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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-18 · Heft 27 (18.7.1890) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 27 (18.7.1890)
Date
1890-07-18
Page
Seite 364 (sequence 8)
Language
German
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364 pathischsten Weise gerecht wird'). Denn es bleibt mir die wichtigere Aufgabe Vorbehalten, die Stellung, die der englische Jude im wirklichen Leben inne hat, zu schildern. (Schluß folgt.) 9 Feuilleton, Kol Uidre. Novelle von Ulrich F r a n k. (Schluß.) Erfreut und gerührt! Das war Marrouic neu. Er mußte diese Antonia ansehen, und so war er. der Verwöhnte, uin zwei Uhr in ihrer Billa, antichambrirte dort zehn Minuten und wurde dann von einem jungen schönen Weibe empfangen, das cs weniger als eine Gnade zu betrachten schien, daß er gekommen sei, wie daß sie ihn begrüße. Harmlos und lieblich plauderte sie mit ihm über sein Konzert, sein Spiel, über Nizza, das Meer und tausend andere Dinge ohne jene himmelnde Schwärmerei, die er von den Frauen gewöhnt war, die ihn zum Mittelpunkt der Erde machen zu wollen schienen. Antonia sagte ihm Freundliches über seine Kunst, aber sie sprach auch von anderen Dingen mit einer Anmuth und natürlichen Klugheit, die ihn fesselten. Als er sie verließ, hatte er die Erlaubniß ausgewirkt, wiederkommen zu dürfen, und von jenem Tage an war Marconi dort, wo er Antonia wußte. Eine herzliche Freundschaft verband sie Beide. Ihr harmonisches, klares Wesen that ihm wohl. Seltener verspürte er in ihrer Nähe die Anwandlungen, die sein Dasein umdüsterten, und ohne daß sie je direkten Einfluß auf ihn zu nehmen versuchte, legte er auch seiner wilden Lebensart um ihretwillen Beschränkungen auf, bis wieder einmal die rasende Genußsucht ihn fortriß. Er mied sie dann und reiste fort, um bald darauf wieder dahin zurückzukehren, wo sie weilte, denn er konnte sie nicht entbehren. Antonia behandelte ihn mit der Ungezwungenheit und Natürlichkeit, die ihre Unabhängigkeit ihr gaben. Sie empfing feine Besuche und kam zu ihm, sie zeigte sich überall an seiner Seite und galt in der Oeffentlichkeit für seine Geliebte, ohne daß diese Voraussetzung einen Schein von Berechtigung gehabt hätte. Enrico wußte nicht einmal, ob sie ihn liebe, aber daß er in heißer Liebe zu ihr entbrannt sei, wurde ihm klarer von Stunde zu Stunde. Zum ersten Male in seinem Leben liebte er! So hatte er nach mehrwöchentlicher Trennung, die er zu Konzerten in Deutschland benutzt hatte, sie vor einigen Monaten in Paris wiedergctroffen. Er war mit dem festen Entschluß angelangt, sich ihr zu erklären und ihre Hand zu begehren. Er kannte ihre Verhältnisse nicht, sie lebte in augenscheinlichem Wohlstand, sorglos und frei, aber was bedeutete das, im Verhältnis; zu den ungemessenen Glücksgütern, die er neben seiner Liebe ihr anzubieten vermochte. Antonia hörte die leidenschaftlichen Worte, mit denen er um sie warb, ruhig an. Kein heißes Erröthen, kein leises Erbeben, kein glückseliger Zweifel, keine bange Frage bekundeten ihre Wünsche, ihre Hoffnungen — sie sah ihn lange und prüfend an und sagte dann ein schlichtes: „Ja!" das er mit jubelndem Entzücken, mit dankbarer Demuth cntgegennahm wie ein köstliches Geschenk, das die Götter ihm gewährt! So wurde sie seine Braut, aber er wußte nicht, ob sie ihn liebe. Am nächsten Tage lernte sie seinen Liebling und Schüler Filippo kennen. Das bräutliche Verhältnis; hatte im Verkehr zwischen Enrico st Die Kenntniß der jüdischen Cercmonialgesetze, welche die Verfasserin — Gattin des Goethebiographen Lewes — beweist, ist geradezu erstaunlich. und Antonia wenig geändert. Sie duldete seine Zärtlichkeiten, aber seinem dringenden Wunsche nach baldiger Vermählung setzte sie den