gabriel" einen Namen gemacht hat. Beim Leichenbegängnisse des Herrn Porges selbst fand sich Alles zusammen, ivas Prag an Talmudgelehrten, frommen Männern, jüdischen Amtspersonen und Vereinsvertretern aufzuweisen hat. Im Zuge, der sich oom Badhose bis zum neuen Friedhofe bewegte, sahen wir den Oberrabbiner Herrn Dr. Nathan Ehrenfeld, die Herren k. k. Regierungsrath Professor Dr. Kämpf, Nabbinatsassessor Dr. Tauber, Feldprediger Dr. Kisch, die Kreisrabbiner Dr. Haller und Dr. Schiffmann, die Religionslehrer Dr. Grün und Dr. Knöpfelmacher, den greisen Gelehrten Woduiansky, die gesammte Kultusgemeinde-Repräsentanz mit dem Präsidenten Dr. Rosenbacher und dem Vicepräsidenten Dr. Bendiener, die Beerdigungs-Bruderschaft unter Führung des Obmanns und Obmannsstelloertreters, der Herren David Lieben und Juwelier Hermann Jnwald. Die Gemeinde Karolinenthal war durch die Vorsteher Herren Ignatz Kallburg und Schönberger vertreten. Außerdem folgte eine nach vielen Hunderten zählende Menge, unter der sich die Deputationen fast aller jüdischen Vereinigungen befanden, dem Sarge. Die Eröffnungsfeier selbst wurde durch einen vom Oberkantor der Meiselsynagoge, Herrn Wallerstein, dirigirten Chorgesang eingeleitet. Sodann bestieg der Obmann der Beerdigungs-Bruderschaft. Herr David Lieben, die Rednerkanzel und warf in schlichten Worten einen Rückblick auf die Entstehung des ersten, gegenwärtig als Sehenswürdigkeit weit berühmten, des zweiten nunmehr ausgelassenen, und des dritten, eben zu eröffnenden Friedhofes. Er sprach dem Statthalter, der Prager unb Zizkover Gemeindevertretung den Dank für das freundliche Entgegenkommen aus, das die Behörden der Friedhofskommission entgegenbrachten, und fand für das Wirken dieser nur. Worte der höchsten Anerkennung. Nachdem der Redner geendet, betrat unter lautloser Stille der Oberrabbiner Dr. Nathan Ehrenfeld die Kanzel. In ergreifenden Worten schilderte er mit klarer, weithin vernehmbarer Stimme die Bedeutung der Begrabnißstätte, erinnerte daran, daß Niemandem der Heimweg zur ewigen Ruhe erspart bleibe und schloß seine formvollendete Rede mit dem Hinweise auf ein Wiedersehen im Jenseits. Der bilderreiche, sanft von den Lippen des Redners stießende Vortrag übte auf alle Zuhörer den tiefsten Eindruck aus. Gelehrte wie Laien rühmten einmüthig die Vortragskunst des Redners, und derselbe hat an Sympathie in der Gemeinde bei der Eröffnung des neuen Friedhofes nur gewonnen. Schweiz. O Zürich, 7. Juli. Es ist wohl noch in der Erinnerung vieler Leser dieses Blattes, daß vor ungefähr drei Jahren von einem gewissen Stephan Marugg in Basel Circulare an jüdische Adressen verschickt wurden nut der Aufforderung zur Subskription auf eine „Uebersetzung des S ch u l ch a n a r u ch", welche besagter Herr unter Mitwirkung „hervorragender Fachgelehrten Deutschlands und Englands" herausgeben wollte. Als Unternehmer war Herr Dr. Johann de Pavly, Präsident des Vereins „Theologumenon", genannt. Die Unwissenheit, welche sich in jenem Circular breit machte, sowie die beigegebene Uebersetzungsprobe ließen sattsam erkennen, daß man es mit einem antisemitischen Manöver zu thun hatte, und sehr bald stellte sich denn auch heraus, daß lediglich der berüchtigte Justus-Brimann die gewonnene fachmännische Autorität bildete. Nunmehr veröffentlicht das hiesige Verlags-Magazin eine Bekanntmachung des Inhalts, daß Herr Dr. Johann de Pavly verschwunden und Herr Stephan Marugg daher nicht in der Lage sei, das Werk weiter erscheinen zu lassen. Was mit den Subskriptionsgeldern geschehen ist, darüber wird nichts mitgetheilt. Frankreich. K Paris, 10. Juli. Unser Glaubensgenosse Hr. Dr. Arn old Ne tter ist von der Regierung ausersehen worden, um die Quarantänemaßregeln an der spanisch-französischen Grenze zur Verhütung der Einschleppung der Cholera zu leiten. Derselbe Gelehrte wird im Aufträge der Negierung im August nach Berlin gehen, um dort an den Arbeiten des internationalen medizinischen Kongresses als Vertreter Frankreichs Theil zu nehmen. Großbritannien. * Drtblin, 9. Juli. Die hiesige jüdische Bevölkerungsziffer hat sich in den letzten Jahren durch den Zuzug von Fremden bedeutend vergrößert, und zwar in einem solchen Maaße, daß, während die ursprüugliche, im Jahre 1800 gegründete Gemeinde der Hauptstadt nur 12 oder 13 Familien zählte, die Zahl der fremden Juden heute ca. 700 betrügt. Hauptsächlich wegen der Entfernung der Mary's Abbey-Synagoge von dem Wohnsitze dieser Fremden haben sich dieselben von der jüdischen Gemeinde getrennt und 2 nahe nebeneinander liegende Betsäle in dem oberen Stock ungesunder und auch sonst ungeeigneter Häuser eingerichtet. Sowohl um dieser Unzuträglichkeit, welche zu Aergernissen Anlaß geben kann, ein Ende zu machen, als auch um die jüdische Gemeinde zu konsolidiren, ist dieselbe nach großen Schwierigkeiten in den Besitz eines Grundstückes zum Bau einer Synagoge gelangt, welche für die sümmtlichen Juden der Hauptstadt Raum haben wird. Man hat sich in der Voraussetzung, daß von den Fremden keine Beiträge zu erhalten sein werden, um Unterstützung an die Glaubensgenossen in England gewendet. Es fehlt noch die Summe von 60,000 Mk., welche Summe ja für den frommen Sinn Londons nicht bedeutend ist. Amerika. * New-Aork, 25. Juni. Aus einer von Herrn Hermann Rosenthal tu der „Newyorker Staats-Ztg." veröffentlichen Tabelle, welche aus den Büchern der Einwanderungs-Kommission zusammengestellt ist, ergiebt sich, daß die Einwanderung r u ss i sch - p o ln is ch er Ju d e n seit dem Anfänge dieses Jahres abgenommen hat. Die Zahl betrug 1887/88 im Durchschnitt monatlich 1734, im Jahre 1888/89 1331 und 1889,90 nur noch 1117. Wie Herr Rosenthal behauptet, hat sich die Qualität der Immigranten bedeutend verbessert, indem der Prozentsatz der Handwerker und der nach den westlichen Staaten direkt abreisenden Einwanderer beständig zunimmt. Was die Nützlichkeit der russisch-polnischen Juden als Einwanderungsklasse betreffe, so glaube er behaupten zu können, daß sie, nach den Deutschen, vielleicht das nützlichste Material bilden, indem sie ein musterhaftes Familienleben fuhren, nüchtern arbeits-

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