Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 27 (18.7.1890)
- Date
- 1890-07-18
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 lustig und sparsam seien und sich erstaunlich rasch in die gegebenen Verhältnisse hineinfinden, wobei fast alle Kinder die öffentlichen Schulen oder auch höhere Lehranstalten besuchen und sich so schon uctcf) kurzer Zeit amerikanisirten. Das einzige Unsympathische im Charakter der russisch-polnischen Juden sei vielleicht ihr, historisch vererbbarer, Hang zum Zusammenleben im Ghetto, doch würden von den deutschen und amerikanischen Juden große Anstrengungen gemacht, sie aus den Downtown-Vierteln, so bald als sich irgend thun läßt, nach kleineren Städten und auch auf Farmen zu bringen, und es sei kein Grund vorhanden, : zu bezweifeln, daß sich auch diese sozial-ökonomische Frage zur allgemeinen i Zufriedenheit lösen werde. Jedenfalls wäre es sehr unrecht, die russisch-! polnischen Juden als eine schlechtere oder gar mit Tataren vermischte; Raffe zu bezeichnen.! * New-Aork, 25. Juni. Das „Hebrew Technical Institute"! veranstaltete bei Gelegenheit der Schlußfeier des Schuljahres eine Ausi stellung von Gegenständen und Zeichnungen, welche von den Zöglingen! des Instituts hergestellt worden waren. Da waren äußerst genau ge-; arbeitete Gegenstände verschiedener Art aus Holz, die mittelst Säge,! Hobel, Meißel rc. hergestellt waren, sauber gedrechselte Arbeiten in Holz und Metall, Modellir-Arbeiten, eine kleine Dynamo-Maschine, verschiedene j elektrische Apparate und eine Anzahl anderer Gegenstände aus dem Gebiete der Schreinerei, Metall-Bearbeitung, Mechanik u. s. w. Sämmtliche Gegenstände waren sauber und nett ausgeführt und zeigten deutlich, welch' treffliche Früchte der Unterricht getragen, den die Knaben in dem Institut in Handfertigkeiten resp. Handwerken erhalten. Ist es ja doch der Hauptzweck des Instituts, israelitische Kinder zu brauchbaren Handwerkern heranzuziehen. — Nachdem die allsgestellten Gegenstände voll deil zahlreich erschienenen Freunden der Allstalt in Augenschein gellomm ll worden waren, hielt der Vorsitzellde des Direktorenrathes, Herr James H. Hoffmann, eine längere Ansprache, in der er auf die segensreichen Erfolge des Instituts aufmerksam machte und betonte, daß man beabsichtige, das Gebäude 31t vergrößern, um noch mehr Knaben, als seither, in Handwerken unterrichten zu können. Nach dem Vortrag mehrerer Gedichte seitens verschiedener Zöglinge des Instituts hielt einer der Graduirten, Jakob M. Steinhardt, einen Vortrag über „Bessemer Stahl", Joseph Sego.ll einen solchen über „Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität", und Isaak Finkelstone verlas ein von Benno Tobias verfaßtes Essay über eine von Herrn Carl Schurz gestellte Preisfrage. Nachdem Samuel Cohen im Namell der ausscheidenden Zöglinge oie Abschiedsrede gehalten, hielt der Direktor des Instituts Dr. Henry M. Leipziger eine kurze Allsprache und vertheilte dann die Diplome lrnd Ehrenpreise. Der dreijährige Kursus des Instituts umfaßt Unterricht im Freihandzeichnen, Maschiuenzeichnen, Mathematik, Physik, englischer Sprache, Drechseln, Holzuild Metall-Bearbeitung und im Modellireu. Applikanten müssen über zwölf Jahre alt sein. * Von Nah und Fern. — Sir Simon W olf, welcher als Vertreter der Stadt Washington die von derselben zum X. deutschen Bundesschießen gestiftete Ehreumedaille überreicht hat, ist unser Glaubensgenosse. Derselbe, längere Zeit amerikanischer Generalkonsul in Kairo, nimmt innerhalb des B'ne Brith-Ordens eine hervorragende Stellung ein. — Das letzte Schreiben Franz Delitzschs, des berühmten Leipziger Theologen, an beit Herausgeber eines Breslauer Missionsblattes ist von letzterem zum großen Theil veröffentlicht worden. Es offenbart noch jene wunderbare Geistesfrische, die auch den Greis nicht verließ. Delitzsch dankt in bemfetbeu für die aus seinen Wllnsch ihm zugesandten Mittheilungeu über den „Fall Bernstein", bezw. die in Verbindung damit gegen das Judenthum erhobene Beschuldigung. „Ich habe nicht übel Lust, noch einmal drein zu schlagen", fügt er hinzu. Am Schluß heißt es: „Eine Gottesgeißel ist dieser Blutverdacht." - Der „ Rheinisch-westfälische Mission sverein für Israel" verausgabte im abgelaufeneu Jahre 19908,84 Mk. Dafür wurde ein einziger Jude getauft. — In Köln fand jüngst die Eröffnung der israelitischen Kinderbewahranstalt, Rubensstraße Nr. 18, statt. Im April dieses Jahres bereits wurde die Anregung zur Gründung einer derartigen Anstalt gegeben, und einige Damen unternahmen es, für diesen Zweck in der Gemeinde zu sammeln. Dank dem ausgeprägten Wohlthätigkeitssinne der israelitischen