ruhig, aber unumstößlich ausgesprochenen Wunsch entgegen, daß drei Monate bis zur Hochzeit verfließen müßten. Diese Zeit vereinte sie täglich, und eigenthümlicher Weise befanden Beide sich am wohlsten, wenn Filippo die Stunden des Beisammenseins theilte. Der Jüngling hatte eine so liebenswürdige, treuselige Art, mit seinem Meister zu verkehre», seine Launen und Bizarrerien zu ertragen u nd zu mildern, daß auch Antonia sich wohlthuend davon berührt fühlte. Alles, was Filippo that, war anmuthend, rein, kindlich, frisch. Wenn er plauderte und lachte, wenn er schmeichelte und schmollte, immer kam seine unberührte Seele zum sonnigsten Ausdruck. Seinem Spiel lauschte Antonia lieber als dem ihres Verlobten — es war dieselbe Kunst, wen;; auch nicht in voller Reife, aber es war sanft und mild und rein, was die Töne sagten, selbst im Affekt der höchsten Leidenschaft, während Enrico's Spiel die Sinne verwirrte und alle Däinonen der menschlichen Seele wachrüttelte. — Auch Marconi liebte den Vortrag seines Schülers, und so hätten diesen drei Menschen die Tage bis zur Hochzeit in scheinbarer Harmonie und Ruhe verfließen können, wenn nicht seit einiger Zeit schon Gefühle verschiedener Art ihre Seelen bestürmt hätten. Enrico fragte sich öfter als zuvor, ob Antonia ihn liebe, und immer furchtsamer sah er der Antwort auf diese Frage entgegen. Er beobachtete sie, er studirte ihre Mienen, er belauschte ihre Aeußerungen, um einen verborgenen Sinn derselben zu errathen — vergebens, nichts in ihren: Wesen hatte sich verändert. — Auch mit Filippo war eine große Veränderung vorgegangen. Nicht äußerlich gab sich dieselbe kund; aber in seinem Herzen wühlte und rumorte es, sein Blut stürmte in seinen Adern, er war sich anfänglich über diese ganz neuen Empfindungen nicht klar, er bebte und fieberte, er fühlte sich wohl und wehe, er zagte und hoffte, er wünschte und fürchtete — und Alles um ihretioegen, in ihrer Nähe .. . Mit schrillem Laut war die Saite auf seinem Instrument gesprungen — Antonia war eingetreten, unbemerkt von Enrico, in jenem Augenblick, als er wie gelähmt auf sein Ruhelager zurücksank, aber Filippo hatte sie geahnt, gesehen und in diesem Augenblick mit wonnigem Grauen erkannt, daß er sie liebe, die Braut seines Wohlthäters, seines Meisters! — Und Antonia? Sie kannte sein und ihr Geheimniß schon lange. Mit dem Instinkt des liebenden und klugen Weibes hatte sie es errathen. Beide standen sie vor dem Lager Enrico's, auf dem er in halber Bewußtlosigkeit ruhte. Erst heftete sich Filippo's Blick angstvoll auf ihn; als er ihn aber mit geschlossenen Lidern daliegen sah, wagte er den Blick zu Antonia zu erheben, und nun standen sie sich gegenüber, Aug' in Aug', wortlos und doch beredt, selig und sinnenbethört. Und immer tiefer senkten die Blicke sich in ihre Seelen, immer flannnender wurden diese glücktrunkenen Bekenntnisse, so daß sie Alles um sich her vergaßen und auch nicht bemerkt hatten, daß Enrico die Augen geöffnet hatte und sie beobachtete. „Liebt mich Antonia?" Ein verzweifeltes, grimmiges Lächeln zog um seinen Mund. Die Antwort war da! Erst wollte er aufschreien in rasendem Zorn, dann aber wurde er ruhiger, stiller . . . Das Schicksal hatte ihm Antwort gewährt auf eine Frage — vielleicht, wenn er das gelassen und dankbar hinnähme, brachte cs ihm auch die auf eine zweite, auf jene andere, fürchterlichere, entsetzliche: „Was war vordem?" Dieser Gedanke jagte Schauer der Furcht und Hoffnung durch seine Seele. Sein Antlitz verklärte sich, er wurde sanfter und milder, und als er die beiden jungen Geschöpfe noch immer in athemloser Verzüching, in seligem Anschauen vor sich sah, da erfaßte er ihre Hände und legte sie ineinander. — Laut auf-

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