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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-18 · Heft 27 (18.7.1890) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 27 (18.7.1890)
Date
1890-07-18
Page
Seite 363 (sequence 7)
Language
German
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363 ui freieren Ländern lebte, besitzt Stolz auf die jüdische Vergangenheit. Und diesen hat er seinen Glaubensbrüdern einzuflößen verstanden. Das Judenthum bringt seinen Anhängern häufig gesellschaftliche Demüthigungen. Für solche sind Frauen viel empfindlicher als Männer, und so ist es zu erklären, daß so viele Jüdinnen indifferent sind oder dem Judenthum den Rücken kehren'), während dadurch für andere Religionen der Eifer der Frauen eine Wurzel der Kraft bildet. Die tolerante Haltung der englischen Christen mußte deshalb auch das Verhalten der jüdischen Frauen Englands wesentlich beeinflussen. Sie suchen einen Stolz darin, in, Dienste ihrer Religion thätig zu sein, und widmen sich namentlich mit Eifer der religiösen Erziehung. So hielt die Mutter Lord Rothschilds allwöchentlich Ansprachen religiös-ethischen Inhalts an Schulkinder, die Gattin desselben unterhält in Bloomsöury-Hall eine Sabbathschule für Frauen und Mädchen aus dem Volke"), Lady Magnus schreibt Erbauungsbücher für Kinder3), an vielen Religionsschulen unterrichten die Töchter angesehener Familien') rc. Die eingewanderten Juden treten im Westen Londons in einer j kompakten Masse von etwa 50,OM Seelen auf und haben sich dort j eine Art freiwilliges Ghetto geschaffen5 6). Ihre Verkehrssprache ist das : Jüdisch-Deutsche. Es existirt dort ein jüdisch-deutsches Theater, Wahl-! aufrufe für diese Stadttheile werden in diesem Idiom abgefaßt, und j die United Synagogue suchte für dieselben neuerdings einen Rabbiner, ' welcher desselben mächtig ist3). Indessen muß man berücksichtigen, daß; cs sich um frisch Eingewanderte handelt, die jüdischen Schulen werden in einer Generation das fremde Element anglisirt.haben. Die eingewanderten russisch-polnischen Juden sind orthodox. Man rühmt ihnen Fleiß, Verträglichkeit, Nüchternheit und gutes Familienteben nach. Andererseits gelten sie für ungebildet und schmutzig und sollen dem Hazard-Spiel fröhnen. Die meisten von ihnen sind \ amt7 8) und sie haben im Allgemeinen wenig Bedürfnisse, sind des-! halb mit geringem Lohn zufrieden; da sie zudem sich nur ein *er 1 kleinen Anzahl von Berufen gewidmet Habens, welche schnell zu; erlernen sind, haben sie die Löhne sehr gedrückt, sodaß dieselben j 0 Religiöse Indifferenz ist bei Jüdinnen das Produkt der Verhältj nisse, nicht der ursprünglichen Charakteranlage. Von den getauften j Jüdinnen sind viele eifrige Kirchgängerinnen.! 0 Näheres hierüber brachte vor ein paar Wochen ein interessanter! Aufsatz des Herrn Dr. Karpeles in dieser Zeitschrift. j 3) Sie ist auch sonst ans demselben Gebiet schriftstellerisch thätig,! so brachte die Jewish Quarterly Review von ihr einen interessanten Aufsatz über „die nationale Idee im Judenthum". j 0 So an der Schule der Reformgemeinde Miß Mocatta, Miß j Marks. Der vielen freiwilligen weiblichen Hilfskräfte der Gesellschaft! für Verbreitung religiösen Wissens unter den Juden ist schon weiter oben! gedacht. 5) Aehnliche jüdische Quartiere bestehen in- Leeds, Birmingham, j Manchester. j 6) Dies ist auch für die Stellung des Rabbiners in England charakteristisch, der nicht nur ein Redner und Gelehrter, sondern ein Seelsorger sein muß. '•) Von 2980 Familien (mit 11,000 Seelen) welche im letzten Jahre seitens des Board of Guardians Unterstützung erhielten, waren 2523 ausländische. 