Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 27 (18.7.1890)
- Date
- 1890-07-18
- Page
- Seite 365 (sequence 9)
- Language
- German
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365 schluchzend sanken sie an seinem Lager nieder, und auch über sein ichönes Gesicht rollte weich lind langsam die ihm unbekannte, lindernde Throne. — Nach einigen Minuten erhob er sich und zog auch Antonia mpor, noch einmal preßte er sie an sein Herz, dann führte er sie zu viliPPo hinüber, vereinte wieder ihre Hände, lächelte sie gütig an und winkte ihnen einen Abschiedsgruß zu — lautlos hatten Beide oas Zimmer verlassen. — Wenige Minuten der Sammlung genügten Marconi, um sich wiederzusinden. Es >var, als sei mit der Klärung icser Zweifel ein neuer Geist über ihn gekommen. Leicht und elastisch liiiig er durch das Zimmer, und dem bewegten Spiel seiner Mienen Ah man an, daß in seinem Geiste Erwägungen »nd Entschlüsse ver- .hiedener Art mit einander rangen. Er wurde allmälig ruhiger, bedächtiger, mld schicll fertig geworden mit seinem Nachsinnen und ärübeln. „Genug!" murmelte er vor sich hin — „genug! Es war ein ciches, großes, langes Leben — für einen, der nicht einmal weiß,;'o es begonnen, woher er kam .. Er trat an den Schreibtisch, nahm Feder und Papier und begann ruhig zu schreiben. Es war sein letzter Wille, den er aufsetztc. Filippo machte er umi Erben seines großen Vermögens unter der Voraussetzung, daß ir Antonia Lissander eheliche. Bedeutende Legate zu einem Unter- 'uitznngsfonds für junge Künstler setzte er fest und bedachte seine Tienerschaft reichlich. Er warf die Slimincn fast willkürlich aus, mit cchter Künstlerfreigebigkeit. Daß sie vorhanden sein werden, wußte >>. , ein begeisterter Anhänger seiner Kunst hatte sein Vermögen gut : crwaltet, und endlich schloß er dieses kurze und merkwürdige Testaru'iit mit den Worten: „Ich gehe nun, um mir auf eine zweite dunkle rage meines Lebens Antwort zu holen, nachdem mir urplötzlich Licht »rde über die erste, die mich beschäftigte. Klarheit und Seelenruhe nud die höchsten Güter des Daseins! — Da ein giitiges Geschick mir über mein und Anderer Lebensglück Klarheit gewährt und mich den i.chten Weg zu wühlen gelehrt hat, hoffe ich, daß ich auch die Antromt finden werde auf die Frage „Woher?" Ich ziehe aus, meine Seelenruhe zu suchen. Nichts nehme ich mit von incinen Besitzthümern, u!s ein kleines, schwarzes Büchlein mit krausen Zeichen, das wie ein Tuch mit sieben Siegeln mir das Geheimniß meines Lebens zu umichlicßen scheint. — Lebt wohl und forscht nicht nach inir! Enrico Aarconi." Dann siegelte er das Schriftstück und that kaltblütig Alles, um die Authentizität desselben zu beglaubigen. Er lächelte zufrieden vor ch hin und freute sich über seine Sachlichkeit und die Ueberlegung, ■r sonst nicht seine Art waren. Endlich war Alles erledigt, und nun trat er vor den großen :chrcin, und dort suchte er unter den stolzen Bünden moderner Wissenschaft ein kleines abgegriffenes, vergilbtes, verstaubtes und vcrissenes Büchlein heraus — den Pentateuch! So trat er seine Wanderschaft an, um die Lösung seines Lebenswihsels zu suchen. — Und er brauchte nicht weit zu gehen! Als er us seinem eleganten, auf dem Boulevard Haußmann gelegenen Palais heraustrat, lenkte er seine Schritte nach der Avenue de l'Opera. '"ald loar er im großen Gewühl der Menschen und ließ sich von demelbcn planlos fortführen. Er ging an der Oper vorüber und trieb unt dem Stronr den Boulevard des Capuzines entlang, an den alanzend erleuchteten Cafes vorbei, weiter und immer weiter, bis er un Boulevard de Marie nouvelle sich durch das Gedränge belästigt 'ählte und in eine Querstraße einbog. Dort hielt er einen Moment nne, schöpfte Athem und schien sich zu besinnen — wohin? Die Antwort zu suchen! Die Dämmerung war rasch herabgesunken, und