Gemeindemitglieder gelang es, in verhältnißmäßig kurzer Zeit eine größere Summe zusammen,zu bringen, so daß ein geeignetes Lokal gemiethet werden konnte. — Frau HenrietteLadenburg in Mannheim hat anläßlich ihres 65. Geburtsfestes die reiche Gabe von 25 000 Mt. als Zustiftung zu der bereits bestehenden Ladenburg-Stiftung dem Stadtrathe übermitteln lassen. — Der früher in Hamburg wohnende Kaufmann Herr Julius Levisohn, der in Amerika ein bedeutendes Gr schüft besitzt, ist kürzlich in seiner Vaterstadt eingetroffen und hat zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater, Herrn S. Levisohn, 100000 Ml. für Errichtung von Freiwohnungen gespendet. Verwalter dieser Stiftung sind die Herren: A. Wittmundt, N. Gompertz und S. Levisohn. — In Stuttgart wurde bei der in voriger Woche stattgehabten Wahl der Mitglieder des Burgerausschusses sowohl mm Seiten der konservativen wie der liberalen Parteien der Hofrath AlbertKaullaiu dieses Kollegium gewählt.- Die Gemeinde Höchst (in Hessen) wurde am 5. d. M. während dev Morgen-Gottesdienstes in große Aufregung versetzt. Der langjährige Vorbeter, Lehrer Eman. Wormser, wurde während des Musaphgebetes von einem Schlaganfall betroffen, von welchem er sich nicht wieder erholte, sondern dem er noch selben Tags erlag. — In einem Wiener Bezirke mit 118,000 Einwohnern, der Leopoldstadt, mit ungezählten Hotels, Gasthäusern und Bierstuben findet sich kein Wtrth. der die Konventikel der Judenfresser in seinen Räumen abhalten läßt. - Am Sonntag verstarb nach kurzer Krankheit der Wiener Börsen-Sensal Herr S. Gott lieb. Derselbe gehörte seit Jahren dem Vorstande der israelitischen Allianz an, versah das Amt eines Schriftführers mit seltener Hingebung und aufopferndem Fleiße. Am Leichenbegängnis^ nahm der Gesammtvorstand der israelitischen Allianz, mit dem Präsidenten Herrn David Ritter v. Guttman n an der Spitze, Theil. Auch das beeidigte Sensalen-Gremium hatte sich vollzählig eingefunden; ferner bemerkte man unter den Trauergästen: den landesfürstlichen Börsen Kommissar Hofrath Falkbeer, in Vertretung der Börsenkammer de>r General-Sekretär Edlen von Roßmanit u. A. m. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf. — Der jüd. Unterrichter Dr. Jos. Kramer in Kaposvar ist zum ordenn Lichen Oberrichter ernannt worden. — Der Che wra-Kadis cha- Verein der Pesther autonomen orthodoxen Judengemeinde ist bekauinlich mit seinem Gesuche, im Deutschen Thale in Ofen einen eigenen Friedhof anlegen zu dürfen, vom hauptstädtischen Verwaltungs-Aim schusse abgewiesen worden. Gegen diesen Beschluß rekurrirte der Verein an den Kultusmininister, welcher dem Gesuche mit der Begründung Folge gab, daß gegen die Anlage eines besonderen Friedhofes kein kulturelles oder sanitäres Hinderniß obwalte. Es herrscht darob natürlich helle Freude unter den Orthodoxen. - In Petersburg ist bei dem Kongreß für da : Gefängnißwesen Frankreich u. A. durch zwei Israeliten, die Herrn Dr e y - fu s und P a u l S t r au ß, vertreten. Hiernach scheint es, als ob die russischen Sperrmaßregeln sich nicht sowohl gegen Juden, als gegen deutsche Juden richten. — Herr Dr. I. S i m 0 n ist zum Oberarzt des Kreises Malmköping ernannt worden. — Die schwedische Juden Mission beschäftigt vier Missionare und eine Diakonissin; in den letzten drei Jahren ist nicht ei n einziger Jude bekehrt worden. — Die L 0 n d 0 n e r I u d e n m i s s i 0 n s - Gesellschaft verausgabte im abgelausenen Jahre 700000 Mk. Cr folg — der gleiche, wie in Schweden. — Der junge Jsak Epstein. Sohn des Londoner Rev. M. A. Epstein, ein Knabe von 6^ Jahren, trug letzthin im Royal College ofMusic unter großem Beifall auf dem Pianoforte seine eigenen Kompositionen vor. — Sir Philipp Magnus, eine der größten englischen Autoritäten auf dem Gebieic der Pädagogik, wurde an Stelle des verstorbenen Dyer zum „Fellow der Londoner Universität gewählt. Es ist bemerkenswerth, daß Sir Philipp die größte Anzahl von Stimmen hat, die jemals bei einer solchen Wahl vorgekommen ist. — Vor seiner Abreise in das Alpenbad Aix-les-Bains (Savoyen) hat der König von Griechenland noch dem Lord-Mayor von London, SirH. Jsaa cs, die Offiziers-Insignien dev griechischen Erlöser-Ordens verliehen. — Der Erzbischof von Rouen hat den Verfasser der bekannten Broschüre: „Das Blutgeheimniß", den Abbe Henry Desportes, aus dem Seminar und aus seiner Diözese amgewiesen. — In New-Uork erscheint seit Kurzem unter dem Titel „Ter Wanderer" in deutscher Sprache ein Organ für die Interessen des Judenthums. Herallsgeber ist Herr Dr. M. Wechsler. s,$sr* Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar B a u ch w i tz in Berlin.