8) Sie sind meist Trödler, Cigarrenmacher, Schuhmacher, Schneider. Von den 2980 Fällen, welches das Board ok Guardians, wie erwähnt, unterstützt, war in 1917 der Beruf der Empfänger bekannt; von diesen gehörten 1315 den gedachten Professionen an. in den Berufen, in welchen sie vorzugsweise thätig sind, sich am niedrigsten') hielten. b) Beziehungen zwischen Christen und Juden. Antisemitismus. Das eingewanderte Element konnte dem englischen Arbeiter deshalb nicht sympathisch sein, und der Boden für Antisemitismus wäre gegeben — wenn das englische Volk für denselben Talent Hütte. Gladstone erklärte einem Interviewer, daß er in England eine Agitation gegen die Inden für ebenso wahrscheinlich halte, als eine Agitation gegen die Gravitation der Erde. In der That ist von antisemitischen Treibereien in England zu uns keine Kunde gedrungen. Es ist unmöglich zu sagen, wie viel Vorurtheile in den Herzen herrschen mögen"). Wir können nur die Fälle feststellen, in welchen das Vorurtheil seinen Weg an die Qeffentlichkeit gefunden. Die beste Quelle gewähren in dieser Beziehung jüdische Zeitungen, weil dieselben naturgemäß gegen Aeußerungen des Antisemitismus besonders empfindlich sind. Es ist nun gewiß ein erfreuliches Zeichen, wenn dieselben sich nur über einzelne Fossilien des Antisemitismus zu beklagen hatten3), so über einige sprachliche Ueberreste früherer Anschauung, zum Beispiel die Ausdrücke go to tlie jew zum Wucherer gehen, to .jew betrügen4), ein paar Karrikaturen in Witzblättern und die abgedroschene Figur des jüdischen Wucherers im Schauerdrama"). Ich muß mir versagen, im Gegensatz hierzu die Rolle zu schildern, die der Jude in der englischen Litteratur spielt3), und kann nur hervorheben , daß dieselbe als einzige in „Daniel Deronda" einen Roman besitzt, welcher nicht sowohl einzelne Juden als das Judenthum selbst zum Gegenstände hat und demselben in der feinsinnigsten und symsi Allerdings sind sie jetzt bestrebt, im Wege der Strikes die Löhne zu heben. 0 Wenn Deutsche, die in England gelebt haben, über mangelnden Verkehr zwischen Juden und Christen klagen, so ist darauf nicht viel zu geben. Jeder Fremde, der nicht genug Beziehungen hat, findet in englischen Familien schwer Eingang, Christ sowohl als Jude, während zwischen englischen Christen und Inden sozialer Verkehr besteht. Uebrigens ist es Jedermanns Sache, mit weni er verkehren will, und darf er darin jedes Vorurtheil baben, falls dasselbe seine Handlungsweise im öffentlichen Leben nicht beeinflußt. Zurücksetzungen im öffentlichen Leben verletzen das Rechtsgefühl, im sozialen Leben die Eitelkeit. Vorurtheil ist auch lange noch nicht Antisemitismus. 0 Nur einen Fall von wirklickiem Antisemitismus habe ich seit 1. Juli 1889 ermittelt. Ein jüdischer Heirathsvermittler klagt gegen den jüdischen jungen Ehemann auf Zahlung der versprochenen Vermittelungsprovision. Der ktägerische Anwalt beklagte, daß die Juden ihr Wort nicht hielten, erhielt aber wegen dieser Bemerkung vom Richter einen strengen Verweis. ') Der Ausdruck wurde vor einem Polizisten gebraucht, der darüber Klage führte, daß — die Christen — die Polizei hintergingen, indem sie in den Hinterzinunern der Destillationen während der Kirchenzeit sich Spirituosen reichen ließen. fl Böser Wille scheint um so weniger vorzuliegen, als der Theaterdirektor, der diese Spezies pflegt, selbst ein Jude ist. 6) Näheres darüber in dem Buch des Dr. Philippson: „The jews in the English fiction“, Philadelphia bei Clarke & Co. Besonderes Interesse gewährt natürlich die Figur des Shylock. Durch ihre Erklärer gehört sie der modernen Litteratur an, und es verdient deshalb, an dieser Stelle hervorgehoben zu werden, daß die englischen Litteraten in Shylock weniger das „semitische Scheusal", als das Recht suchende Glied einer unterdrückten Kaste sehen. S. über diesen Aufsatz auch Heine, Shakespeares Mädchen und Frauen, und den interessanten Abschnitt in Jherings Kampf ums Recht.

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