die Lust war, nie im Herbst gewöhnlich in Paris, mild und weich. Es fiel ihm einen Augenblick auf, daß er in dieser abgelegenen Straße eine größere Anzahl Menschen einem bestimmten Ziele zustreben sah, aber er hatte für solche Aenßerlichkeiten kein wirkliches Interesse; zu viel Anderes, Eigenthümliches, Wunderbares regte sich in seiner Seele. Er stand still und sah zum abendlichen Himmel empor — ein sonderbares, ahnungsvolles Gefühl beschlich ihn, rnid er wußte nicht, wie lange er so in Betrachtungen versunken an der Straßenecke gestanden hatte. Allmälig war cs wieder ruhig und still um ihn her geworden. Die Vorübereilenden schiene» ihr Ziel erreicht zu haben, und auch er schritt langsam vorwärts — wird auch er sein Ziel erreichen? — Vor dem Gitter eines großen Gebäudes hielt er wieder an. Lichterglanz fällt aus weiten Fenstern auf die verhältnißmäßig stille j Straße. Unwillkürlich öffnete er die Gitterthür und trat wie traunr-; verloren in einen Vorhof, der zu einer breiten, nur halb angelehntcn \ Pforte führt. Mechanisch schreitet er auf die Schwelle des Eingangs ' zu und lehnt sein Haupt an die schwere Eichenthür — wo ist er? j Aefft ihn ein Traum, ein Wahngebilde? Oder hat er Aehnliches! schon gesehen in seinem Leben? In diesem Augenblick erschallt Orgel-! klang an sein Ohr, und dann — schlicht, bescheiden und doch gewaltig | ringen aus dieser moderne» Kirchenmusik sich einfache Töne empor: Lalaahla — lala—ala — lalaahla — lalaahla — lala—ahla — la—la—ahlalala-er lauscht »rit angehaltenem Athem, und jetzt noch einmal ... lalaahla — lala—ala . .. „Kol Nidre!" bricht es in wildem Jauchzen von seinen bebenden Lippen — „Kol Nidre!!" Er sinkt auf der Schwelle des Tempels nieder. Inbrünstig umklammert er den Pentateuch, und plötzlich, wie von rasender Begier ergriffen, schlügt er ihn ans, und beim Strähl eines aus der Vorhalle des Tempels herausfallenden Lichtes erkennt er die vergessene Schrift, die alten Zeichen und ihre Deutung wieder — er hat sich gefunden! Vor ihm steht die Vergangenheit, seine Jugend, seine Kindheit, seine Eltern und das Ghetto »rit Allem, was darin lebt und leidet. Der Abend seiner Flucht tritt vor seine Seele, und wie er dann hungernd und frierend durch das Land zog, der arme, verachtete Judenknabe, Jahr und Tag wohl, bis er einst an der Klosterpforte elend und krank zusanunenbrach — das Weitere war ihm in Erinnerung geblieben, aber nun hatte er auch den Anfang, und plötzlich, wie von einer Inspiration beseelt, schreit er mit gepreßtem Tone ans: „Wenastem gei — lioiaj ki jagia gei liorim el ozal“ . . . aber seine Uebersetzung stimmt nicht mit dem hebräischen Text, denn j mit lauter Stimme ruft er aus: „Zurück zu meiner Heimath — zu j meinem Gotte will ich fliehen!" ...; Die Zeitungen besprachen den zweifellosen, unbegreiflichen Selbst-! mord Enrico Marconi's — seine Leiche wurde zwar nicht aufgefunden, j aber wer konnte wissen, wie der berühmte, extravagante, bis hart an j die Grenze des Wahnsinns erregte Künstler geendet hatte? ... Jedenfalls war seine Spur für immer verloren.! Wer heute die engen, winkligen Gäßchc» Venedigs durchschreitet, j die unter der Brücke des Rialto hinweg, an der Pescheria vorüber! nach dem ehemaligen Ghetto führen, Güßchen, die so vielfach verj schlangen sind, daß kaum bewährte Führer sich in ihnen zurecht finden i können, gelangt endlich nach langen Kreuz- und Ouerzügen an ein | hohes neunstöckiges Haus, das die Tafel „Ghetto vecchio“ trügt. Das Ghetto ist gefallen, die Israeliten wohnen in den Prokurazien des Markusplatzes, an der Piazetta und den Ufern des Canale grande in weiten, marmorgeschmückten Palästen, aber das alte Haus steht noch da, ein Wahrzeichen einer traurigen, elenden Zeit. — Es bildet die Ecke, welche zu einem Häuserviereck führt, in dem die portugiesische